Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 13 (28.3.1924)
- Date
- 1924-03-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 13 DIE WAHRHEIT Seite 5 patriotischen Großsprecherei, kann doch die Tatsache nicht vertagen, idlaß die Nation siallbst das größte Uebel für die Nation ist; daß die Geburt jeder neuen Nation in der Welt in ihr die Furcht vor einer neuen Gefahr erweckt .... Die systematische Entmenschlichung ist auf dem Gebiete des Handels und der Politik vor sich gegangen. Und aus den langen Geburtswehen der mechanischen Energie ist dieses vollentwickelte Ungeheuer von erstaunlicher Kraft und überraschendem Appetit hervorgegangen, das der Westen auf den Namen Nation getauft hat, eine Abstraktion, die mit der größten Leichtigkeit als solche dem Vollmenschen als sittlichem Wesen weit vorausgeeilt ist. Und da sie da§ Gewissen eines seelenlosen Gespenstes und die fühllose Vollkommenheit eines Automaten hat, führt sie zu Katastrophen, die die vulkanischen Ausbrüche des jungen Mondes durch ihre zerstörende Wildheit beschämen. Die Folge ist, daß das Mißtrauen von Mensch zu Mensch beständig wie Nesseln diese Kultur an allen Gliedern reizt .... Das lichtscheue Gewerbe der Nation: Raub, Mord, Verrat und all die scheußlichen Verbrechen, die in den tiefsten Abgründen der Verderbtheit gezeugt worden. Die Nation hat auf ihrem Dudelsack frommer Entrüstung so oft die Melodie gewechselt, je nachdem der Wechsel der Zeiten und der diplomatischen Bündnisse es erforderten, daß man es als amüsante Varietevorstellung im politischen Tingeltangel genießen kann. Ich habe Japan, die junge Nation erwähnt, an ihren höheren Idealen der Menschlichkeit festzuhalten und nie vom Westen die organisierte Selbstsucht dies Nationalismus als Religion, zu übernehmen, sich nie an der Schwäche seiner Nachbarn zu weiden, nie gewissenlos den Schwachen gegenüber zu handeln, an dienten man 'ungestraft und! mit bffiigen Rulhim Gemeinheiten begeh ein kann, während man seine .rechte, ■ von MeußcMfehikeit stratoteide Wiatiigie zum Kuß «dier Bewunderung denen reicht, die dfie Macht dazu halben, ihr einen Streich ziii versetzen. Das Eintreten eines neuen Volkes in die Arena der Nationalität vergrößert das Uebel, das alledem widerspricht, was das höchste im Menschen ist und das durch seinen Erfolg beweist, daß Gewissenlosigkeit der Weg zum Gedeihen ist, und Gutsein gut für die Schwachen, und Gott der einzig bleibende Trost der Unterworfenen. Dies ist die Logik der Nation .... Mit der zunehmenden Macht der Nation wächst ihre Selbstanbetung an, erhält das Uebergewicht .... so geschieht das Naturwidrige, das so großes Unglück im Gefolge hat, daß der Mensch mit allen Opfern einen Gott verehrt, der sittlich viel tiefer steht als er selbst. Dies hätte nie geschehen können, wenn der Gott so wirklich wäre, wie der Mensch selbst .... Die Idee der Nation ist eines der wirksamsten Betäubungsmittel, die der Mensch erfunden hat; unter dem Einfluß seiner Dünste kann ein ganzes Volk seih systematisches Programm krassester Selbstsucht ausführen, ohne sich im geringsten seiner sittlichen Verderbtheit bewußt zu werden — ja, es wird gefährlich gereizt, wenn man es darauf hinweist .... Eskann nicht in alle Ewigkeit, so* fortgehen, daß das sittliche Gefühl des Menschen immer mehr abstumpft. Das rächt sich' irgend einmal; dieser Krieg der europäischen Nationen ist ein Vergeltungskrieg. Die Zeit ist gekommen, wo um der ganzen schmählich mißhandelten Menschheit willen Europa am eigenen Leibe die furchtbare Sinnwidrigkeit dessen, was man Nation nennt, in ihrem ganzen Umfang spüren muß. Die Nation ist lange au<f Kosten der venstoümmeiten Menschheit gediehen .... die menschliche Gesellschaft wurde immer mehr zu einem Marionettentheater von Politikern, Soldaten, Fabrikanten