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Die Wahrheit · 1924-04-18 · Heft 16-17 (18.4.1924) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 16-17 (18.4.1924)
Date
1924-04-18
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 16/17 sie täglich neu erobern muß." Freiheit heißt hier frei werden; sich frei machen und von allen künstlichv geschaffenen Hemmungen und Bindungen der Zeit und ihrer Nöte, Sprengen der Fesseln der Leidenschaften und Vorurteile, die wir selbst und die engstirnige Einstellung der Umwelt uns angelegt und auf den Schwingen de'r frei gewordenen Seele emporschweben in das Gottesreich, wo es nicht Herrscher und Diener, nicht Starke und Schwache, nicht Arier und Semiten, sondern wo es nur Menschen und ein gottgewolltes, sittliches Recht gibt, vor dem Unrecht und Bedrückung nicht zu bestehen vermögen, weil es eben Recht im Reiche Gottes ist. In der Höhenluft solcher Freiheit haben geistig und seelisch unsere Väter gelebt, mochten auch ihre gequälten Leiber in der sumpfigen Niederung der engen dumpfen Judengasse dahinsiechen. Nur. dort auf den Höhen selbsterrungener Freiheit konnte das Wunder geschehen, daß der abgehauene,, seiner Krone beraubte Lebensbaum Israels sich immer verjüngte und neue Zweige und' Blüten trieb. Dem Zwecke der Zuführung solch erfrischender Höhenluft diente unseren Vorfahren das Pessachfest. Wie man, im dumpfen Ghetto lebend, dennoch Bergesluft zu atmen vermag, wie man mit siechem Leibe und gequältem Körper sich die j u g e n d 1 i c h e Schwungkraft der Seele, in den Fesseln der Knechtschaft und Bedrückung schmachtend,' die i nnere Freiheit bewahrt — diese grandiose Erscheinung trat. alljährlich am Sedertische ^unserer Vorfahren in erhabenem Glänze und in majestätsvoller Weihe zutage ...... * — Und dasselbe muß das Pessachfest unserer Zeit und ihrem Geschlecht bedeuten. Feste feiern, ohne die dem Feste zugrunde liegende Idee zu lebendiger Wirksamkeit und Wirklichkeit in sich selbst gelangen zu lassen, Feste feiern aus bloßer Pietät und mechanischer Gewohnheit — bedeutet das'Grab aller religiösen Bestätigung. Kein anderes Fest unserer Religion ist aber in solchem Maße von der Gefahr bedroht, eine Angelegenheit seelenloser Pietät und starrer Gewohnheit zu werden und in das Massengrab unserer materialistischen Zeit zu versinken, als das Pessachfest, dessen Wesen die „Erinnerung" bildet und die ihrerseits zum Gegenstande die „Freiheit" hat. Denn mit ihrem ausschließlich dem Konkreten und Praktischen zugewandten Sinn hat unsere Zeit und das in ihr lebende Geschlecht für „Erinnerungen" nur äußerst wenig übrig.. Was aber die Freiheit betrifft, ist dieses Wort nachgerade das Stich- und Sch 1 agwort unserer Gegenwart. Vom Rufe „Freiheit" widerhallt es allerorten in der heutigen Welt. i Niemals zuvor wurde das Wort Freiheit so oft im Munde geführt und ist davon so viel gesprochen, geschrieben, abgehandelt und. verhandelt worden, als in unserer trüben Zeit, der selbst ein fünfjähriges,, in der Weltgeschichte ohne Beispiel dastehendes Völkermorden nichts anderes als ein „rotes" Zeichen der Freiheit ist; Da wird der Ruf: „Und verkünde deinem Sohne an diesem Tage, deshalb hat mir der Ewige also getan, als icV aus Aegypten gezogen war" zum Weck- und Mahnruf für alle Söhne der Gegenwart, zum Erwecker und Verkünder -der wahren Freiheit, zum- Fahnenschwinger einer neuen Zeit. Denn mit dier Freiheit, von der heute die Welt erfüllt ist, verhält es sich, um ein Bild Schopenhauers zu gebrauchen, wie mit den Schildern auf manchen Dorf Wirtshäusern, auf denen oft Namen hoher Herrschaften zu lesen sind, die aber niemals ihren Fuß in diese Ubikationen gesetzt haben. Freiheit,' dieses herrliche Wort zur Bez_eichnung des kostbarsten Gutes der Menschheit geschaffen, ist in unseren Tagen zu einer hohlen, blutleeren Phrase herabgesunken, von der Art, wie sie Max Müller im Sinne hatte,- als er den Satz niederschrieb: „Erst spielen wir mit den Worten, dann spielen die Worte mit uns." In Wirklichkeit Feuilleton k»l Ein Lämmchen, ein Lämmchen. * Eine Betrachtung zu den Sederabenden von Rabbiner Dr. M. Rosenmann. Zu dem Auftrage, den Gott durch Moses an Israel ergehen ließ: „Holet und nehmet euch ein Schaf für eure Familien und schlachtet das Pessachopfer" bemerken unsere Weisen im Midrasch, daß Moses ausgerufen habe: „Herr der Welt, wie sollten wir ein Schaf schlachten, wenn dieses von den Aegyptern als Gottheit verehrt wird; werden sie uns nicht darob steinigen?" Hierauf anwortete Gott: „Bei deinem Leben, nicht früher darf Israel" Aegypten verlassen, als bis es eben durch dieses Schlachten den Bewohnern des Landes bewiesen habe, daß das Schaf kein Gott ist." Das Schaf, oder wie es oft mit dem kurzen hebräischen Ausdruck: Seh, d. h. Lamm, Lämmchen, bezeichnet wird, genoß bei den alten Hebräern und späteren . Israeliten eine besondere Fürsorge. Von den drei Patriarchen Abraham, Isak und Jakob wissen wir, daß sie sich mit dem Weiden dieses sanften, anspruchslosen Wesens befaßten. Als Josef seine Brüder Pharao vorstellte, betonten sie mit besonderem Nachdruck; daß sie Schafhirten seien. Auch Moses, am königlichen Hofe^ erzogen, verschmähte es nicht, auf der Flucht Schafhirte zu werden und gerade als er die Lämmchen seines Schwiegervaters weidete, erblickte er die göttliche Erscheinung. Eine Legende bringt diesen seinen Beruf als Schafhirte mit seiher historischen Berufung zum Führer des geknechteten Volkes in inniigsten Zusammenhang. Moses hatte nämlich eines Tages das jüngste Schäfchen seinef Herde vermißt. Er suchte es überall in, der Wüste, nicht des geringen Wertes wegen, sondern aus Sorge, um das Leben des Lämmchens. Hinter einem Dornenstrauch fand er es verirrt, verloren, verschmachtet. Auf den Händen trug er es wie ein Kind fürsorglich zur. Quelle, wo er es labte und am Leben erhielt. Nun erst offenbarte sich ihm Gott, inidlem er sprach: „We!r einemi Lämmchen so viel Liebe entgegenbringt ist auch'würdig, der Hirte eines Volkes zu sein." Ein sinnreiches Motiv, das von einem Wiener Dichter mit geringen Aenderungen in sein Drama „Jaakobs Traum" einSeflochten wurde. Auch der lieder- und siegreiche König David war bekanntlich' ein Schafhirte, von dem rühmend hervorgehoben wird, daß er von " der Hürde weggeholt wurde, um Herrscher über Israel '^^J&^.s~^^;i^~-Si

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