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Die Wahrheit · 1924-04-04 · Heft 14 (4.4.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 14 (4.4.1924)
Date
1924-04-04
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 14 DHC WAHRHEIT Seite 3 ließe, nichts was auch mur als Theorie einer, wissenschaftlichen Prüfung standhielte. „Er sieht die Wurzel alles Uebels in der Verschuldung der Staaten an das internationale Leihkapital und bringt Zahlenmaterial bei, durch das die tatsächlich sehr schwere Last veranschaulicht wird, die die Verzinsung der Staatschulden bedeutet. Daraufhin fordert er erstens, daß der Staat den Bankerott erklären und sich dadurch seiner gegenwärtigen Schulden entledigen soll, und zweitens, daß er in Zukunft seine Unternehmungen, wieEisenbatabä'uten, Wasserkraftwerke usw. selbst durch die Ausgabe von Kassenscheinen finanzieren solle." Professor von Flreytag-Loringhoven setzt dann sehr richtig auseinander, weshalb das nicht so einfach geht, wie es sich in einem nationalsozialistisch verbogenen Hirn malt; er sagt das zwar nicht mit diesen unhöflichen Worten, aber er stellt doch fest: „Das Rezept ist einfach und für den volkswirtschaftlichen Laien mag es überzeugend klingen. Sieht man aber etwas genauer hin, so z'enfl'iiejßt 'der schöne Traum." Und einige Zeilen später: „Man kann sich dem Eindruck nicht entziehen, daß der Verfasser einer jener so oft anzutreffenden volkswirtschaftlichen Projektertmacher ist, der stich an der Hand nilcht sehr tief dringender Studien in einen Gedanken, hier in den der Brechung der Zinsknechtschaft, verbissen ihat und nun, ohne die Schwierigkeiten zu seheni, ohne auf Einwände zu hören, sich der Ausbreitung und Verwirklichung dieses Gedankens hingibt." An das „geliebte Projekt" wird dann „flüchtig und ohne jede # Sachkenntnis" ein Bild des Staates angeflickt, wie er sich nach Brechung der Zinsknechtschaft gestalten soll". Der völkische Kritiker schließt mit den Worten: „Große Verdienste haben sich die Nationalsozialisten erworben. Sie haben breite Massen zu wecken und für den vaterländischen Gedanken zu gewinnen verstanden. Aber aufzubauen sind sie außerstande. Sie sind Wegebereiter, sie sind Vorläufer. Erlöser, die eine neue Heilslehre bringen* sind sie nicht. zuschreiben, worum ich im Interesse des rumänischen Staates befragt wurde. Manche Fragen jedoch sind mir bis heute noch unbegreiflich. So möchte ich beispielsweise sehr gerne wissen, warum es die rumänische Behörde interessiert, ob ich Brüder habe, ältere oder jüngere, was und wo diese sind. Wo meine Eltern, wenn sie tot sind, begraben liegen. Welchem Beruf meine Angehörigen in Amerika, falls ich dort welche habe, nachgehen, und noch mehrere solcher Fragen, auf die ich einfach eine wahre Auskunft zu erteilen trotz besten Willens nicht, in der Lage war. So gab i:h einfach das zur Antwort, was mir momentan in den Sinn kam. Als das Protokoll nach eineinhalb Stunden fertig war, erklärte mir der Beamte, daß ich mir die Aufenthaltsbewilligung erst nächsten Tag abholen kann. Dieselbe Prozedur, nur unter Weglassung des Protokolls, muß auch beim Abmelden durchgemacht werden, so daß ich wegen vier Tage Aufenthalts in Czernowitz fünf Tage auf der Assekuranza erscheinen mußte. Daß die Erlaubnis, einen Vortrag abhalten zu dürfen, ebenfalls von der Assekuranza abhängig gemacht wird, dürfte begreiflich sein. Es kam aber doch zu einem solchen trotz der großen Schwierigkeiten, die mir der