Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 14 (4.4.1924)
- Date
- 1924-04-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 14 DIE WAÜRBBIT Seite 9 bestarid des § 302 sei auch deswegen gegeben, weil bei der Darstellung auf gewisse Instinkte gerechnet werde, wodurch eben die Feindseligkeiten hervorgerufen werden könnten. * , * In Riga hat, wie von -dort berichtet wird, dieser Tage ein polnisches Dienstmädchen bei der Polizei die Anzeige ereattet, daß "es mit eigenen Augen gesehen habe, wie der Leichnam eines Christen in den Laden eines jüdischen Bäckers getragen wurde, und es sei klar, daß der Bäcker des Leichnams bedurfte, um aus ihm christliches Blut für die bevorstehenden Pessachtage zu gewinnen. In Lettland kannte man bisher die Rituaimordlegende nicht, aber die bestimmte Behauptung des Mädchens schuf eine starke Erregung, die für die Juden gefährlich zu werden drohte. Dank der Energie der Rigaer Polizei, die einerseits bei dem jüdischen Bäcker eine strenge Hausdurchsuchung vornahm, die selbstverständlich negativ, verlief, und anderseits die Anzeigerin ins Kreuzverhör nahm, wurde die Sache bald aufgeklärt. Der Dienstgeber des Mädchens gab bei der Polizei zu Protokoll, daß das Dienstmädchen ihm tags zuvor erzählt habe, daß es in der verflossenen Nacht einen mystischen Traum 'gehabt habe, in dessen Verlaufe es sah, wie zu dem jüdischen Bäcker eine menschliche Leiche getragen wurde. Das Dienstmädchen, abergläubisch veranlagt, erklärte, daß der Traum auf Wahrheit beruhen müsse, und ging hierauf zur Polizei, der es seinen Traum als wahre Begebenheit mitteilte. Das Dienstmädchen wurde verhaftet und die Bevölkerung ist beruhigt. Aus unseren Mitgliedschaften. Propagandasektion. Freitag, den 4. April d. J., K»8 Uhr abends, findet im Kaffee Silier, I., Franz Josefs-Kai, 1. Stock, der zweite Propagandaabend dieser Sektion mit folgender Tagesordnung statt: 1. Vortrag des Rechtsanwaltes Dr. Jakob 0 r n s t e i n, Präsident der „Union" unter dem Titel „Unsere Aufgaben in Gegenwart und Zukunft. 2. Vortrag des Rechtsanwaltes Dr. Edmund Korn „Die neuen Steuergesetze". Gäste sind herzlichst willkommen. Die Ortsgruppe Favoriten hält Donnerstag, den 10. April, in Franz Winzigs Gasthaus, X., Favoritenstraße 111, Eingang Quellenstraße 64, eine Plenarversammlung ab, in welcher Präsident Dr. Jakob 0 r n s t e i n über „Unsere Aufgaben in Gegenwart und Zukunft" und Baurat Wilhelm K e m p 1 e r über die „Tätigkeit des Kultusvorstandes" sprechen werden. Gäste, auch Damen, herzlich willkommen. Aus unserem Rechtsschutz-undAbwehrbüro. Juden in der kommunistischen Partei. In einem Züricher Organ finden wir eine Meldung aus Wien, nach welcher anläßlich des vor einigen Tagen stattgefundenen kommunistischen Parteitages nach stürmischer Debatte sämtliche jüdischen Mitglieder des Parteivorstandes ausgeschifft und ein völlig judenreiner Vorstand mit großer Majorität gewählt wurde. Die kommunistische Partei hat in Wien und in Oesterreich nie viel bedeutet. Solange in Ungarn das Regime Bela Kun herrschte, wurde sie von Emissären dieser Partei aufgepulvert und es kam am 15. Juni 1919 zu der blutigen Niederwerfung eines kommunistischen Vorstoßes durch die Wiener Polizei. Nach unserer Kenntnis war die Zahl der Juden innerhalb der kommunistischen Partei stets eine sehr geringe und als Führer haben sich nur ein Herr Dr. Friedländer mit seiner Frau und ein Herr Dr. Frey bemerkbar gemacht. Daß es den arischen Kommunisten gelungen ist, diese jüdischen Führer abzusägen, beweist mit aller Klarheit, wie wenig der Vorwurf antisemitischer Elemente berechtigt ist, daß die Juden einen großen Prozentsatz zur kommunistischen Partei stellen. Opticus- und Heimatrecht Auf eine diesbezügliche Anfrage des Abgeordneten E i s l e r erklärte Bundeskanzler Dr, Seipel im Budgetausschuß, daß eines der fünf Gesetze, welche die Regierung jetzt im Rahmen der Verwaltungsreform vorlegen wolle, sich auch mit der Regelung des Heimatsrechtes der Optanten beschäftigen werde. In das neue Verwaltungsgesetz sei eine Art Novellierung des Heimatrechtes einbearbeitet worden, so daß dieser Gegenstand damit erledigt werden körinte; Das ist dringend notwendig, denn gegenwärtig besitzen die Optanten wohl die Bundesbürgerschaft, aber kern Heimatrecht. Wahrheiten vom Tage Trinkspräche. Wenig hat sich an dem Zeremoniell geändert, das bei der