Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 13 (28.3.1924)
- Date
- 1924-03-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 frifc WAHRHEIT Nr. 18 schichte, die Religion, die Kunst, die Gesetzgebung, die Wissenschaft und das Gesetzleben des Volkes zusammenzustellen, das vor 5000, ja vielleicht vor 10.000 Jahren hier lebte. Seit über 2500 Jahren, als Darius "und seine persischen Horden das Land überschwemmten, ist Ur den Beduinen zur freien Benutzung überlassen geblieben. Daß hier eine große Stadt lag, die einst Abraham beherbergt hatte, ist endgültig erwiesen. Das Volk, das sie bewohnte, waren die Sumerer, die frühesten Bewohner des babylonischen Tieflandes. Es ist ferner erwiesen," daß, nachdem Abraham Ur verlassen hatte, hier eine lange Periode politisch-kriegerischer Schwierigkeiten einsetzte. Der drohende Zusammenbruch der Dynastie war wahrscheinlich auch der Hauptgrund, der ihn zur Auswanderung bestimmte. Man konnte feststellen, daß nach der Zerstörung der Stadt die Eroberer die Hauptgebäude unter einem Pflaster begruben. Die Keilschrifttafeln, die in den unter den Pflastersteinen begrabenen Archiven gefunden wurden, berichten über Vorgänge des täglichen Lebens der Könige und hervorragender Männer der Stadt, der Kaufleute und Sklaven. Aus den gefundenen Inschriften geht hervor, daß Verträge einschließlich der Heiratsverträge, Kauf- und Verkaufskontrakte von sechs Personen unterschrieben werden mußten, um gesetzliche Gültigkeit zu haben, Man hegt deshalb auch die Hoffnung, daß es gelingen wird, den Vertrag zu finden, den Abraham vor seinem Auszug aus Ur über den Verkauf seines Besitzes abschloß. Die aufgefundenen Berichte ergeben den Beweis, daß die Sumerer zu Abrahams Zeiten bereits nahezu ausgestorben waren, so daß man die hier vorgefundenen Berichte einer älteren Zeit zuschreiben muß, als die in der Nippursammlung früher schon gefundenen Berichte. Unter den Funden sind ferner als bemerkenswert zu erwähnen: dünne Goldscheiben, die nach Ausweis der Inschriften den Toten auf die Lippen gelegt wurden. Ferner eine etwa 3 m hohe Figur, die mit einem Schaffell bekleidet und aus hartem, grünem Stein gemeißelt ist. Man fand ferner Hacken und Aexte aus Stein, die auf dem Altar des Mondgottes als Ensemble des Gewerbefleißes niedergelegt wurden; weiterhin das Bruchstück einer Alabasterschale mit eingegrabener Himmelskugel, die den Sternenhimmel in Elfenbein zeigt. Die jetzt aufgedeckten starken Mauern sprechen für die Verteidigungspläne des ursprünglich hier wohnenden Volkes. Einige Skulpturen ermöglichen es, sich ein Bild vom Aussehen der Angehörigen dieses Volkes zu machen. Die Schnauze einer Dachrinne mit einem Riesenmaul und gut erhaltenen Zähnen sowie das Bild einer lachenden Frau zeigen, daß diesem Volke auch der Sinn für Humor und Komik nicht abging. Gestalten und Probleme einer judischen Weltbewegung. Von Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann in Trier. (Fortsetzung) Und das war gut so. Gerade darin offenbarte sich ja das Eigene dieses Parlamentes ohne Parlamentarismus. Was den in einem Formalismus eingeschachtelten steifen Westeuropäer peinlich hätte berühren können, war just geeignet, den über die Befangenheit aller Konvention Stehenden, noch die Kraft des unmittelbaren Empfindens Besitzenden mit Enthusiasmus zu erfüllen. Das Faszinierende dieses Kongresses mußte sich bei tieferen Naturen in dem Bekenntnis auswirken: „Das war endlich einmal etwas anderes, als das Konferenzeinerlei * aller Schattierungen, wo man vor lauter Ordnung fast aus der Ordnung kommt." Unser westliches Judentum ist vielleicht auch deshalb so erbärmlich steif und kalt geworden, weil es sich auch in der Behandlung seiner eigensten jüdischen Angelegenheiten ganz und gar in die erstarrenden Fesseln des Milieus und Konventionellen hat schlagen lassen. Darum haben wir westlichen Juden denn auch wohl viel anerkennenswerte Ordnung und Systembeflissen'heit auf allen Linien, aber keine fesselnden Inhalte. Den Juden im Osten fehlt es an dem Formalismus der Ordnung, aber sie haben dafür seelenpackende Inhalte. Man mag Aesthetiker von Ueberzeugung sein und das Formgewordene der Sitten schätzen und preisen, aber begeistern wird das kaum. Das vermögen nur die Inhalte ungebundener Seelenströmungen in der Art, wie einst die Romantik auf Künstler und Dichter zu