Kultusgewaltige Dr. Straucher und die Assekuranza bereiteten. Die letztere hat aber auch die Aufgabe, einen jeden Fremden durch Spitzel auf jeden Schritt beobachten zu lassen und wehe dem Ausländer, dessen Nase einem Beamten der Assekuranza nicht besonders sympathisch ist. Deshalb würde ich einem jeden Freunde, wenn er schon reiselustig ist, raten, überall hinzufahren, nur nicht dorthin, wo es eine rumänische „Assekuranza" gibt. (Schluß folgt.) Wenn es dafür noch eines Beweises bedürfte, so ist er durch ihr Staatsideal erbracht." Wir haben der erschöpfenden Kennzeichnung der demagogischsten und skrupellosesten Hetzbewegung, die seit langer Zeit das politische Leben Deutschlands vergiftet hat, nichts hinzuzufügen, es sei denn die Bemerkung, daß der Professor Freytag- Loringihoven damit bis zu einem hohen Graide den gesamten Rechtsparteien das Urteil gesprochen hat. Alle bemühen sie sich, die große Mode der völkischen Welle mitzumachen; wie 1918 viele Leute ihr demokratisches oder gar sozialistisches Herz entdeckten, die das längst wieder vergessen haben, so entdecken heute viele Leute plötzlich, daß sie eigentlich nötig haben, sicli auf ihre Abstammung zu besinnen und sich „völkisch zu erneuern". Auch diese Modesache wird vorübergehen; daß aber zur Beseitigung dieses Unfuges die Völkischen allerorten selbst die besten Waffen liefern, sei dankbar anerkannt. Mögen diese Waffen in einer Weise und in einem Umfange gebraucht werden, daß den völkischen Spukgastalten Hören und Sehen vergeht! Daniel Spitzer, der „Wies er Spaziergänger". Von Adolf Rermann- Daß der Journalist, die literarische Eintagsfliege; seinen Ruf, manchmal sogar seinen Ruhm nicht lamge überliefet, ist die Regel und liegt iim Wesen, in der AiktiuÄät der Zeitung begründet. Ist niun aiber ein solcher Journalist nebenbei einer der .größten Satiriker der deutschen Sprache, wie 'es Daniel Spitzer w/air, hat er. wenn auch iim Rahmen einer Tageszeitung, Meisterwerke wie seine „Wiener Spaziergänge" geschaffen, so ist es ein! Unrecht, ihn in das Schattenreich der Literatairgeschitahte einzureihen. Für das Schicksal der meisten Klassiker, von allen getobt, dalür aber von den wenigsten wirklich gelesen zu werden, ist Spitzer, und d'as will beitm Zeitungsschreiber viel sagen, noch heute, dlrei Jahrzehnte nach seinem Tadle, viel zu aktuell'. Diese Aktualität nachzuweisen, ist der ZWieck vorliegender Arbeit und 'gleichzeitig eine ^Dankesschuld, dfie nicht nur die deutsche Literatur, sondern auch das Judentum, das ihn Trift Stolz zu den Seinen zählt, abzutragen haben. Am 3. Ju!li 1835, als sechstes Kind des Ehepaares Benjamin und Katharina Spitzer in Wien geboren — seine Eltern, mälhrische Juden, waren gtedh nach ihrer Verheiratung von Nikoilsbung nach Wien übersiedelt — genoß Daniel eine äußerst sorgfältige Erziehung, absolvierte das akademische Gymnasium mit Vorzug und widmete sich dem juridischen Studium. Bereits als Ofoergymnasiast zeügt sich bei' ihm eine stänke schriftstellerische Begebung, er schreibt Lyrik und ist gelegentlicher Mitaribeiter verschiedener Zeitschriften und1 Witzblätter. Ungefähr (gleichzeitig mit seiner 1860 erfolgten Promotiion zum Dr. juris verschlechtern sich düe anfangs günstigen finanziellen Verhältnisse seiner Familie derart, dalß Spitzer gezwungen ist, seinen Plan, Advokat zu wenden, aufzugeben und' als Konzipist in die Niederösterreichische Handels- und

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