Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1924-03-28 · Heft 13 (28.3.1924) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 13 (28.3.1924)
Date
1924-03-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064071-3064084--12693-3080157
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Wien IX. 1 der „Union deutschösterretchischer Juden Postspyrfeassen-Ronto g § Hrrtü« : Telephon Itr. l*t»-w „Judenreine" Alpinistik. Ein treudeutscher Betrug. Vor drei Jahren ist das Wiener Hakenkreuzlertum ausgezogen, um die Höhen unserer Alpen zu erobern. Allerdings nicht mit Pickel und Seil, sondern mit dem Stimmzettel in der Hand! Die Deutschvöikistihen erwählten die Sektion „Aiustria" des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereines zum Schauplätze eines gewaltigen Sturmangriffes auf das Judentum. Man weiß, was der Alpenverein nicht nur für die Erschließimg unserer herrlichen Bergwelt, sondern auch für das Gefühl der Zusammengehörigkeit zwischen .Oesterreich und Deutschland bedeutete. Er hat Straßen, Wege und Hütten erbaut und die gewaltigsten Riesen unserer Alpen zugänglich gemacht. Er hat den Touristenverkehr in unseren Alpenländern mächtig gesteigert und so auch einen unschätzbaren volkswirtschaftlichen Nutzen für Oesterreich gebracht. Auch hier, wiie auf allen Gebieten geistigen Schaffens und sportlicher Arbeit, haben sich die Juden in hervorragendem Maße beteiligt. Es ist erstaunlich, mit welchem Ernst und Eifer, mit welcher Hingabe und seelischer Erhebung nicht nur die jüdische Jugend, sondern auch reife iü- # dische Männer und Frauen in den letzten Jahrzehnten sich des Bergsportes bemächtigt und die Freude an der Natur vertieft haben, mit welcher Kühnheit und Ausdauer auch auf diesem Gebiete von jüdischer Seite wahre Großtaten vollbracht wurden. Aber angesichts der Hoheit und Herrlichkeit unserer Berge gab es bis vor kurzem auf den Höhen, die den Menschen dem Himmel näher bringen, keinerlei konfessionelle Unterschiede. Dort oben auf den Gipfeln und Schroffen der Alpen "erschien der Mensch dem Menschen in seiner vollen Natürlichkeit und Unmittelbarkeit und alles Kleinliche und Gehässige, das der Kampf in der Ebene ihm anerzogen hatte, fiel von ihm ab. Erst der Sektion „Austria" des Deutschen und Oesterfeichischen Alpenvereines war es vorbehalten, in diese ideale Welt gemeinsamer Freude am Hohen und Schönen den Zankapfel zu werfen. Man erinnert sich, daß vor drei Jahren in der Generalversammlung der Sektion „Austria" mit bedeutender Majorität der sogenannte „Arierparagraph1" beschlossen wuirdte, der die jüdiscten Mitglieder um ihre wohlerworbenen Rechte brachte und sie zwang, .aus der Sektion „Austria1' auszutreten. Es entstand! eine neue unpolitische >und interkonfessionelle Sektion „Dona ulanüiu, welche einen iioer wartet raschen Aufschwung nahm und an touristischen Meisterleistungen hinter den anderen Sektionen gewiß rieht zurückbleibt. Das Beispiel der Sektion „Austria" hat auch den „Oesterreichischen Touristenklub1' bestimmt, sich „judenrein" zu machen, und seither ist in jeder Hauptversammlung des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins von aiien vereinigten Sektionen der Versuch unternommen worden, einen Beschluß zustande z:u bringen, durch welchen "die Sektion „Donauland" ausgeschlossen werden sollte. Dieser Versuch ist bisher nicht gelungen und wird hoffentlich auch in Zukunft scheitern. Nun werden aber Dinge bekannt, die auf den seinerzeitigen Vorstoß der Wiener Hakenkreuzler in der Sektion „Austria" ein sehr bezeichnendes Licht werfen. Injjler letzten Generalversammlung dieser Sektion erregte es große Verwunderung, daß die Mitgliederzahl derselben sich in rapider Weise vermindert hat. Darüber befragt, erklärte der Obmann, daß vor drei Jahren zahlreiche deutschvölkische Gesinnungsgenossen nur zu dem Zwecke in die Sektion eingetreten seien, um den Arierparagraphen durchzusetzen, und daß sie nunmehr nach Erreichung dieses Zweckes wieder ausgetreten seien. Es ist also erwiesen, 'd/aiß jener Beschluß, dlurch welchen, der Rassenhaß ainch in Gottes freie BergweH verplanet werden sollte, durch bergtframde Elemente zustande gekommen ist, idiie mit Touristik und Alpensport nicht dias mindeste ziu tun ba'ben. Das Hakenkreuz hat gesiegt, aber die Hakenkreuzler sind unterlegen. Denn die rassenreine Gesellschaft, die sich heute in der Sektion „Austria" zusammenfindet, erscheint in ihrem Ansehen und in ihrer materiellen ebenso wie in ihrer sportlichen Kraft sehr vermindert. Die edlen Gesinnungsgenossen, die damals unter der Führung des Herrn Dr. Walter Riehl in die Sektion „Austria" eingezogen sind, haben es nicht für notwendig erachtet, ihre nationale Opferwilligkeit soweit zu treiben, daß sie für den durch den Austritt der Juden entstandenen Schaden durch weitere Jahresbeiträge aufkommen. Die Sektion ist einer großen Zaihilihrer opferfreudigsten und touristisch wertvollsten Mitglieder beraubt worden und nun wenden ihr auch die „treudeutscheri Arier" den Rücken zu. Man wird in der Hauptleitung des Deutschen und Oesterreichischen Alpenvereins diesen Vorgängen aufmerksame Beachtung schenken müssen. Zu den Kriegsschäden, welche den Alpenverein seiner schönsten Hütten beraubten, gesellen sich auch nun die Verwüstungen durch die Rassenhetze. Die freiheitliche Sektion „Donauland" blüht, während die Sektionen der Hakenkreuzler immer tiefer sinken. Siegfried Fleischer. Aus unseren Mitgliedschaften. Baden bei Wien. Gewissermaßen als „Purimgabe" wurden in der Nacht vom Mittwoch, den 19., auf Donnerstag, den 20. März, Plakate anichiert, aus deren Kontext die Aufforderung: „Juden hinaus!", mit großen fetten Lettern gedruckt, in die Augen sprang. Ein solches Plakat prangt just gegenüber dem Geschäft des Herrn Bürgermeisters — der diese offenkundige Schädigung des Kurortes ebenso ruhig hinnimmt, wie die Juden die gegen sie gerichtete Hetze —, und es geschieht nichts, dem Treiben der hier besonders rührigen Ortsgruppe der Hakenkreuzler, deren Organ „Der Weckruf" ist, zu begegnen. Däs letzte Plakat über den Numerus clausus mit der Aufschrift: „Es ist. ein Skandal!", welches konfisziert wurde, war hier allenthalben plakatiert, blieb es auch nach der Konfiskation — ja sogar das Konfiskations-Erkenntnis wurde von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.