Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 16-17 (18.4.1924)
- Date
- 1924-04-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 16/17 DIE WAHRHEIT Seite 5 [Die Wahrheit über den Talmud. Von Rabbiner Dr. Schlesinger, St. Gallen.*) Das bekannte Wort: „Es haben Bücher ihre Schicksale"- lläßt sich vielleicht auf kein Buch so passend anwenden, wie [auf den Talmud. Es war sein Schicksal, leider auch in Sankt Gallen Gegenstand von Erörterungen und Auslassungen vor der Oeffentlichkeit zu werden, die geeignet waren, . unbefangene Gemüter zu erregen. Nicht einer Polemik wegen, sondern zur Steuer der Wahrheit gegenüber falschen Vorstellungen ergreife ich das Wort. Dem gebildeten Publikum außerhalb des engeren Theologenkreises soll Kenntnis von 'einem Geisteswerk verschafft werden, über das es Verherrlichungen, aber auch Anklagen zu hören bekam. Vor allem ist es nötig, sich vor Augen zu halten, was der Talmud ist und wie er entstanden ist, sein Wesen und seine geschichtliche Entwicklung zu kennen. Der Talmud!'Das Wort schreibt sich so ieicht hin, es ist so populär geworden und, doch so schwer zu erklären."Mit einer Zeitung hat man ihn verglichen, auch mit den Sitzungsprotpkollen einer großen Akademie der Wissenschaften, und noch mit vielen anderen Werken, ohne das Richtige zu treffen. Aeußerlich ist der Talmud das Resultat einer "mehr denn sechshundertjährigen Gedankenarbeit, eine Sammlung von Debatten, Lehren, ethischen Betrachtungen, Sentenzen, Erzählungen, Legenden usw.: ein Sammelwerk einer umfangreichen Literatur, die sehr, passend als ein weites, tiefes Meer bezeichnet wurde, auf dem sich nur seetüchtige und seekundige Männer zurechtfinden. Vornehmlich bildet der-Talmud Auslegung und Fortsetzung der in der Bibel niedergelegten Gesetze, die das synagögale Verhältnis der Juden betreffen und in früheren Jahrhunderten, in welchen die Juden die bürgerliche Gleichberechtigung nicht besaßen, auch ihre zivilrechtlichen Verhältnisse ordneten. Seiner ganzen Anlage nach kann daher der Talmud nur als eine Quellenschrift für die Auffassung des biblischen Wortes und für die Kenntnis und die Begründung des überlieferten Religionsgesetzes betrachtet werdem; 1 .= itMr'lftizllii •Nur nebenbei bemerkt, gibt es irgend etwas wie ein international verbindliches Recht oder Gesetzbuch der Juden nicht! Auch ihr internationaler Zusammenhang ist nur ein solcher der Abwehr gegenböswillige Angriffe und der Unterstützungheimatloser und notleidender Glaubensgenossen in aller Welt und auch dieser ist nur unter dem Druck des Antisemitismus entstanden. Der Talmud ist der Theologie, Philosophie und der Jurisprudenz gewidmet, jedoch findet auch jede andere Wissenschaft, ob Medizin oder Geschichte, ob Philologie oder Agrikultur, in ihm einen Beitrag. Ohne Kenntnis , und ohne Erforschung der Zeitgeschichte, der Zeitstimmung und der Zeitströmung wird der Talmud eher mißverstanden als so verstanden, wie er es verdient. Mehr als zweitausend Gelehrte kommen dort zu Wort. Ihre Lebensanschauung, die Umstände, unter denen sie gelebt und gewirkt, die Kämpfe, die sie und ihre Zeitgenossen zu bestehen hatten, ihr Stil und ihre Ausdrucksweise können unmöglich mit dem Gegenwartsblick beurteilt werden. Im Talmud sind Lehrmeinungeu einzelner Autoren ausgedrückt, die weder für die damalige Schulmeinung, noch für das Judentum verbindlich waren. Außerdem gibt es eine ganze Reihe von nicht autorisierten, gefälschten, entstellten oder mit Zusätzen versehenen Ausgaben, Uebersetzungen und Erläuterungen und zudem Auszüge und Zusammenstellungen, die, völlig aus dem Zusammenhang gerissen, lediglich bestimmt waren, in tendenziöser und judenfeindlicher Absicht Verwirrung anzurichten und die Volksmassen gegen Juden und Judentum aufzuwiegeln. Das Studium des Talmud und seiner (chaldäischen, mit Fremdwörtern vielfach durchsetzten) Sprache erfordert ein ganzes Menschenleben und kann zu keiner Zeit als beendigt betrachtet werden. Kein Wunder, daß der Talmud unzählige Male kommentiert wurde. Es kann ruhig gesagt werden, daß es nur wenige, gezählte