Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 15 (11.4.1924)
- Date
- 1924-04-11
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 3 5 wertvollste Gedanke des Purimfestes und die kostbarste Lehre der Estherrolle die durch Mordechai und Esther hergestellte Einheits- und Abwehrfront der Juden Susa's von mir hingestellt erscheint, und daß er über die von mir auch für das Judentum der Gegenwart besonders dringend geforderte Einigung und Einigkeit in so maßlose Aufregung gerät — beweist am schlagendsten, daß meine Ausführungen ins Schwarze getroffen haben. Denn gerade der seit Jahr und Tag bestehende und in unserer trüben Gegenwart besonders schwer empfundene Mangel an jeglicher zielbewußten einheitlichen, die Gesamtjudenheit auf eine gerade Linie der Entwicklung bringenden Organisation ist ja gleichsam das tägliche Brot, von dem sich die Judenfeinde aller Zeiten und Länder hauptsächlich nähren und tmlt welchem auch die Leser des „Reichswart" gespeist werden. Ist es auch sonst in der Regel keineswegs ein Zeichen besonderer Stärke, in einem Feldzuge nach Bundesgenossen zu suchen, so mögen taktische Gründe und Erwägungen es immerhin als erklärlich und gerechtfertigt erseheinen lassen. Wenn aber Herr Reventlow in seinem Lügenfeldzug gegen Esther, Mordechai und das ganze Judentum die Zionisten als Gesinxmngs- und Bundesgenossen für seine dreisten Entstellungen in Anspruch nimmt, so ist es von vornherein klar, daß dadurch nicht der Sache selbst, sondern der falschen Einstellung und böswilligen Unterstellung Vorschub geleistet werden soll. Solche Taktik mag vielleicht noch vor zwanzig Jahren ängstliche Gemüter und harmlose Seelen in Erregung und Schrecken versetzt haben, heute-aber wirkt sie absurd und lächerlich. Denn längst wurde dieselbe von Zionisten wie auch von Nichtzionisten dturchschaut und als das erkannt, was sie in Wirklichkeit ist: Ein mißglückter Doppelversuch durch das Ausspielen der Einen gegen die Anderen einen Keil in die ohnehin geschwächten Reihen der J-udenheit zu treiben, dann aber' auch zugleich unwahren Behauptungen und böswilligen Erfindungen durch Berufung auf andere, ebensolche Unwahrheiten den Schein des erbrachten Wahrheitsbeweises zu gebem Indes hat aber — nach Auffassung eines berühmten Homiletikers — schon der weise Prediger im Beginn seines Koheleth die Feststellung gemacht: Eine Nichtigkeit — Hawel — mag auch mit noch so vielen anderen Nichtigkeiten — Hawalim — verbunden erscheinen, so können sie allesamt — hakol — erst recht nicht anders denn — Howel — als eitle Wahngebilde angesehen werden. Was aber die zur Sache selbst gehörenden Ausführungen des Herrn Grafen und namentlich seine exegetischen Erläuterungen zum Estherbuche anlangt, so bereitet ein meritorisches Eingehen auf dieselben jedem ernst denkenden Menschen nachgerade physisches Unbehagen. Denn sie sind nichts anderes als ein Sammelsurium öder, abgestandener Redensarten Eisenmenger und Rohlingischer Provenienz, die daher nicht einmal den fraglichen Reiz des Neuen und Originellen besitzen, glatte, jeder ernsten Nachprüfung hohnsprechende Erfindungen, denen selbst das „Si non e vero, e bene trovato" nicht zugebilligt werden kann. Würde Graf Reventlow die Estherrolle in seinem Leben auch nur ein einziges Mal zu Gesicht bekommen /und darin Kap. VIII und IX, wenn auch nur ganz oberflächlich durchgelesen haben — an diesen Stellen wird