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Die Wahrheit · 1924-04-11 · Heft 15 (11.4.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 15 (11.4.1924)
Date
1924-04-11
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 DIE WAHRHEIT Seite 3 aller Zeiten und aller Länder (die Deutschen nicht ausgeschlossen) beschäftigte, eine Thre-nschleicherin gewesen und Mordechai die Entdeckung eines Attentates auf den König Ahasverus „inszenierte'4, um sich als Königs- und Vaterlandsretter aufzuspielen — „wie es jetzt von jüdischer Seite vielfach in Deutschland geschieht" — sind Märchen, so abstrus und ungeheuerlich, daß sie von keinem Schuljungen — von Reventlow selbst am allerwenigsten — geglaubt werden. War mir erst einmal „die hohe Ehre" zuteil geworden, vom Grafen Reventlow zitiert und excerpiert zu werden, so hätte er aber mit viel mehr logischer Berechtigung an das Ende seiner bibelexegetischen Ausführungen die folgende" Stelle aus meiner mehrfach erwähnten Purimhetrachtung fügen müssen: „Dreiste Lügen, alberne Märchen, niederträchtige Fälschung und Verleumdung, Folterkammern und Scheiterhaufen, Disputationen und Inquisitionen — kein Mittel war ihm zu schlecht zur Erreichung des Kampfzieles, das er sich gesteckt: die geistige und sittliche Minderwertigkeit des Judentums zu erweisen". Logisohes Denken ist aber nicht die stärkste Seite des Herrn Grafen und auch das von ihm eigens erfundene Axiom „Böses Gewissen schärft das Urteil" scheint bei ihm selbst eine Ausnahme zu machen. Wie dem aber auch sei: Gegen seinen Willen hat mir Graf Reventlow In der Nr. 13 seines „Reichswart" die glänzendste Approbation meiner Purimbetraehtung geliefert und, was er sicherlich am allerwenigsten gewollt, bewirkt, daß ich „als schreibender Staatsbürger jüdischen Glaubens meinen Mund und meine Tinte" — Stilblüte des Herrn Reventlow — wie bisher auch in Zukunft der jüdischen Sache zur Verfügung stellen werde. * # In einer in Amerika erscheinenden jüdischen Zeitschrift habe ich vor einigen Jahren die Bemerkung gelesen: Der europäische Völkerkrieg war ein grandioses Chomez-Schütteln gewesen. Kein Zweifel, es ist ein Körnchen Wahrheit in diesen Worten enthalten. Vermag er auch keineswegs als der trag absagen zu müssen, weil die Behörde die vorher erteilte Bewilligung eine Stunde vor dem Abend zurückgezogen hatte, auf die Weiterreise begab, da passierte mir auf der Strecke nach Radautz folgender unheimlicher Fall: Wir saßen im Waggon mehrere Reisende, darunter Frauen und Kinder. Wieviel Personen und welchen Schlages sie waren, konnte infolge der Finsternis nicht festgestellt werden. Plötzlich hörten wir einen furchtbaren Schrei, worauf Hiebe folgten, die wegen ihrer Wuchtigkeit ganz deutlich vernehmbar waren. Es entstand ein Lärm. Besonders die Frauen begannen zu jammern, die Kinder nicht minder, so daß einem angst und bange werden konnte. Die Balgerei dauerte unter ängstlichem Jammergeschrei so lange, bis der Angreifer vom Ueberfallenen mit einem Messer gestochen wurde und blutübeströmt zu Boden stürzte. Als nachher der Schaffner mit seiner Laterne erschien, die übrigens nicht verschwenderisch funktionierte und kaum den einen Wagenteil zu beleuchten vermochte, da stellte es sich heraus, daß der Ueberfall von einem rumänischen Gendarm versucht wurde, der seinen Sitznachbarn berauben wollte. Man brachte den Angreifer nach Radautz und übergab ihn dem