und Bureaukraten, die durch großartig funktionierende Drahteinrichtungen hin- und herbewegt werden. Aber die ganze Brut der Selbstsucht, Haß und Gier, Furcht und Heuchelei, Argwohn und Tyrannei, ist auf die Dauer nicht lebensfähig .... In diesem Kriege hat der Todeskampf der Nation angefangen. Ihr ganzer Mechanismus ist toll geworden und hat einen Furientanz begonnen, in dem er seine eigenen Glieder zerschmettert und.in den Staub wirft . . . . vSchluß folgt.) Abrahams Heimatstadt. Einzelheiten von den Ausgrabungen in Ur. Der „Berliner Börsen-Zeitung" entnehmen wir folgenden Bericht über die Ausgrabungen in U r: Die uräitesten Stätten der menschlichen Kultur, Orte, die uns bisher nur dein Namen nach im Alten Testament überliefert waren, erheben sich aus dem Schutt der Jahrtausende wieder zum Licht und reden in steinerner Sprache von einer Vergangenheit, um die Mythus und frommer Glaube bisher einen geheimnisvollen Schleier gewoben haben. In der ganzen Welt hat die kurze Nachricht, daß es gelungen sei, die alttestamentarische Stadt Ur, die Heimat Abrahams, freizulegen, die größte Aufmerksamkeit gefunden, und mit noch gesteigerter Spannung wird man vernehmen, was bisher an uralten Dokumenten dem bergenden Schoß der Erde abgewonnen worden ist. Durch Luitpost hat die „Daily Mail" soeben den ersten ausführlichen Bericht über die Ergebnisse der Ausgrabungen erhalten, die gemeinsam vom Britischen Museum und der Universität Philadelphia in Ur, der „Stadt der Chaldäer" des Alten Testaments, unternommen worden sind, der Stadt, aus der Abraham auszog, um über Harau nach Kanaan zu wandern. Der glückliche Umstand, daß die Chaldäer zur schriftlichen Aufzeichnung von Tagesereignissen und geschäftlichen Abmachungen Ziegelsteintafeln benutzt haben, hat viele Tausende von Dokumenten vor der Vernichtung bewahrt, der sie unweigerlich hätten anheimfallen müssen, wenn zur Niederschrift papierähnliche Stoffe benutzt worden wären, die im Laufe der Jahrtausende dem Zahn der Zeit nicht hätten widerstehen können. Tafeln, die lange vor der Zeit Abrahams beschrieben wurden, sind schon früher an anderen Stellen aufgefunden worden. Bei den Ausgrabungen in Ur wurden aber Hunderte beschriebener Ziegel gefunden, die vermutlich auf eine ungleich frühere Zeit zurückgehen. Sie beweisen, daß die Zivilisation, die hier vor Tausenden von Jahren blühte, einen ungewöhnlich hohen Stand erreicht hatte. Sie geht in die graue Vorzeit zurück, da in Ur Wallmauern bloßgelegt wurden, die aus der Zeit von etwa 3600 v. Chr. stammen und deshalb etwa 2000 Jahre vor der Epoche Tut-ankh-Amens errichtet sein müssen. Die Sprache der Chaldäer war über ganz Westasien verbreitet und diente damals, wie seinerzeit das Französische in Europa, als Mittel der internationalen Verständigung. Babylon betrieb in jener Vorzeit einen ausgedehnten Handel, und es fehlt nicht an Gelehrten, die glauben, daß babylonische Kaufleute selbst bis nach Europa und insbesondere nach England vorgedrungen seien, um von dort Zinn zu holen, das für die babylonische Bronze gebraucht wurde, und das nach Ansicht der Archäologen von andersher nicht zu beschaffen war. Die Ausgrabungsarbeiten werden vom ausgezeichneten Archäologen Leonard W o o 11 e y geleitet, dem als Hilfsarbeiter der Geograph Newton und für die Schriftentzifferung Sydney Smith zur Seite stehen. 3000 Jahre lang war der Name der Chaldäerstadt Ur vergessen und lebte nur im Alten Testament fort. Später aber kamen Nachrichten über die Entdeckung aufsehenerregender Keilschriften, die von der Bedeutung Urs als der Heimstätte des Mondgottes zeugten. Die zurzeit in Gang befindlichen Untersuchungen bezwecken vor allem, etwaige von Abraham hinterlassene Aufzeichnungen aufzufinden und die Originaldokumente über die Ge-