wirken vermochte. Diese Unmittelbarkeit des inneren Sichgebens, wenn es sein muß-auch über die Schranke der äußeren Form hinweg müßten wir, wenigstens bis zu einem gewissen Grade wiederum vom viel gelästerten, weil nicht gekannten, Osten zurück erlernen. Einmal haben wir es gehabt und an den Osten übergeben. Das war die Zeit unserer zwangsweisen Wanderung dorthin. .Heute schlagen die Wellen von drüben zu uns herüber. Sie bringen leider nicht immer oder nur selten das Seelenpackende anziehender Originalgestalten, dafür hat uns die göttliche Vorsehung jetzt mitten in den Westen hinein die Knessijo Gedaulo gebracht und uns den Typ in seiner Vollgestaltigkeit gezeigt, nach dem wir ausschaben dürfen und von dem wir Arterhaltendes in Menge empfangen könnten und sollten. Viererlei solcher Vollgestalten rassiger Originalität fielen auf dem Kongressg auf: Die stillen nachdenklichen, schon in ihrem äußeren Aussehen und Auftreten Ehrfurcht einflößenden Tauro-Kapazitäten, wie z. B. die Persönlichkeit des bereits erwähnten „Chofez Chajim" aus Karlin, das Rabbinatsoberhaupt aus Wilna, Rabbi Chajim User Grodzensk, Oberrabbiner Elia Klazkin aus Lublin, die imposante, eine Studienfigur abgebende Erscheinung des Warschauer Raw Perlmutter, Oberrabbiner Zirlsohn aus Kischenew, der gewählte erste Präsident des Kongresses, die Vertreter der deutschen talmudischen Größen, wie Rabbiner Dr. Breuer aus Frankfurt a. M. und Rabbiner Dr. Ehrentreu aus München. Ferner die führenden Persönlichkeiten der chassidäischen Weltanschauung wie der berühmte, von hunderttausenden Chassidim wie ein Heiliger verehrte sogenannte Gerrer Rebbe, Rabbi Mendel Alter, sowie der in seiner hoheitsvollen Art faszinierende Czortkower Rebbe und der stets begeisternde Sokolower Rebbe. Endlich die alle Aufmerksamkeit auf sich lenkenden Charakterköpfe der „Boten aus Palästina", die Rabbis Rubin, Chaggis, Jadler und Blau und schließlich die den ganzen Kongreß zu stürmischen Beifallskundgebungen hinreißenden Schrittmacher der thoratreuen jüdischen Jugend, wie die Delegierten Schmulowiks und Friedmann1 und vor allem der mächtigste Redner und Beherrscher des Kongresses, besonders des Jugendproblems, Deputierter Rabbiner Schapiro aus Sanok. Dem aufmerksamen Beobachter konnte es nicht entgehen, daß sich in diesen viererlei Typen und Gestalten die Sinnbilder von viererlei hauptsachlichen Problemen des Kongresses wiederspiegelten, und zwar die Probleme: Tauro, Jiroh, Erez Jisroel, Chinuch, d. h. Gotteslehre, Gottesfurcht, Palästina, Erziehung. Die Souveränität der Tauro in der jüdischen Welt wieder herzustellen, die Frömmigkeit zu heben, zu verinnerlichen und zu vertiefen, Erez Jisroel zu besiedeln und zu einem Zentrum echt jüdischen Auslebens zu gestalten und der Jugend die Auswege aus der heillosen Verwirrung unserer Zeit zu weisen und zu bahnen. Wenn der mit Tallith und Tifillin bekleidete Jude am Morgen eines jeden Tages sein Gebet zu Gott emporsteigen läßt, dann erinnert ihn ein schlichter Zeremonialakt an seine Zusammenhänge mit den Juden und den jüdischen Fragen aus den vier Enden der Welt. Er greift nach den vier Enden seines Tallith und nimmt die vier Schnüre der Zizith in eine Hand und fleht den Lenker unserer Geschichte an: „Bring uns in Frieden zusammen von den vier Enden der Erde und führe uns aufrecht zurück in unser Land." Am Kongresse sah man ein kleines Abbild dieser erflehten einstigen großen Zusammenführung in Frieden. Der Kongreß, der alle zusammen einschloß und umhüllte, war gleichsam das Tallith und seine viererlei charakteristischen Repräsentanten die Zizith. Bei Schma-Jisroel sind morgens die vier Zizith vereinigt in des Juden Hand. Im Bewußtsein der Gemeinsamkeit alier Juden im Bekenntnis werden sich einmal alle Gottgetreuen im Zeichen von Tauroh, Iroh, Erez Jisroel und Chinuch sammeln und einen. Einstweilen hat das überlieferte, gesetzestreue Judentum in seiner geschilderten viergestaltigen Art mit ebenfalls viererlei, mehr oder weniger negierenden Hauptströmungen im Judentume zu ringen, und zwar mit der Assimilation, mit der Haskala, d. i. der nationalen Aufklärung, mit dem Nationalismus und mit dem Materialismus. (Fortsetzung folgt.) *T J\ II /% m Inn Kleider-, Pelze-u.Gummimäntei-Fa I LA 1 f Vi 1^ 1^ Zentrale: Detailverkauf: ß 1 1V* 1w 11 1 M JL^ Jl m Wien II., Glockengasse 24 Wien IL, Taborstra