Bahnkommando. Angesichts solcher Annehmlichkeiten blieb ich in Radautz nur bis zum Morgengrauen, fuhr dann, natürlich bei Tageslicht, nach Czernowitz zurück, eilte rasch ins Reisebüro und kaufte mir eine Fahrkarte, mit der ich, nachdem ich mich bei der Assekuranza abgemeldet hatte, den Zug besteigen konnte, auf dem eine Tafel mit der heißersehnten Ueberschrift prangte: Von Bukarest nach Wien. Menschheitserneuerer und Weltenerlöser zu gelten, als wrelcher er eine Zeitlang von gewisser Seite ger priesen worden ist, so kann man doch nicht umhin einzuräumen, daß der Weltkrieg, dessen erschreckte Zeugen und Zeitgenossen wir sind, bei allem Furchtbaren lind Schrecklichen, das er über die Menschheit gebracht, eine nicht unbeträchtliche Menge Sauerteiges, allerlei Gärungsstoff, der die menschliche Gesellschaft in steter Gärung und Erregung hielt, zum Schwinden gebracht hat. Aber worauf es hauptsächlich ankommt und ohne dessen Verschwinden die kranke Welt nicht gesunden kann, das wirkliche Chomez, es hat, weit entfernt davon, zu verschwinden, durch die unheilvollen Folgen des Weltkrieges an Stärke und Intensität noch eine beträchtliche Steigerung erfahren: Die ätzende, menschen- und völkerverderbende Säure des Rassen- und Klassenhasses. So lange für Herrn Reventlow und seine Genossen in allen Ländern und Weltteilen die Möglichkeit besteht, mit dem in der Unkultur des Rassenhasses gezüchteten Bazillen die Luft zu verpesten und den Götzen des Tages, den Dämonen der Volksleidenschaften ungestraft das wehrlose Judentum zum Opfer zu bringen, kann von einem Wiederaufbau der gesunkenen Welt nicht gesprochen werden. Erst wenn diese Götzen zertrümmert und ihre Altäre, auf denen gewissenlose „Priester*" ihr trauriges Handwerk üben, eingeäschert sind, erst wenn die Menschheit in harter Selbstzucht und lange andauernder innerer und äußerer Vorbereitung sich dessen würdig erwiesen hat, erst dann wird sie ein Fest der Erlösung feiern dürfen, wie wir Juden als Vorfeier desselben das herankommende Pessachfest begehen, nicht aber ohne daß wir uns dazu würdig vorbereiten. Bis dahin gilt das Gebot der Schrift: „Und am ersten Tage sollt ihr vernichtet haben alles Gesäuerte in Euren Häusern." Jüdisches, allzu Nätioiialdentschjudisches. Herr Dr. Max Nau m a n n möchte für sein Leben gern ernstgenomimen werden als Reformator dies deutschen Judentums, als Erfinder des national'deiutschen Juden., der die Keimzelle gegen die Einhei'tsfront alller Glaubensgenossen bild'en soll, also kurzum als ein Großer in Israel. Aber vom Erhabenen, das Herrn Dr. Naumann vorschwebt, zum Lächerlichen, das er darstellt, ist auch hier nur ein Schritt. Mich wenigstens erinnert der Führer des Klüngels na/tionaHdieufectoer Judlen dtarch sein tragikomisches Schicks!af an jenen unentwegten Hausierer, der nach mehrmaligem Hinaiuiswurf den Kopf zur Türspailte hereinsteckt: „Lassen Sie mich nicht so fortgehen!" Der übern'ationaldeu'tscii-iüdische Dr. Naumann wurde bereits von Zionisten, von „Zwischenscih'i'üht'Iern", das', heißt den Assiimilia<nten, und' von Völkischen, d'enen er Kampfgenossen zu- •füihren wollte, sehr deutlich abgewimmelt. Das rieht ihn wenig an. Er bietet gleichwohl sein Programm im Umherziehen feil, ohne jedoch ein erhelbtches Geschäft zu machen. Bei der letzten diesjährigen Versammlung im Berliner Logenhaus war es besondiers arg, wenn-

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