Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 14 (4.4.1924)
- Date
- 1924-04-04
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 93% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064085--12708-3080173- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 14 DIE WAHRHEIT Seite 5 gleichstrebender Kameradschaft mit verständnisvollem Begreifen verziehen wird. Natürlich ist dem Arier der „reichere Jude" nicht nur der „bessere Jude"; er ist ihm der Jude überhaupt, gegen den sich sein Neid! und seine Mißiächturjig, seine erzwungene gesellschaftliche Anerkennung richtet, mit dem sich zu versdhiwäigem, ihm uim klinge ndler Vorteile willen nicht ganz untunlich erscheint. Natürlich ist es nur die raiffiniiient toilettferta, manikürte und! parfümierte, die soignierte und mondain orientierte Jüdin, deren sich der grüblerische Idealist durch sofortige Besitznahme sichert, getreu den Lehren antiker und moderner Kriegsschuletaktik. Und natürlich liegt der größte Reiz der Jüdin für den Autor wie für seinen Helden darin, daß dieses Weib es zustande gebracht hatte, dreimal Mutter zu werden und in ihren Formen noch Mädchen zu bleiben. Denn Rudolf Hans Bartsch liebt seine weiblichen Geschöpfe nicht nur selbst heftig und leidenschaftlich wie Selma Lagerlöf ihre männlichen, etwa ihren Qösta Beding, sondern er weiß auch als Feinschmecker den besonderen Reiz jedes Hannele, jeder Regine und jeder Walpurga zu schildern, in immer neuen Beteuerungen und Beschwörungen si:Qh wiederholend, silch variierend, doch nie sich erschöpfend. So lehrt er den Leser mit seinen Augen sehen, mit seinen Gefühlen empfinden und es fehlte nicht viel, daß man nach der Lektüre eines Bartschschen Romans in seiner Kleinmalerei zu schauen und in seiner Duftschnüffelei zu riechen beginnen würde. Indessen ist man der Jüdin gegenüber objektiv genug, auch die Fehler ihres Charakters herauszufinden. Da ist es nun die Neugier, die als ihr hervorstechender Charakterzug verzeichnet wird. So, faßt Bartsch das immerwährende vergebliche Suchen der Jüdin nach der warmfühlenden Seele in dem Athletenkörper des Gatten auf, das in der Tat das unverwelkbare Angebinde ist, womit der arische Ehegatte sie von Anfang an zu beschenken pflegt.. Denn er sowohl als seine Schwester, mit der sie eine Jugend- und Studienfreundschaft verbindet, bleiben ihr im Innersten immer fremd. Dabei fehlt es ihr nicht an Assimilationswillen; voll Enthur siasmus hatte sie einst als Mädchen nach der Taufe gegriffen und außh als Frau hat sie keinen anderen Wunsch, als ihre jüdische Herkunft vergessen zu machen. Allein Weltkrieg und Umsturz bewirken auch hier, daß die Masken von den Stirnen und die Schuppen von den Augen fallen. Es ist eine Welt-von Gegensätzen, die Bartsch hier zwischen arischer und jüdischer Herzensgesinnung aufzeigt, und es klingt wie ein reiner Ton vofr Reue und Selbstbesinnung, wenn der Dichter den Gatten der Jüdin plötzlich hellseherisch nach außen und innen macht; „Sie hat in mir nie den Goj gesehen, immer nur den Menschen, ich aber in ihr die Jüdin!" Nach dieser, ■ cfais foeiderseitilge HerzensÄeimma vollständig klärenden Selbsterkenntnis bedürfte es eigentlich des Auftretens jenes antisemitischen Pamphlets nicht mehr, das Bartsch in die Psychologie des Romans hineinwirft, um eine Unüberbrückbarkeit der psychischen Gegensätze zwischen „Jud und Christ" darzutun. Kein Urteilsfähiger wird die Umwandlung der Legende von der unbefleckten Empfängnis der Maria in eine kriegsgemäße Jungfrauenschändung durch einen römischen Legionär zur Grundlage einer religionsgeschichtlichen oder sozialpolitischen Diskussion nehmen. Oder aus der Anerkennung der Gefühlsmomente in der Erzählung von dem „Kindlein in der Krippe", oder deren Ausschaltung aus dem Gefühlsleben einen entscheidenden Faktor in dem „Für oder Wider" der Daseinsberechtigung des Judentums und der Problematik der Mischehen machen. So hat Bartscii das relativ leicht übersehbare Gebiet des Gesellschaftsromans verlassen, um sich in das Gestrüpp geschichtlicher Mutmaßungen zu verstricken, das auf halbgebildete sogenannte „Wahrheitssucher" eine unheilvolle Anziehungskraft ausübt. Und auch für die These meines Mischehe-freundlichen Bekannten konnte er nicht das geringste beweisen. Denn auch die Jüdin, die nach seinem Rezept einen Arier heiratet, bleibt in ihrem innersten einsam und unverstanden, also seelisch doch „eine alte Jungfrau". Und ihre Kinder sind, wenn sie nach des Vaters Seite schlagen, ihrem eigensten Selbst entfremdete Arier. Oder, wenn sie nach der Mutter geraten, Früchte einer allzu selbständigen Pathogenese, denen der väterliche Einschlag fehlt, wie Bartsch durch die drei Mädchen seiner Jüdin beweist, ohne welchen das von Vater und Mutter geschaffene und an beiden zu bildende Menschengeschöpf ein Halbes und Unvollendetes bleibt. Rahel E d e 1 s t e i n - F r i e d: m a n n. Aus Rabihdranath Tagores Nationalismus*) (Schluß.) Die irgend welchen Glauben an die Menschheit haben, können nur sehnlichst hoffen, daß die Tyrannei der Nation nicht ihre frühere Gestalt zurückerhält. Dieser furchtbare Krieg hat den Schleier gehoben, und der Westen steht Antlitz in Antlitz seiner Schöpfung gegenüber, der er seine Seele geopfert hat .... Und wir Nationslosen, deren Haupt bis in den Staub gebeugt ist, wir wollen uns sagen, daß dieser Staub heiliger st als die Ziegelsteine, aus denen die Macht ihr stolzes Schloß aufrichtet .... Und wir hegen doch noch die Hoffnung, daß, wenn die macht beschämt von ihrem Thron herabsteigt und der Liebe Platz macht, wenn der Morgen kommt, wo die blutigen Spuren, die die Menschheit hinschnitt, hinweggewaschen werden, man uns ruft, auf daß wir unser heiliges Gefäß mit Weihwasser bringen, um die menschliche Geschichte wieder zu reinigen und den zertretenen Staub der Jahrhunderte wieder mit Fruchtbarkeit zu segnen. Die politische Kultur, die auf dem Boden Europas gewachsen ist und sich wie üppig wucherndes Unkraut über die ganze Erde ausgebreitet hat, gründet sich auf Ausschließlichkeit. Sie ist immer darauf bedacht, Fremde in Schach zu halten oder zu vernichten .... Sie fürchtet immer, daß andere Rassen auch zu Bedeutung gelangen, und erklärt es Kurt Wolff-VerlaK. München.