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Die Wahrheit · 1924-04-11 · Heft 15 (11.4.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 15 (11.4.1924)
Date
1924-04-11
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 15 durch ihre sorgfältige Fonm aius, sie war eine sehr elegant geMeiidete Mißgeburt, ja, der Redner bediente sich einer so gewählten Sprache, daß er beispielsweise „kleiner Israelit" sagt statt Judenhub, ein Opfer, -das wir -in unserer Zeit, in der man dem Juden gegenüber auf eine so große Deutlichkeit des Ausdruckes bedacht ist, keineswegs gering ansdhlalgien möchten. Der Prinz gab aber auch eine Enthüllung zäum besten, er bekannte sich offen zum Antisemitismus und beklagte es namentlich, daß alle Konifektibnisigeschäfte in jüdischen Händen seien. Früher warf man dem Juden fortwährend vor, daß sie .mit alten Hosen handeln, so daß der Antisemitismus neben anderen Rechten den Juden selbst die allgemeinen staatsbürgerlichen Hosen entziehen zu woben schien. Der fürstliche Hosen-Reiormer nahm auch den Antiseanitisimius dagegen in Schutz, daß derselbe ein Schandfleck sei^ und meinte, daß man dann auch die Statistik, aus der jener hervorgegangen, einen Schandfleck des Jahrhunderts nennen müßte. Demnach ist also die Statistik die Mutter des Antisemitismus, die Russen und Polen sind, indem sie die Judlen vertreiben und mißhandeln, nur eifrige Statistiker, und wenn man ihnen auch ihr Hab und Gut nilmimt, so ist das w ahrscheinlich bloß eine „statistische Gebühr", die sie zu entrichten haben." Unerschöpflich ist Spitzers Witz, wenn er das leidige Gebiet der Politik verläßt; er kehrt geflissentlich sein Laientuim hervor, um durch, sein, den Nagel auf den Kopf treffendes Urteil unfähige und anmaßendie Fachleute zu beschämen, er hüllt die frechste Satire in feierlichen wissenschaftlichen Ernst oder Pathos: „Obwohl er kein Diplomat ist und auch sonst noch in ikeiner Weise eine Abnahme seiner geistigen Kräfte fühlt . . ." „Er wird sich gewiß keine Kritik von Hirtenbriefen herausnehmen, denn er ist ja selber Feuilletoniist und weiß daher, wie leicht man beim Schreiben von einem Stoff auf den anderen gerät" .. . . Oder er wirft sich pathetisch in die Brust: „Ach, warum ist nicht die ganze Menschheit ein Eduard M., daß man sie diuren Verleihung des Franz, Josefs-Ordens glückliieh machen könnte!" . . . „Fricka und Woüan schflaifen aiuif sanft ansteigender blumiger Höhe, oh, daiß ihr sanfter Sohliummer ewig; währte!" . . . „P. war als Politiker niemals ernst zu nehmen, denn er hat wohl jede politische Lage rasch aufgefaßt, aber seine Auffassung war immer eine falsche" . . . „Den Schluß der Prozession machten die Weiber, sowie die Jungfrauen mit ihren Kindern" ... Im Nekrolog eines seiner oft vierspotteten Opfer ruft er wehmütig: „Ach sie gehen alle dahin, einer nach dem anderen, sie sterben undi geben meinen Geist auf!" ... „Das Stück hat einen äußerst 'gesunden Humor, wenigstens wirkt dessen Lustigikei-t nicht im mindesten ansteckend" . . . „Stuttgart besitzt außer seinen 92.000 Einwohnern keine besonderen Merkwürdigkeiten" . . . „T. ist einer der besonnensten Staatsmänner, der jeden Unsinn sehr lange überlegt, bevor er ihn ausspricht" . . . „Der Kummer hatte ihr selbst ihre Erinnerungen geraubt und sie glaubte daher, sie. sei erst 28 Jahre alt" . . . Den christlichen Sohn eines getauften jüdischen Vaters nennt er „einen Juden: in zweiter Verdünnung", er läßt eine silberine Statue des heiligen Nepomiuk „allen Schwarakingen der Valuta ausgesetzt sein", einen Grafen, der gegen diiie Theorie polemisiert, diaiß 'der Mensch vom Affen abstamme, „in einer persönlichen Angelegenheit das Wort ergreifen" uinid den kathoiliischen Se,veriinus-Verein über das Abschlachten dies Borstenviehs an Freitagen im „wehmütigen Tone der Famlitentrauer Klage führen". Er steht fest, daß bei den Premieren des Burgtheateris „ailie das Stück bereits auswendig wissen mit Ausnialhme der Schauspieler", daß ein alter Haiushiahn sein Mittagsschläfchen gestört habe, nicht etwa durch sein Krähen, sondern weil man ihm „den .Sängerpreis als heuriges Brathiühinchen vorgesetzt hatte", daß die „einzige Seltenheit, welche dlas Museum zu A. aufzuweisen halbe, dessen Besucher seien". Gut erfunden siinidi auch Schlalgiworte wie „eine komplette Rundreisebildung in 30 Tagen", der „in den weitesten Kreisen zuim Speisen eingeladene Dichter", ein Aristokrat „von alt verschuldetem Adel", eine „glückliche, durch keine heiratsfähige Tochter getrübte Ehe". Es kann natürlich riebt Zweck vorliegendier Arbeit sein, ein auisführiliches Bid von Leiben und Werk des „Wiener Spaziergängers" zu gelben; sollte der eine oder andere, angeregt durch dfese Zeilen, zur Saimmliuing von Spitzers gesamimielten Feuilleton greifen, so wird er sicher darin neben manchem Verstaubten vieles auch über den momentanen humoristischen Effekt hinaus Wertvolles und Interessantes finden. ■Daß Spitzer, wie jeder Mensch, bei aller 'innerlichen Reinheit irrte — erwähnt sei nur seine heute seltsam anmutende Stellungnahme zu Richard Wagner — wind ihm kein bi'Jliig Denkender verübeln. Sahlüeßliich ist ja dlie Saitiire in erster Linie ein K u nstwer >k und) dementsprechend zu werten. Sie kann, muß aber nicht einen kultureilen oder pädagogischen Zweck haben. Was eine akzidentielle Folge ihres Wesens ist, gehört ihr nicht essentiell zu». Und niemand iist der Gefahr des Irrtums, dies Fehlurteils leichter ausgesetzt, ails eben der Satiriker, der durch sdlais Szepter der Lächerlichikeit mm Richter über alle und aiies wird. Justizschande. Die Affenkomödie des Münchner Volksgerichts hat den programmgemäßen Verlauf genommen. Wie in einem kitschigen Roman wußte man am Anfang schon das Ende. Sie kriegten sich und die Bavaria hielt in bengalischer Beleuchtung segnend ihre Hände über die Gruppe. Niemand, der Verlauf und Aufmachung dieses Hochverratsprozesses beobachtete, konnte anderes erwarten. Die Richter gehorchten dem Schrei der Straße, machten Kotau vor den Drohungen der vaterländischen Sturmtrupps und Schutzverbände; vielleicht sogar dem Zuge des eigenen Herzens folgend. Warum sollten schließlich die Hüter des Rechts, die eigentlich doch nur Menschen sind, nicht der allgemeinen Suggestion erliegen? Pflicht und Eid sind nicht immer, nicht für alle bindend. So kam es, wie es eben kommen mußte. Die Angeklagten, mit Ausnahme des Hauptschuldigen, wurden nach dem Problem, den Pelz zu waschen, ohne ihn naß zu machen, verurteilt. Es

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