Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 14 (4.4.1924)
- Date
- 1924-04-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 1* Gewerbekairnmer einzutreten. Und hier, im Milieu der venkalktesten Bürokratie, im Verlaufe eines geisttötenden zehnjährigen Martyriiiums, von Feinden, Spitzeln unid „lieben Kölieigen" nimgeben, wird! aus dem anfänglichen Lyriker der Satiriker Spitzer mit seiner ätzenden Schärfe und rücksichtslosen Treffsiichenheit. Siebenundzwanzig Jahre hindurch erscheinen in drei großen Wiener Tageszeitungen, darunter in der „Neuen Freien Press e", an jedem Sonntag seine drei Spalten langen „Wiener Spaziergängee", immer wieder von ganz Wien mit fieberhafter Spannung erwartet. 27 Jahre hindurch weiß er trotz zahlloser Feinde und Neider das Interesse der Oeffentlichkeit festzuhaken, kämpft er den stets erneuten Kampf gegen die Windmühlen menschlicher Dummheit und Schlechtigkeit, gegen- Klerikahsmus und Dunkelmännertum, gegen Afterkunst und Volksbetrug. In diesen seinen kleinen Feuilletons ist er Plauderer, Kunstkritiker. Politiker, ist er alles und nichts; niemand, wer immer es 'sei, ist vor dem Dolche seiner beissenden Satire sicher, und mancher Scharlatan verdankt ihm die Unsterblichkeit der Lächerlichkeit. Dabei war Spitzer, ganz im Geigiensatze zu seiner Schreibart, vorwiegend Gefühlsmensch in mancher Hinsicht von geradezu kindlicher Naivität. Unwillkürlich drängt sich der Vergleich mit Heinrich Heine auf, der imstande war. ein ganzes lyrisches Gddicht durch die witzige Sohtoßpointe als Lyrik in Frage zu stellen. So schlägt aiudi bei Spitzers Satire immer wieder der Poet durch, ja seine Satire ist im Grunde nichts anderes als verhaltene Lyrik, er schämt sich seiner weichen Empfindungen und) er — negiert sie. Dieser kalte Spötter, dem nichts heilig war, war nichts anderes ails ein verschämter Idealiist. Und der Weg vom Idealisten zum .Satiriker ist nur kurz. Denn was ist die Satire anderes als der Zwiespalt zwischen Idealität und Realität? Nimmt man sich die Mühe, Spitzers gesammelte Spaziergänge zu studieren, so sieht man an Hand dieses Chronisten am deutlichsten, wie weniig sich, abgesehen von den Begleitumständen, trotz allen „Fortschritts" in dieser schönsten aller Welten geändert hat. Manche seiner, im folgenden zitierten Bemerkungen könnte sich ohne weiteres auf Ereignisse der allerjüngsten Zeit beziehen, man könnte vergessen, daß zwischen der Zeit, da diese Worte geschrieben wurden, und der Gegenwart nahezu fünf Jahrzehnte und, was mehr bedeutet, ein Weltkrieg liegt. Seine berühmte Klimax, „Eiserne Stirae, Eiserne Kasse, Eiserne Krone", könnte geradezu das Motto unserer Kriegsgewinnler gewesen sein. Odier er beglückwiünscht die Beamtenschaft, „die keinen Aschermittwoch braucht, um das erhebende Gefühl der Entsagung kennen zu lernen, da sie durch ihr Anstellungsdekret dias Recht auf lebenslängliche Niehtbeifriedigung ihres Appetits schriftlich in der Hand haben". Nach der Debatte im Parlament wegen des Volksschuiligesetzes, das von den Klerikalen unter Führung des „schwarzen Prinzen" Alois von Liechtenstein besonders scharf bekämpft wiuir<dle, schreibt Spitzer: „Wir OeSterreicher halben schon so viel Unglück erlebt, idalß wir in Gottes Namen aiuidh feteiliiigent wenden wollen, wenn es (nicht anders geht. Es wenden jetzt in alten Ländern Schulen gebannt, weildhie die Finsterilirtge aing bewninuihigen, idfa sie, im aÄendings übertriebener Furcht besorgen, sie würden fortaln nicht mehr dien armen Gebirgsbewohner verhetzen können, der hinter dem Pflege keucht und dessen Gesichtskreiis bei der fortwährenden Betraichtunig des Hinterteiles seiner Ochsen ein ziemlich beschränkter ist." Wenn sich giar der klerikale Landwirt Raltenegiger hemiuterimmt, das unmoralische Treiben, das aiuif dem Wiener Graben herrsehit, im Parlament zu kritisieren, dann geht Spitzer scheinbar asutf seinen Ton ein und beklalgt toternst „die Orgien, die idfort — Literatur und Kunst 'feiern". Er erzählt, „daß) man in den Buchhandlungen daselbst Romane verkaufe, in denen dfer Verfasser, ohne zu bedenken, diaß dieselben auch gelesen wenden könntien, verdächtige Liebesabenteuer schildere, während in den Schaufenstern der Kunsthandlungen weibliche Gestallten zu findien seien, von. denen selbst der tätowiiirtteste Wide zugeben müsse, dlaß sie splitternlackt seilen. Der fromme Gralbenpilliger, der aus der Ferne angelockt wird, weil er in seinem unverdorbenen Sinne glaubt, es handle sich um Ketzerinnen, die man entkleidet habe, um sie unter möglichster Sch'omunig ihrer Leibwäsche auif dem Scheiterhaufen zu verbrennen, sieht, da laiuif den'Gemälden aiuoh nicht der kleinste Größinquisitor zu entdecken ist, nur zu bald ein. daß das Billd nicht zur inneren Erbauung einladet, sondern eine schändliche Maikarterei sei, diureh die der modernen Schuljugend Anschäu.uinigs'uiniterrüchit in der liberalen weiblichen Schönheit gegeben werde." ISchluß folgt.} Sein6 Jüdin. Roman von Rudolf Hans B a r t s c h.*) „Ein Unrecht begehen Sie bestimmt!", sagte ich zu dem jungen Manne, der mir auseinandergesetzt hatte, daßi es für einen Juden gewissermaßen eine Mizwah sei, eine Christin zu heiraten, „Sie berauben ein jüdisches junges Mädchen des für sie bestimmten Mannes und verschulden, daß es unverehelicht bleiben, des Frauen- und Mutterglückes verlustig gehen muß. Sie haben also zum mindesten eine jüdische alte Jungfer auf dem Gewissen." : „Ei, so mag sie doch einen Christen heiraten, wenn1 ich als der einzig für sie bestimmte Jude sie nicht nehmen mag." .... Nun, Rudolf Hans Bartsch, der gläubige Kenner und Bekenner der christlichen alldeutschen Seele, zeigt uns in dem angeführten Romane, wie das Glück des Paares beschaffen ist, das sich aus dem Arier und „seiner Jüdin" zusammensetzt. -Natürlich ist es die bemittelte Jüdin, deren Vater mit Geld und Einfluß die Generalstabskarriere . des Schwiegersohnes schiebt und fördert zu einer Zeit, da minder glückliche Aspiranten auf dem Wege des Verbrechens sich durohiziusetzen suchen, was von *) Verlag L. Staackmann, Leipzig.