Zusammenkunft von Staatsoberhäuptern beobachtet wird, ob diese nun gekrönte Häupter erblicher Monarchien oder freifewählte Häupter demokratischer Republiken sind. Es ist alles schon vorher festgelegt und staatsmännisch angeordnet worden. Der Besucher weiß deshalb, "was der Besuchte ihm feierlich sagen wird und was darauf ebenso feierlich zu erwidern sei. Man spricht mit sorgsam temperierter Herzlichkeit und ist darauf bedacht, daß die wohlgesetzten Worte, für die Oeffentlichkeit berechnet, in dieser die beabsichtigte Wirkung nicht verfehlen. Auf der einen wie auf der anderen Seite befleißigt man sich eines wohlgesetzten Friedensspruches und überfließt von herzlichen Gesinnungen. Die großen Kinder, sie hören es gerne. Unter diesem Gesichtswinkel korinte man auch die vor kurzem erfolgte Zusammenkunft der Reichskanzler Deutschlands und Oesterreichs werten. Nach Tisch, das heißt nach abgehaltenem Festessen, läßt sich das Gesprochene wieder anders lesen. Wenn beispielsweise Dr. Seipel gegenüber dem Kollegen aus dem Reichsstaate betonte, daß hüben und drüben der wahre Völkerfriede eine Notwendigkeit sei, konnte Dr. Marx diese Bemerkung wohl nicht anders als zustimmend aufgreifen und versichern, daß sie in seinem Herzen ein kräftiges Echo gefunden und deutscherseits es an allen ernsthaften und aufrichtigen Bestrebungen, auf dem Boden der Gleichberechtigungen mitzuarbeiten, nicht fehlen werde. Völkerfrieden — Gleichberechtigung, welch frohe Botschaft, namentlich aus dem Munde eines so Verantwortlichen wie des Regierungschefs des Deutschen Reiches. Ob aber auch diesen schönen Worten die erforderlichen Taten folgen werden? Die Innen- und Außenpolitik des Herrn Dr. Marx läßt daran einigen Zweifel aufkommen. Trotz der verkappten Diktatur, die vom Generalgewaltigen v. Seekt geübt wird, sehen wir diese angebliche Gleichberechtigung mit verschiedenem Maße geübt; konnte es geschehen, daß die wüsten Hetzer gegen die Erfüllungspolitik große Gefahren heraufbeschwören, während ein Friedensgeist vom Weltruf eines Ouidde die Schmach einer Inhaftnahme erleiden muß, weil es dem Herrn v. Seekt und den anderen Generälen so beliebt. Und wie es draußen mit der Gleichberechtigung der Juden gegenüber den Hakenkreuzlern steht, ist ein Kapitel, das nicht zum Abschluß gelangen will. "Der Eiertanz der Kandidaten. Zurückgekehrt von seiner Wiener Besuchsreise, den Staub noch an den Füßen, mußte sich der Bundeskanzler des deutschen Reiches in den Trubel des Wahlkampfes stürzen. Dr. Marx ist der Vertrauensmann der noch immer einflußreichen Zentrumspartei und sie hat ihn als Spitzenkandidat in einem Wahlkreise aufgestellt. Dort hielt auch Dr. Marx prompt seine Rede. Nun ist es um Wahlreden innerhalb dieser Partei keine leichte Sache. Das Zentrum ist dem Wesen nach vor allem konservativ. Es hat Schattierungen, die monarchistisch eingestellt sind und gegen die Wiedereinsetzung der Dynastien grundsätzlich nichts einwenden würden. Ein anderer Flügel der Konservativen hat sich mit der Republik, wenn auch nicht befreundet, so doch ehrlich auseinandergesetzt. Gemeinsam ist den Konservativen der Wunsch und das Streben nach Ruhe, nach unverändertem Besitzstand. Das Zentrum, am besten mit unseren Konservativen vergleichbar, ist nicht kampfgierig. Es ist demzufolge auch nicht für scharfe Tonart und radikale Maßregeln. Trotzdem werden diese Frommen im Lande von allem, was sich national oder vaterländisch nennt, heftig befehdet. Aus den Reihen des Zentrums ist nun der gegenwärtige Reichskanzler hervorgegangen und hat bisher auch keinen Frontwechsel vollzogen. Bezeichnend war eine von uns kürzlich mitgeteilte Aeußerung über die Staatsgefährlichkeit der Deutschvölkischen. Unbestritten ist dieser Mann der Richtige zur Vertretung der Kon- . servativen im Reichstag. In seiner Kandidatenrede durfte er also mit Hinblick auf die Hörerschaft die Ansicht vertreten, daß die Breschelegung an den Versailler Vertrag ein höchst verhängnisvolles Beginnen wäre, vielmehr ist die Errjillungspolitik die wahre Aufbau- und Verständigungspolitik. Den Nationalisten, so weit ihre schwarz-weiß-roten Farben reichen, hat dieses Bekenntnis natürlich nicht gefallen. Allerdings versuchte Dr. Marx das bescheidene Zugeständnis, die Schuldfrage des Krieges, womit Deutschland belastet werde, habe sich, historisch untersucht, für dieses freisprechend erwiesen. i