Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 15 (11.4.1924)
- Date
- 1924-04-11
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Veröffentlichungen | K ÖCP #) 8 n—---«-------- - - „Union deutschösterreichtseher Juden' i | Post tparfca »cen« Keido 5 Nr. MM Telephon Nr. ■—■■■■■■■■■■■■«■»—« Weltkorruption. Es gibt kaum ein Verbrechen, welches den Juden während des Weltkrieges nicht angelastet wurde. Man hat sie des Kriegswuchers, der Preistreiberei, der Bestechung, des Schmuggels, ja selbst des Hoch- und Landesverrates beschuldigt und sie ebenso für den Kriegsausbruch wie für den Friedensschluß verantwortlich gemacht. Die Nachkriegszeit hat all diese gehässigen antisemitischen Vorwürfe als unbegründet erwiesen. Es besteht heute kein Zweifel mehr darüber, daß die Juden aller in den Krieg verwickelten Länder ihre patriotischen Pflichten mit -derselben Hingebung, Opfer Willigkeit und Pflichttreue erfüllten wie alle anderen Staatsbürger. Aber noch etwas anderes hat die Nachkriegszeit aufgezeigt. Mit Erstaunen liest man von ungeheuren Korruptionsaffären, die in den letzten Wochen in einer Reihe von Siegerstaaten aufgedeckt worden sind. Der große Petroleumskandal in Amerika, der sich daraus entwickelte, daß Mitglieder der Regierung riesige Petroleumgebiete, die als Reserve zur Oelfeuerung für die amerikanische Kriegsmarine dienen sollten, an einige Großunternehmer verpachtet hattien und. dlalfür ungeheure Bestechiungsgelder nahmen, ist ein Ereignis, welches den seinerzeitigen Panamaskandal noch weit überbietet. Nicht nur der Minister des Innern, Fall, und der Marineminister, D e n b y, sondern auch der Generalstaatsanwalt, Daugherthy, sind in denselben verwickelt und mußten von ihren Stellungen zurücktreten, sondern die Schmutzwellen dieses Ozeans von öffentlicher Korruption schlafen sogar bis in das Kabinett des Präsidenten der Vereinigten Staaten, Mr. Cooiidi-ge, hinein. Geber und Nehmer der Mammutbestechungen, welche in diesem landesverräterischen Handel gezahlt wurden, sind durchwegs „Arier". Dasselbe gilt von dem Rattenschwanz von Korruptionsaffären, welcher die öffentliche Meinung der jungen tschecho-slowakischen Republik gegenwärtig in so ungeheure Erregung versetzt. Hochstehende Beamte des Kriegsministeriums und der Heeresleitung, Stabsoffiziere und Sektionsohefs, sind hier die Schuldigen. Gegen die bestehenden Vorschriften wurden Heeresbedarfsartikel, die an Qualität minderwertig waren und deren Quantität den wirklichen Bedarf weit überstieg, ohne Konkursausschreibung an bevorzugte Lieferanten gegen ungeheure Bestechungsgelder vergeben. Die ehemaligen Legionäre, die aus der österreichischen Armee zum Feinde übergegangen und in Frankreich sowie in Sibirien die tschechische Legion gebildet hatten, haben ihr eigenes Vaterland, die junge Republik, aus schmutziger Geldgier verraten. Und auch diese Bande war absolut „judenrein". Auch in Frankreich wird über die Vergiftung der öffentlichen Moral geklagt, die Regierung sieht sich gezwungen, alle Reparationszahlungen für den Wiederaufbau der verwüsteten Gebiete einer strengen Revision zu unterziehen, weil in der Kammer der Vorwurf erhöben und Beweise erbracht wurdlen, daß einzelne Industrielle mit Hilfe von Regierungsorganen viel höhere Schadensummen ausgezahlt erhielten, als sie zu fordern berechtigt waren, sich daher an der Not des Vaterlandes bereicherten. In der Nachkriegswelt wird somit jene laxe Moral wieder lebendig, welche schon vor zweitausend Jahren durch das Wort des römischen Kaisers Vespasian: „Non olet" („Das Geld hat keinen Geruch") gekennzeichnet wurde und welcher um die Mitte des vorigen Jahrhunderts der französische Ministerpräsident G u i z o t durch die Aufforderung an: seine Getreuen: „Enrichissez vous!" („Bereichert Euch!") gerecht wurde. Bei all diesen Dingen, die zum Himmel stinken, sind weder Juden noch jüdische^ Geld beteiligt. Man darf daraus wohl den Schluß ziehen,' daß Liebe und Hingebung zum Vaterlande kein ausschließlich „arisches" und Korruption kein besonderes jüdisches Erbteil sind, wie die Antisemiten aller Länder und insbesondere auch die Großdeutschen in Oesterreich es glauben machen wollen. Korruption hat es zu jeder Zeit und bei jedem Volke gegeben. Und gewiß war auch Oesterreich nicht frei von diesem öffentlichen Uebel. Man braucht sich nur der Gründe zu erinnern, aus welchen seinerzeit Dr. Lueger seine getreuesten Parteigenossen Leopold Steiner und Strohbach fallen lassen mußte. Der Abgeordnete Kronawetterhat damals den treffenden Ausspruch getan: Das kommt überall vor, nur mit dem Unterschiede, daß es bei anderen aufgedeckt und bei uns vertuscht wird. In der letzten Zeit machen sich allerdings auch bei uns Korruptionsschnüffler bemerkbar. Nur wird hier nicht die Korruption als solche, ohne Unterschied nach Rang, Stand, Abstammung und Glauben, bekämpft, somdern man sucht >1 e d ii g «1 i c h i ü d ischen Unredlichkeiten auf die Spur zu kommen. Mit gerechtem Befremden erführ man in den jüngsten Tagen aus einer Ehrenbeleidigungsverhandlung von einem Briefe, den ein „arischer" Revisor der Südbahn an den Vizekanzler und Justizminister Dr. F r a n c k gerichtet hat Der Herr Revisor beschuldigt in diesem Briefe den Präsidenten der Generaldirektion der Südbahn, Herrn Dr. Fall, daß er Möbel und Bilder aus Rom zollfrei nach Wien habe schmuggeln wollen. Wenn dies wahr ist, so muß das schärfste Vorgehen der Gefällsbehörden gegen Dr. Fall gefordert werden. In dem erwähnten Briefe heißt es aber wörtlich: „In Verfolg eines sozusagen praktischen Antisemitismus habe ich — wie Sie ja w.iss en — es mir zur Aufgabe gestellt, unsere jüdischen Direktoren bei der Südbahn in ihrem Tun und Handeln zu überwachen." Allen Respekt vor dem Puritanismus des Herrn Revidenten, aber sein Schreiben an den Vizekanzler löst eine ganze Reihe ernster Fragen aus. Warum nur die jüdischen Direktoren? Ist es vielleicht den nicht jüdischen unverwehrt, den Staat zu