Forscher gibt, die den Talmud ganz beherrschen. Wer unkundig, im Original selbst zu lesen, über den Talmud sich unterrichten will, der lese in den Werken christlicher Männer der Wissenschaft. Ich nenne Wünsche, Strack. Den Geist des Talmud in seinem Verhältnis zu den Andersgläubigen will ich nur durch ein einziges, klassisches *) Aus „Israelitisches Wochenblatt für die Schweiz". Wort kennzeichnen: „Die Frommen aller Völker haben Anteil am jenseitigen Leben, an der jenseitigen Glückseligkeit!" Und doch, obgleich niemand von den Gegnern des Talmuds in seine Tiefen gedrungen ist, obgleich keinem seiner Bekämpfer sein Inhalt restlos bekannt war, wurde er verfolgt und geächtet wie kein anderes literarisches Erzeugnis auf der ganzen Erdenfläche. Ich weise in diesem Zusammenhang auf den Pfefferkorn-Reuchlinschen Talmudstreit hin, auf Eisenmenger, Rohling und wie alle die Feinde des Talmud und des Judentums heißen (von denen die noch in der Jetztzeit, etwa in Bayern kursierenden Schmäh- und Hetzschriften stammen), die in gerechter Abwehr und einwandfreier Verteidigung von jüdischer und christlicher Seite ihre Meister gefunden haben. Der im Jahre 1553 n. Chr. (in Babylonien Vor Jahrhunderten entstandene und) abgeschlossene Talmud wurde im Jahre 1484 zum erstenmal zu Soncino in der Lombardei gedruckt. Die erste vollständige Talmudausgabe wurde von einem christlichen Buchdrucker Daniel Bomberg in Venedig veranstaltet. Eine der nächsten Auflagen erschien in Basel 1578—1581. Diese Ausgabe, die Mutter alter folgenden, ist bekannt durch die vielen Verstümmelungen, unsinnigen Aenderungen und Ausmerzungen des Zensors Marco Marino. So wurde, und das blieb die Zensurregel für die Folgezeit, zum Beispiel jeder Heide, gleichviel, ob er in Indien oder Athen, in Rom oder in Kanaan lebte, ob erein, guter oder ein schlechter Heide war, zum Christen gestempelt. Diese wilkürlichen Aenderungen, diese bewußten Fälschungen "haben natürlich viel Unheil angerichtet, namentlich in den wirren Köpfen von Unkundigen und Unberufenen, die nicht imstande waren, auch nur eine Zeile im Talmud richtig zu lesen, geschweige denn zu verstehen. Wie etwa ein medizinisches 'Werk dem praktischen Arzt, dem Fachmann gute Dienste als Nachschlagebuch leistet, in der Hand des Laien aber oder gar des Kurpfuschers nur Schaden anrichtet, so wird der Talmud für jeden Gelehrten und Gebildeten eine Fundgrube für die Bereicherung-seines allgemeinen Wissens sein, während er den Unkundigen und Unwissenden der Ausgangspunkt zu falschen Folgerungen und schiefen Beurteilungen wird. Theodor Mommsen gegen Treitschke. In der Berliner Akademie der Wissenschaften wurde der Wunsch laut, auch Heinrich von Treitschke zum Mitgliede zu wählen. Das war gegien den Willen des in der Akademie so mächtigen Sekretärs Theodor Mommsens. Von welchen Gründen der Darsteller der römischen Geschichte sich dabei leiten ließ, zeigt der an einen Akademiekoiliegen gemcbti&tz Brief, den Professor v. B e 1 o w in der Monatsschrift „Deutschlands Erneuerung1* veröffentlicht tat und! der seinerzeiiit diise ffriwdie dfurch die freisinnigen Tageszeitungen machte. Es ist z e i tgemäß, wieder auf diesen Brief, der von dem vorurteilsfreien Denken des großen Historikers Zeugnis ablegt, die Aufmerksamkeit zu lenken. „Lieber Freund, Sie haben jetzt Treitschke zum Mitglied! der Akademie vorgeschlagen, wir halben wie sonst in akademischen Dingen seit manchen Jahren so manches geteilt; ich möchte Ihnen zum Ausdruck bringen: Treitschke ist für mich der rechte Ausdruck der sittlichen Verroh'iin 'gl, <$ i e u nsere Z i v <ii 1 i1 s a t i o n in Frage stellt, und auf dem literarischen Gebiet ihr mächtigster Träger. Sein seltenes Talent der Forschung wie der Darstellung hat er in den Dienst dieser Gemeinheit gestellt und der Erfolg, die Wirkung aiüf die Masse, beherrschte ihn völlig. Er ist der Vater des modernen Antisemitismius. Gewiß ist dieser selbst so alt wie die Semiten; aber bisher haben die führenden Männer unserer Nation dessen praktische Durchführung in ihrer Widersinnigkeit