Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 14 (4.4.1924)
- Date
- 1924-04-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 14 DIE WAHRHEIT Zu Oppenheimers 60. Geburtstag. (30. März 1924.) Von Professor Dr. Erik N ö 11 i n g. Des Tages zu denken, an dem Franz Oppenheimer, der weit über die Grenzen des deutschen Sprach- und Kulturgebietes hinaus rühmlich bekannte Nationalökonom und Soziologe der Frankfurter Universität, seinen 60. Geburtstag begeht, ist auch für den Leserkreis dieser Blätter Anlaß genug vorhanden. Wo die Straße widerhallt vom wüsten Geschrei der Antisemiten, wo ein erregter Rassenfanatismus auch in das Gebiet des forschenden Gedankens seine Schlagbäume vorschiebt und Anerkennung geistiger Leistung abhängig machen möchte von vorangehender Abzapfung von Blutsproben, ist seine solch kurzstirnigen Wahn hoheitsvoll und mitleidig belächelnde Gestalt von doppeltem Wert. Wenn irgendwo so zerbricht vor dem Lebenswerk dieses Mannes die armselige Phrase vom „zersetzenden Judengeist". Als Oppenheimer, den ursprünglichen Arztberuf beiseite schiebend, sich volkswirtschaftlichen Studien zuwandte, lag die deutsche Nationalökonomie unter historischem Schutt vergraben oder in minutiöse Einzelforschung verstrickt. Der Wille*zum System, zur großangelegten, konstruktiven Stoffbewältigung schien gelähmt, das Erbe der Smith, Ricardo und Marx unbenutzt und vergessen. Abgestoßen von der theoretischen Bedürfnislosigkeit-, überdrüssig des müden Verzichts, die gewaltige, positive Schaffensbegabung gegen den. Druck epigonenhafter Gewöhnung anstemmend, griff Oppenheimer auf die große Tradition der Gründer zurück, indem er nach einheitlichem Bauplan die zerstreuten Einzelerkenntnisse zur Geschlossenheit des Systems zusammentürmte. Vom Boden her und seiner Besitzverteilung begriff .er die wirtschaftliche Erscheinungswelt. Die klassische Nationalökonomie und ebensogut ihre sozialistische Gegenlehre waren industriezentrisch gerichtet, d. h. von der Stadt her gesehen und aus städtischer Anschauungsweise gedacht. Dem „land- und heimatfremden Juden" Oppenheimer blieb es vorbehalten, den Boden wieder in den Mittelpunkt der ökonomischen Betrachtung zu rücken und von diesem Beziehungszentrum aus die Gesetze der Wirtschaft zu deuten. Die Bodensperre, das uibristisch-politische Bodenmonopol, ist schuld auv all den Verzerrungen und Störungserscheinungen des heutigen Wirtschaftslebens, dessen gesunde Selbstregulierung durch diesen, einer gewaltigen Vorzeit entstammenden Eindringling gehemmt wird. Man beseitige die Bodensperre durch Aufteilung des Landes in bäuerlichen Kleinbesitz, oder besser noch, man lasse an die Stelle des unrationell wirtschaftenden Großgrundeigentums die überlegene Betriebsform der landwirtschaftlichen Produktivgenossenschaft treten, und die todbringende Krankheit, an der die Herrlichkeit der antiken Kultur dahinschwand, ist behoben. Aber Oppenheimer ließ es nicht bewenden beim g es ehr i ebenen Wort. Um die Lebensfähigkeit, der von ihm geforderten ländlichen Produktivassoziation zu beweisen, schritt er über die bloße Theorie hinaus zum beweisenden Experiment. Es wird immer als schönes Symbol und Ausdruck der Doppelseitigkeit seines Wesens gelten, daß sowohl auf geheiligtem Väterboden in Palästina wie in deutscher Heimaterde (Domäne Bärenklau) zwei blühende Siedlungen entstanden. Denn nie verlor das Blut dieses Mannes die Erinnerung seines Ursprungs. Daß in der " Jangen Reihe der Vätergeneration kein einziger Abtrünnling und Ueberläufer war, den Aussicht auf