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Die Wahrheit · 1924-04-18 · Heft 16-17 (18.4.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 16-17 (18.4.1924)
Date
1924-04-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 16/17 lösten und befreiten Menschheit gefeiert werden wird. Darum halten wir einen Platz an unserem Sedertischie bereit für Elijahu und halten die Tür offen, "auf daß^ eintrete der Gotteskämpfer und Gottessieger und „zurückführe die Herzen der Väter zu den Kindern und die Herzen der Kindel zu ihren Vätern."- , 7" Zur Lage der Juden in Deutschland. Von Dr. W. C. Welch. ungeheure Gefahr in den Novembertagen vergangenen Jahres an den deutschen Juden vorübergegangen ist, zeigte so recht der Hitler- Prozeß. Wäre es damals nicht zu der Spaltung innerhalb der verschiedenen Kreise der deutschvölkischen Partei gekommen, wärei das so-' genannte Nationale Direktorium ans - Ruder gekommen,, so ist es zweifellos, daß eine ungeheure Welk des rüdesten Antisemitismus über Deutschland dahingegangen wäre.. In diesem Prozeß wurde, wie aus den Tageszeitungen bekannt, zumeist hinter verschlossenen Türen beraten, aber schon die Aeußerung des Stiefsohnes Ludendorffs über das Judentum und die Ludiendorffsi selbst ist charakteristisch genug.- „ " Wenn auch diese äußerste Gefahr vorbei zu sein scheint, - so wird auch alles davon abhängen, wie die nahe bevorstehendien Reichstagswahlen ausgehen werden. Es ist zweifellös mit einem Zug nach rechts zu rechinen, und wenn auch die Deutschnationalen gegenwärtig den Antisemitismus nicht in dem Umfange betonen wie die Deutschvölkischen, so weiß doch das deutsche Judentum, was es von. ihnen zu erwarten hat. Zehn Jahre der Unruhe aber haben den Menschen allmählich stumpf gegen alle Erregungen ge- , ein Lämmchen ist bekanntlich nicht hebräisch, sondern aramäisch — gleich dem Anfange der Haga-, tfah — abgefaßt. Der geistreiche Chassaim Sofer versucht in seinem Kommentar diesen Umstand in . der Weise zu erklären, daß Beginn und Ende der Haga da, erst nach d e r T e m p e 1 z e r s t örung entstanden, in der damals gebräuchlichen aramäischen Volkssprache auch dem einfachsten Manne die Aenderüng der Verhältnisse nahebring en sollten. Wir fragen aber, wie lange noch? Stehen wir nicht bloß im heiligen Lande, sondern mich im Goluth vor einem erfreulichen Um- ' schwung, vor einem neuen Abschnitte, vor einer neuen Bewertung und vor allem vor einer nicht mehr so leicht wie früher zu erschütternden Sieherung des Judentums? Vom Propheten Elijahu erzählt diel Sage, daß er in den Pessachnächten durch die Häuser der einzelnen Juden ziehe, auf daß sie kein Verderben treffe; wir wollen es hoffen und. wünschen, daß dasselbe vom Gesamtjudentume gelte "und diesem von seinem Herrn endlieh zugerufen werde: Es kann dir nichts mehr geschehen; sei rnhig, mein Lämmch^en, mein Lämm!eft en!" "macht, und man kann nicht gerade^ sagen, 'daß die Masse des deutschen Judentums sich der vuikanartigen Situation bewußt ist, in der sie lebt. Mari kann hier deutlich zwei Schichten unter scheiden: Auf den vielen Festen, die die Menschen feiern, die der Krieg und die Nachkriegszeit emporgeitragen haben und denen trotz aller ernsthaften Bemühungen, die man jetzt in Deutschland macht, der Steuerfiskus nicht beikommen kann, sieht man leider auch eine große Anzahl von Juden. Sie sind gewiß nicht schlechter als ihre christlichen Mitbürger, aber da man nun einmal mit zweierlei Maß mißt, bleibt an ihnen gerade der' Haß hängen. Die besondere Tragödie ist es noch, daß diese Juden eigentlich . gar keine Juden mehr sind, daß sie sich nur gerade nicht taufen lassen, weil die Konjunktur dafür nicht günstig ist. Zahlenmäßig bilden sie. nur einen kleinen Teil der Gesamtjudenhe.it Deutschlands. Der schlichte unermüdlich arbeitende Gelehrte, die vielen kleinen Existenzen, die heute schwer um ihr Dasein Zu ringen haben, fallen naturgemäß nach außen nicht in die Augen. Besonders groß ist das Elend unter den Witwen, die durch die; noch nie dagewesene Geldentwertung völlig um ihr Vermögen gebracht worden sind, ebenso schlimm ist djas Schicksal der alten Leute, die sich vor Jahren, nachdem sie/für ihren Lebensabend, glaubten gesorgt zu haben, zur Ruhe setzen. Wenn man heute im Auslände von der hohen' deutschen Valuta liest, so kann man sich von der wirklichen Lage schlecht eine Vorstellung machen. Die genannten Kreiste verfügen eben über dieses ,.neue Geld nur in einem so geringen Maße, daß ihre Existenz auf ein Minimum her abgedrückt ist, immerhin ist durch die Stabilisierung efer Währung auch für sie erreicht; daß ihr kleines Einkommen nicht dauernd weiter zerschmilzt. Mag es nun genug von den wirtschaftlichen Dingen sein. Der Geist itm deutschen Judentum — in den Kreisen, in denen das Wort „Jude" wirklich etwas bedeutet — ist rüstig am Werke. Hier hat gerade die Verfolgung erreicht, daß man süch des hohen Wertes unserer Gemeinschaft wieder bewußt geworden ist. Davon kündet auf der einen Seite die Gründung der Vereinigung AchdUth, die eine Brücke schlägt über die vielfach zerspaltenen konservativen Richtungen, wie die Agudisten, Misrachis'ten, Gemeinde- und Trennungsorthodoxe. Sie will diem gesetzestreueii Judentum zu neuem Leben verhelfen und ihm den gebührenden Einfluß innerhalb der Gemeinden sichern.. Die liberale Richtung hat an Werbekraft stärk eingebüßt.' Es ist ein Drängen nach positiven Werten zu spüren, das sich'mit der religiösen abbauenden Tendenz dieser Richtung nicht verträgt. Viel von sich reden macht die kleine Gruppe Nationaldeutscher Juden Naumannsch'er Färbung, die glaubt, durch' Betonung ihres Deutschtums und Aufgabe alles Jüdischen/ bis zur Selbstentwürdigung die Gleichberechtigung zu erkämpfen. Ueberschauen1 wir so die Gesamtlage, so ist sie äußerlich wohl nicht allzu erfreulich, immerhin ist ein schlimmer Winter fast überrwunden, innerlich jedoch berechtigt sie zu der Hoffnung, daß das deutsche Judentum innerhalb des Gesamtjudentums seine Stellung behaupten! wird.

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