immer wieder ausdrücklich betont, daß die Susanischen Juden, wiewohl sie die königliche Ermächtigung hiezu hatten, „ihre Hand niemals zum Plündern und Beute machen ausgestreckt haben" —, er hätte;, sofern ihm die Fähigkeit, Wahres von Falschem zu unterscheiden, überhaupt noch eignet, sich5 unmöglich so tief erniedrigen können, als Ergebnis seiner Estherforschiumg idiie Behiamptumg aufzustellen: „Sobald! e's gilt, jüdischen Raub und erschlichene jüdische Macht zu verteidigen und zu vergrößern, so sind sie alle einig". Daß Esther, eine der sympathischesten Gestalten, nicht nur der biblischen, sondern der Weltliteratur, die die Muse der größten Dichter, Musiker, Maler Feuilleton Von Wien nach Bukarest. Ernste und heitere Erlebnisse von Josef Grob. (Schluß.) X. Rumänische Bahnen. Als man seinerzeit, anläßlich des sechzigjährigen Regierungsjubiläums Kaiser Franz Josefs den großen Festzug veranstaltete, bei dem, wie erinnerlich, infolge des ungemein großen Gedränges mehrere Menschen erdrückt wurden, da meinte ein Wiener Witzbold, wenn jetzt jemand sagen würde: „Grüß Euch Gott, ich gehe jubilieren", würde man gleich erkennen, daß der Mann mit dieser löblichen Absicht lebensüberdrüssig sei. Dasselbe Gleichnis könnte man auf die rumänischen Bahnen anwenden.. Etwas Gefahrvolleres, als in einem rumänischen Zug zu fahren, gibt es meines Erachtens nicht und es zeugt von großer Unvorsichtigkeit, wenn man nicht vorher zu Hause ein Testament zurückläßt. Allerdings erfährt das Ausland nicht viel von der rumänischen Bahnengefahr, weil diejenigen Zeitungen, die davon Kenntnis haben, diese Tatsache mit Stillschweigen übergehen, da sie sonst Gefahr laufen, von der rumänischen Regierung auf die schwarze Liste gesetzt zu werden, wie es bereits mit mehreren ausländischen Zeitungen der Fall war. Kommt der Zug zu einer Flußbrücke, die in Rumänien fast auf jeden Kilometer anzutreffen sind, dann überlegt der Zugführer zuerst, ob er sich hinaufwagen soll, da selten eine dieser Brücken unbeschädigt ist. Kein Wunder, daß in Rumänien Bahnunglücksfälle zu den täglichen Erscheinungen gehören und beinahe als Selbstverständlichkeit aufgefaßt werden. Was mich jedoch meistens nicht nur gewundert, sondern auch verdrossen hat, ist das Verbieten, sich seine eigene Kerze im finsteren, überfüllten Kupee anzuzünden, woraus man schließen müßte, daß die Regierung es absichlich auf das Leben der ärmeren Bevölkerung abgesehen hat (denn in den Schnell- und Expreßzügen ist das Anzünden nicht notwendig, weil diese Züge zur internationalen Bahngesellschaft gehören und daher beleuchtet sind). Was sich, abgesehen von den anderen Gefahren, die mit einer solchen rumänischen Lokalbahn verbunden sind, in den finsteren Waggons während der Nacht abspielt, spottet jeder Beschreibung und ermöglicht die Gefahr eines Ueberfalles. Wie oft kommt es vor, daß man plötzlich während der Fahrt von einer Bande überrascht und ausgeraubt wird, so daß man noch von Glück reden kann, das nackte Leben gerettet zu haben. Nicht selten sind auch die Ueberfälle durch Reisegefährten, die eine Strecke weit im selben Kupee mitfahren, plötzlich ihren Sitznächbarn überfallen und, um ihn zu berauben, entweder halb oder ganz totschlagen. Alsich mich nach sehr mühevoller Absolvierung mehrerer Provinzorte, wo mir in einigen Ortschaften das Malheur geschah, im letzten Augenblick den bereits angekündigten Vor-