Gewinn und Lebenserleichterung bewegen konnten, sich den alten Blutszusammenhärigen zu entziehen, ist nach seinem eigenen Wort ihm immer ein besonderer Stolz gewesen. Aber auch die andere Seite seines Wesens hält nicht weniger wurzelzäh und treu die andere Zugehörigkeit fest, an der er nicht minder Anteil hat: zur märkischen Heide und zum märkischen Kiefernforst, die sein Heimatempfinden umspannt, und zur großen deutschen 'Kulturgemeinschaft, der gegenüber er nicht nur ein empfangender Zaungast, sondern ein wertvoller M e h r e r war, der mit den zahlreichen Werken seines Geistes sich einen dauernden Ehrenplatz in ihr sicherte, so daß auch sein Name fallen wird, wo immer die Besten genannt werden. Ein kraftvolles jüdisches Stammesbewußtsein ruht eingebettet in märkischer Heimatliebe und deutschem Kulturgefühl. Das ihm stets gegenwärtige Wissen um die enge Ver- bundenheit mit der deutschen Kulturnation möge ein Erlebnis - bezeugen, das dem Schatz langjährigen persönlichen Umganges mit ihm entnommen ist: Es war in seiner Bibliothek, und wir plauderten über die besondere Schicksalhaitigkeit des Deutschen und Juden. Oppenheimer lehnte an einem der hohen, bis zur Decke mit Büchern bestellten Borde. Als wollte er den Schlußstrich unter die lange Unterhaltung setzen, fuhr er mit einer lässigen Handbewegung über die Reihe der von ihm selbst verfaßten Bücher hinweg, die dort Band an Band aufgereiht standen, und sagte mir: „Wer sein ganzes Leben hindurch so bemüht war, selbst schaffend an der Bereicherung des deutschen Kulturgutes so mitzuarbeiten, der gehört mit dazu, ob er will oder nicht." Man sollte dieses Wort wie eine Fackel in den trüben Nebeldunst hinaustragen, den ein geschäftiger Kulturantisemitismus heute massenweise produziert, nachdem Rassen- und Wirtschaftsantisemitismus ein wenig abgenutzt und verschlissen erscheinen, wüßte man nicht, daß in dieser Stijkluft auch die edelste Leuchte nicht zu brennen vermag. So mag das Wort lieber ein Lichtsignal bleiben. Wie in Oppenheimers Persönlichkeit und Werk eine Verschmelzung der beiden, nach Meinung der Kulturantisemiten aller Richtungen ewig wesensfremden und sich ausschließenden Elemente, eine Verbindung von Judentum und Deutschtum gelang, frei von allem Krampf und jeder Künstelei, eine ebenso natürliche wie höchst fruchtbare Durchdringung, das hat beispielhaften und vorbildlichen Wert auch für eine breitere Allgemeinheit. Denn das hier zur Rede stehende Problem wird nicht auf dem Wege diskursiven Denkens und geistreichelnder Debatten zu Ende gebracht: es wird erlebnismäßig erledigt. München. „Der du der Brände Löscher bist. Lösch' auch den Brand, der in uns ist" .... So betet zu Sankt Florian, Der Münchner, der siclis leisten kann. Beim Maße Bier tut er sich gütlich, Die Politik wird dann gemütlich; Man redet her und redet hin, Und schwärmt vom Marsche nach Berlin. Und von dem Direktorium — Und freut sieb aufs Brimborium: „D* Oktoberwiesen woll'mer wieder, Und unsern König treu und bieder. Und unserm Hitler seine Reden — So was zu hören, freut an jeden — Die Sozis will er außi treiben. Kein Jude darf im Lande bleiben — Was übrigbleibt, das san dann mir, Mit unserm guten Märzenbier. („Welt am Montag", Berlin.) ..«s.................................. : Ttf2 Sireng orMiodoxes S unter Aufsicht des ehrw. Kabbinates S der ,J*.«lcas JtsrOCl" Setriffsehui. 5 stehende 1 Hotel und Restaurant! A. Barschaft \ II., GroOe SAifftgass« S Hochprima ftD£ Sfc» Weine, auch in Flaschen »e»*e Referenzen Herbet Abonnenten für „Die Bahrheit"!