Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 16-17 (18.4.1924)
- Date
- 1924-04-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 16/17 und Schändlichkeit erkannt und danach gehandelt. Treitschke hat ihn salonfähig gemacht und ist der rechte Vater von Henrici und Bockel.'In dem notwendigen, aiber gefährlichen Antagonismiis zwischen unserem schneidigen Norden und unserem gemütlichen Süden ist ei; gleichfalls der wirksamste Hetzer. Für das allerdings recht verschwommene Ideal der Jungfrau Germania hat er die ideale Pickelhaube in ~ Kurs gebracht, was mir auch, obwohl ich ein guter" Preuße zu sein glaube, als ein zweifelhaftes Verdienst erscheint. -Wenn der K. preußische flistoriograph von; der sp rieh wörtlich e n Undankbarkeit der Hohenzoliern spricht, so sind solche Worte freilich des Aufsehens und des Beifalls sicher; aber es bleibt ein Akt der Roheit und in unserem auf die*Monarchie angewiesenen Staat eine unverantwortliche Rede. Es gibt kein glänzenderes, aber auch kein gemeinschädlicher-es Buch als seine Geschichte. ,Wer Geschichte, insbesondere Geschichte der Gegenwart schreibt, hat die Pflicht politischer Pädagogik;'»' er soll, denen, für die er schreibt, ihre künftige Stellung zum Staate weisen und bestimmen helfen. Treitschkes Werk ist in dieser Hinsicht diiie einte Nullität, diais rechte EvamgeiKium alles Abziehens von politischer Tätigkeit und damit für den Durchschnittsmenschen des Strebertums. Daß der Mann auch persönlich allerlei Nichtswürdigkeiten begangen hat, lasse Ich beiseite; ebenso beiseite die persönlichen Konflikte zwischen mir und ihm, die übrigens so geringfügig sind, daß für mich darüber ohne alle Schwierigkeiten hinwegzukommen wäre. Das Gesagte wird Ihnen aber begreiflich machen, warum ich gehe, wenn er kommt. Sie können darauf antworten, daß-die Akademie kein Tugendbund ist und bei unseren Wahlen jene Rücksichten nicht obwalten dürfen. Ganz richtig ist das nicht Vor wenigen Tagen kam1 die leidige Aronssche Sache in unserer Fakultät zur Verhandlung; Treitschke nahm die Gelegenheit wahr, eine Judenrede zu halten und den Angeklagten als Kreuzung von Lausbuben und Bleichröder zu bezeichnen. Ihm ist die-Bezeichnung alles, und er ist imstande, auch bei akademischen Reden vorkommendenfalls Aehniiches zui leisten. Aber ich widerspreche nicht, wenn Sie sagen, daß dergleichen die Akademie nicht disqualifiziert. Indes auch Sie werden dem langjährigen Sekretär der Akademie das Recht nicht bestreiten, solchen Möglichkeiten aus dem Wege zu gehen . . . Und vor allen Dingen lassen Sie uns gute Freunde bleiben. Ich habe viel alte Lebensgenossen in diesen Tagen verloren; es geht damit wie mit den Rosen im Herbst; je weniger bleiben, desto mehr hängt man dtarafi." gez. - Mommsen. Gedanken aus Ludwig Pfau's, im Jahre 1882 erschienenen Aufsatz „Preussische Ethik". Es ist kein Räuber so groß, daß niehit ein noch größerer über ihn käme. * * * * Solange es Staaten gibt, sind sie alle an der Ungerechtigkeit zugrunde gegangen und der höchste Ausdruck" der. Ungerechtigkeit ist der Krieg. Er ist nichts anidlerea als der von Staatswesen organisierter Raubmord. * iji * ' ' All der patriotische Lärm ist .nur-ein heuchlerischer Manteil. Der eigentliche Gegenstand, 'des Krieges ist die Erhaltung urid Vermehrung der Macht und -dies Besitzes in den Händen der Dynastien und dirigieirenden Klassen. * % * Durch wen sind die Nationen zugrunde gegangen? Etwa durch das arbeitende Volk? Nein, durch die genießende Aristokratie, durch die Herrschsucht der Fürsten, durch den Ehrgeiz der Patrizier und dii'e Habgier der Ritter und vor allem durch die Heldentaten der Feldherrn und die -Siege der mehr weniger herrlichen Kriegsheere. * a * ' - Der Tag wird bälder kommen, als Marschalle glauben, wo die Macht und Not der Zeit den, wegelagernden Völkern das Handwerk legt, wie sie es den einstigen' Raubrittern gelegt hat. * * , « ■ * - Der Kriegskrug' geht so lange zum Blutbrunnen, bis er bricht. Alle Gewalt rächt sich an ihrem Urheber. Es "gibt kein Heil für die" Gesellschaft außerhalb der Gerechtigkeit. * Wenn wir zu feige sind, unseren Militärstaat von innen zu überwinden, so werden die anderen yso tapfer sein, ihn von außen zu zerschlagen; dagegen hilft kein Moltke und kein Krupp. \.._ Gestalten und Probleme einer jüdischen Weltbewegung. Von Oberrabbiner Dr. Adolf A11 m a n n in Trier. (Fortsetzung) Die Assimilation und in deren Folge die Reform bedrängt und beengt die Autorität; der Tauro, die vom nationalen Dünkel getragene Aufklärung und Halbbildung trübt den frommen Sinn der leichtentgleisbaren Menge, der Nationalismus in seiner radikalen Konsequenz schafft den altgeheiligten Begriff Palästina in eine verweltlichte Staatsidee um und der Materialismus, wie er jetzt mit besonders unerhörter Dreistigkeit durch die Welt zieht und die Jugend bedroht, reißt auch die Jugendlichen unseres Volkes mit und raubt den - Trägern unserer Zukunft die reinen Ideale aus dem Herzen. In diesem Ringen erwachsen der gesetzestreuen Judenheit viererlei Probleme und machen Sein oder Nichtsein des überlieferten Judentums von deren Lösung abhängig. Agudas Jisroel will sich--mit Gottes Beistand — an den Versuch der Lösung heranwagen. Zu diesem Behüte traten in Wien die Vertreter der Lehre, der Frömmigkeit, der Palästinafrage und der Erziehung zusammen, um über, das „Wie-1 eines Lösungsversuches zu beratschlagen. * ■ •' Zweierlei Auffassungen darüber traten zutage: Die Auffassung eines notwendigen Kampfes und die Ansicht eines notwendigen Scholaums. Es fehlte nicht an ganz entschlossenen Vertretern der rücksichtslosen Kampfansage an alle jene Richtungen, die eine Trübung des alten, reinen, überlieferten. Judentums bewirkt haben und noch bewirken, wobei auch so positiv eingestellte Parteien wie Misrachi nicht gut wegkamen. Es mangelte aber ebenso auch nicht an entschiedenen Wort- - mangelte aber ebenso auch nicht an entschiedenen Wortführern des friedvollen Ausgleiches der Gegensätze und Zusammenschlusses der Kräfte aller, die das Bestimmte, Arterhaltende im Judentume erstreben. „Für die erstere Ansicht traten mit wuchtigen Worten besonders die Abgesandten der Tschechoslowakei und viele führende Köpfe Polens ein, auch manche Deutsche waren darunter. Für ein Zusammengehen der Aguda mit dem Misrachi, ja in,vielen Punkten sogar* mit dem Zionismus fanden nicht wenige und nicht zu den geringsten Gestalten des Kongresses Gehörige eindringliche Worte, wie zum Bei-