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Die Wahrheit · 1924-04-18 · Heft 16-17 (18.4.1924) · page 1

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 16-17 (18.4.1924)
Date
1924-04-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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D€yfscti©st€rr€icliiscH€ Wodiensdiriil iür itiüisdie Hit ä€m Beiblatt: Veröffenfttmongen der „Union deufschösterreidiisiher Juden * Redaktion und Administration. Wien II., Heincflrufie 13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 18. April 1924 Nummer 16/17 Freiheit in der Unfreiheit, Unfreiheit in der Freiheit. Eine ,B e t r a ch tung zum Pessa c hf est 5684. Von Rabb. Dr. Armin A b e 1 e s. Das Pessachfest, dessen unmittelbar bevorstehender Feier alle jüdischen Herzen seit Wochen entgegenschlagen, bildet einen Beitrag zur Lösung jenes "Rätsels, welches die Erhaltung des Judentums bis auf den heutigen Tag der staunenden Welt bietet. Denn was der in eisigen Winterfesseln schmachtenden Natur der alljährlich wiederkehrende Frühling, das ist unser alljährliches Frühlings- - fest unserer Vätern gewesen "und soll es uns auch heute sein: ein J u n g b runnen, ein Quell der Verjüngung und Erneuerung. Ein Volk, das wie das jüdische, in allen Ecken und Enden der Welt verstreut, ohne Heitnat ohne Land, dem endlosen Druck der Völker und Zeiten ausgesetzt, oft der primitivsten Gerechtsame und Freiheiten beraubt, sich es trotz alledem nicht nehmen läßt, seit Jahrtausenden alljährlich im Angesicht des erwachenden- Frühlings sein Fest der Freiheit zu feiern — ein sol- : dies Volk, haben auch hoch so viele Jahrtausende ihre Ringe in seinen Lebensbaum eingekerbt, trägt das unverkennbare Merkmal ewiger Jugend an sich und in sich. ' ■ , * Was ist das aber für Zaubergewächs, diese „Freiheit", deren alljährliches Gedenken ein solches Wunder bewirkt, das Wunder ewiger Jugend an . einem der ältesten Kulturvölker auf Erden? Vielleicht läßt sich diese Frage, wie es im Leben nicht selten geschieht, am besten durch eine andere beantworten. Durch eine Frage, die bereits in uralten Zeiten von unseren Lehrern in verschiedenartigster " Form und Einkleidung aufgeworfen ward und die auch heute noch immer wieder erhoben wird. Welchen Sinn, sö lautet diese Frage, hat es für das jüdische Volk das Pessachfest zu feiern, die Erinnerung an. ein Ereignis festlich zu begehen, das von der Zeiten Lauf längst überholt und durch die Vorgänge der Geschichte um jegliche Bedeutung gebracht erseheint? Es gibt'wohl kaum ein zweites Kulturvolk auf Erden, das der Wohltaten der bürgerlichen und sozialen Freiheit so selten und in so geringem Maße teilhaftig ward und dessen Geschichte bis auf den heutigen Tag eine so ununterbrochene Kette von Leideil und Bedrückungen darstellt, wie das jüdische. Einem solchen Volke zumuten, sich alljährlich zur Feier, eines Freiheitsfestes bereit zu finden, heißt das nicht etwa so viel, wie einen Blinden mit der Aufgabe betrauen, eine Sonnenfinsternis zu beobachten oder einen Tauben, eine musikalische Festwoche zu veranstalten? Aber als würde die heilige Schrift all diese Bedenken und Bin Wendungen vorausgeahnt haben, läßt sie zum Unterschiede von den anderen biblischen Festen, den Schwerpunkt der Pessachfeier uns darin erblicken, daß wir unseren Kindern immer wieder erzählen und verkünden die -Geschichte und die Bedeutung des Festes. „Und erzähle deinem Sohne an diesem Tage, deshalb hat Gott mir also getan, als ich aus Mizrajim gezogen war." Weshalb?! Etwa bloß "um unseren Vätern im heiligen Lande zur nationalen und politischen Freiheit zu verhelfen? Das dürfen wir unseren Kindern nicht erzählen,, denn sonst würden sie uns einwenden, daß diese Freiheit ja doch eine sehr beschränkte und von sehr kurzer Dauer gewesen. Und neben vielen anderen Dingen, deren Erörterung hier zu weit führen würde, würden sie uns vor allem fragen: War die Besitznahme von Palästina nicht bloß ein Mittel zu einem heiligen Zweck, sondern das ideelle Endziel der Erlösung unserer Väter vom Sklavenjoch Aegyptens gewesen, warum wird diese, alles andere an Bedeutung überragende Tatsache .in unserer Bibel nicht mit entsprechender Klarheit und Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht?-Warum.erscheint dann nicht statt des Auszuges aus Mizrajim die Festhaltung der Erinnerung an das w i c h t i g e r e E r e i g n i s des Ein- -zuges in das Land Kanaan durch ein alljährlich wiederkehrendes Fest geboten? Und lautet dann nicht das erst der zehn Gebote etwa: Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich in das Land deiner Väter bringt. Nein, nein, fern sei esvon uns, solches unseren Kindern zu erzählen! Wollen wir bei der religionsgeschichtlichen Wahrheit bleiben, dann müssen wir deit Mut haben, unseren Kindern immer wieder zu sagen: Aus Mizrajim hat der Weg unsere Väter zum Sinai geführt, um des Sinai willen ist ihre Erlösung erfolgt. Aut den lichtumflossenen Höhen jenes gotterwählten Hügels, unter zuckenden Blitzen, und tosendem Donner war unseren Vorfahren die Erkenntnis des wahren Wesens ihrer Befreiung aufgegangen. Nicht als im Politischen und Nationalen verankert, nicht als ein fertiges Ergebnis, durch „die brutale Gewalt der Tatsachen" herbeigeführt, ist solche Freiheit zu erachten, sondern vielmehr als ein Zustand der Seele, der mit ungeheuerer Kraftänstrengung täglich und stündlich von neuem errungen wird, ein Zustand, wie er von unseren alten Weisen mit unübertroffener Plastik durch den Spruch geschildert: „Jedes Geschlecht habe sich so zu betrachten, als wäre es selber aus Aegypten gezogen" und von Goethe,, mit dem Meistergriffel seiner Sprache nachgezeichnet wird: „Nur der verdient das Leben und die Freiheit, der

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