Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 15 (11.4.1924)
- Date
- 1924-04-11
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 Die Wahrheit Nr. 15 gleich sein Apostel Redakteur Dr„ S. Breslauer durch idiats „Mitteilungsblatt" dem Mißerfolg im einen Triumpf uirnizufälschen bestrebt war. Neben 'dem Tatsächlichen der Berichterstattung leistet sich Dr. Bresfaiuer Auifklärungs- und UeberrödiiMgsarbleit, wobei er am antisemitischen Prahlern. Lösung«- versiuche macht. Ihm ist 'die Jud'enfrage keine politische, keine religiöse, auch k einte Rassenf rage, sondern die Frage dies „Verhältniisses der Juden zu ihrer aodlensstämrriigen Umwelt". Mag sein, alber daran wird- Dr. Naumann so wenig ändern, wie .sein Apologet Dr. Breslauer. Schon aius der ältesten Geschichte weiß man* daß der anldersstärrMniige 'Pharao praktischen Anitasemitismus betrieb. Er ließ die Juden für sich die Städte Ramses ondi Pison1 erbauien! und folgte auch den Einflüsterungen eines ägyptischen Qeneralqeartiermeiisters Ludendorlf „wenn sich die Kinder Israels zu stark venmehren, könnten sie im Kriege stich zu unseren Feinldlen schlagen". Um eine ' solche DolchstoßmögMIclifceit zu venhiüten, griff Pharao zu dem radikalsten Numerus clausus. „Alle naugieborenen jüdischen Knälbfein sollt ihr imis Wasser werfen." Die Mädlchen dluriften leiben bleiben lals heraniwiadhisenjdes Material1 für dien dlerhöchstem Harem. Es gibt wohl niach Dr. Breslauer auidh Ausnahmen von sogearteten Andiersstämmiigen, beispielsweise Engllanidl Dieses kaum sich den Luxus dies Nichtantiiseanitiisrnus erlauben, denn) es ist „ein glückliches, innerlich und äußerlich gefestigtes Lamid". Warum aber schiwetigt dies Sängers Höflichkeit von dem keineswegs innerlich und äußerlich/ geleistigten Italien, wo die Juden schon: lange wirkliche Gleichberechtigung genießem? Und was ist's rriiit der Tschechoslowakei older dlem vor kuirizen noch hialhwegs barbarisch gewesenen Serbien? Dort bedingt die AnldtersstänTirniilgkeit keinen Antisemitismus. Diaigegen ist er eine endemisch auftreteinidje Seuche, so weit die deutsche Zunge klingt. Gegen düiese1 bietet die" bloß jüdische Einheitsfront schon wegen ihrer zahlenmäßigen „Unizulänglohkeit keiinen Schutz". üairaus folgt nach Naumann-Breslauer: Judenpogrome können nur dlurich die Einheitsfront aller anständigen und vernünftigen Menschen abgewehrt werden, die sich bilden wird, wenn eis einmal wirklich zu Ausschreitungen in Deutschland kommen sollte. Hier hiat meines Erachtens das Register ein Loch, denn die amstänidiigien vernünftigen Menschen sM bis auf weiteres gegen die völkisch unld national Eingestellten so an der Minderheit, daß sie bei Judenschutzversuchen sofort überramnt würden. Als weitere Gründe gegen diel nur jüdische Einheitsfront werden von den Dioskuren Naumann- Breslauer ins Treffen geführt, daß dem Geschäftsantisemitismus eine scheinbare Berechtigung gegeben würde, weil ein Volk im Volk, ein Pfahl im Fleisch nicht ertragen werden könnte. Aus alledem folgt schlüssig: der deutsche Jude müsse als dienendes Glied dem Ganzen des deutschen Volkes sich anschließen. Den Gipfel der Verstiegenheit erreicht aber der Satz: „Die Tragik derjenigen Juden, die sich noch heute zu einem jüdischen Volke zählen, sei, daß sie dias Goethe-Wort: ,Stirb und werde!' nicht verstanden haben." Es ist nun allerdings keine Tragik, sondern nur bedauerliche Tatsache, daß der Schreiber dieses Goethe-Wort nicht verstanden oder geflissentlich mißdeutet hat. Denn es hat einen bloß biologischen Sinn. Es umschreibt den 'Kreislauf der Natur. Niemand hat je gewagt, einem Volke zu raten, daß es sterbe, um wieder zu werden. Ein gestorbenes Volk ist atomisch aufgelöst unter den anderen. Deshalb hat sich auch jedes Volk instinktiv mit Klauen und Zähnen gegen seinen Tod gewährt. Auch das jüdische, dieses mehr als jedes andere, weil es eine Aufgabe und Mission hat. Der Naumannsche Dr. Breslauer entblödet sich trotzdem nicht, dem Judentum Selbstmord zu predigen. Seines Erachtens würde es sich um eine belanglose Sache handeln, wie er mit Folgendem sophistisch beweisen möchte: Der nationaldeutsche Jude verleugnet seine Eigenart nicht, er verleugnet auch nicht seinen Gott. Aber dieser Gott sei nicht mehr der Gott eines kleinen auserwählten Stammes, er sei der Gott der Propheten, der Gott der iganzen Welt und damit auch der de witsche Gott! Nun wird es Herrn Breslauer nicht unbekannt sein, daß der neudeutsche Gott Allfadur Wuotan ist. Wenn noch die Asen in Wallhall thronen, sie müßten sich vor Lachen ausschütten über die Zumutung, ihnen Naumanns Juden als Bekenner zuzuführen. * * * Die Versammlung im Berliner Logenhaus hatte indes ein Erlebnis, mit dem sie sehr dick tut. Unter dien Anwesendem befand sich nämlich auch ein Herr Major Kurt Anker, Ehren- oder Renommier-, chnist, den1 sich Dr. Naumann beigebogen hatte. Dieser Herr Major a. D. wird als Rechtsredakteur und Monarchist klassifiziert und kam als erster Diskussionsredner zum Wort. Hoffentlich überwiegt seine militärische Fähigkeit die rhetorische, was daran zu ermessen ist, daß er unter anderem sagte, es sei ihm kein Teil des deutschen Volkes zu schlecht (zu schlecht ist sehr gut!), ihn für die Erneuerung des deutschen Volkes heranzuziehen, auf daß er (dieser zu sichledhte Teil) im wahrscheinlich einst nötigem blutigem Freiheitskampf auch mit dem Leben für Schwarz-weiß-rot einstehe. Die deutschen Juden danken fürs Obst. Sie sind 1813 und 1914 mit ihrem Leben für Schwarz-weiß-rot eingestanden und man weiß ja, wie Mutter Germania es ihnen dankte. Was Wunder, daß die ungeschickten Auslassungen des Majors a. D. bei einem Teil der Naumann-Versammlung auf stürmischen Widerspruch stießen und der Reichstagsabgeordnete Dr. Cohn sich zu der Bemerkung hinreißen ließ, es sei fraglich, ob die Erhältung des Deutschtums einen neuen Krieg wert sei. Nun war natürlich der Teufel los und Dr. Cohn wäre sicher von den Nationalen ohne Unterschied des Glaubens gelyncht worden, hätte nicht der Vorsitzende die Geistesgegenwart gehabt, das Deutschlandslied anstimmen zu lassen, unter dessen besänftigender Wirkung der Bedrohte sich ungefährdet aus dem Saale entfernen konnte; aber an eine weitere Tagung war nach dem entstandenen Tumult kaum zu denken. Dr. Breslauer möchte aber gleichwohl nicht die Flinte ins Korn werfen. Er bleibt guten Mutes und plant „rechts und links diejenigen Männer von der Notwendigkeit unserer guten Sache zu überzeugen, die guten Willens sind und sich frei genug von Partei- und anderen Abhängigkeiten fühlen, um gleichgesinnten Kreisen die