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Die Wahrheit · 1924-03-28 · Heft 13 (28.3.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 13 (28.3.1924)
Date
1924-03-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 13 den Gipfel des Drills gab es vor allem in Preußen; den Drill des Kasernenhofes und den Drill in der Wissenschaft, den man Methodik nennt. Und die wissenschaftlichen Werke Lassalles, juristische und philosophische, sind Muster exakter Methodik, und nicht weniger methodisch war der Versuch Lassalles, die Arbeiterbewegung in Preußen, in Deutschland zu organisieren. Auf diesem Grundriß hat die Sozialdemokratie dann weitergeschaffen mit dem Erfolg, daß die deutsche Parteiorganisation das Vorbild vielfach und jedenfalls überall die Bewunderung der Welt geworden ist. Endlich. Seine Bewunderer haben Lassalle einen Achill genannt; ich wüßte nicht, was an diesem Gehirnmenschen achilleisch gewesen ist. Aber ich sagte es schon, er gehörte zu den großen Ich-Menschen; er gehört in die Klasse des Alkibiades; der großen Genießer; Genießer mit den Sinnen, Genießer mit dem Intellekt; auch das Herrschen sollte ihm Genuß sein; ich weise hin auf seine charakteristische Vision; er sieht sich mit der Gräfin Hatzfeld einziehen in Berlin durch die Mitteldurchfahrt des Brandenburger Tors, die damals nur die königliche Familie benutzte, in einem offenen Wagen mit sechs prachtvollen Schimmeln bespannt: Lassalle-Imperator; vielleicht Imperator einer — Republik! Ein Mann mit diesem intellektuellen Einschlag, ein Ich- Mensch dieser Prägung konnte auch an die Spitze einer proletarischen Bewegung treten. Aber diese Führer- und Herrschernatur ging nicht auf — ganz und auschließlich — in dieser Aufgabe. Marx und Engels haben das immer mit Mißtrauen und trotz aller Bewunderung, die sie sich — abrangen, herausgefühlt. Und als dem gewaltigen Agitator, dem scharfsinnigen Denker, dem großen Redner und Schriftsteller ein Mädcjien recht zweifelhaften Wertes über den Weg gelaufen kam, als er bei dieser Liebesaffäre auch in seinem Selbstgefühl sich gekränkt, verwundet, gedemütigt fühlte, als dem Verwöhnten die keineswegs schneeweiße Taube aus der Hand entschlüpfte, da entschwanden ihm seine großen politischen und sozialen Pläne, diese Herrschernatur wurde beherrscht von der ganz kleinen, windigen und etwas unsauberen Augenblicksaffäre, und ein genialer Mensch wurde hingestreckt durch die blödsinnige Revolverkugel, die eine menschliche Null abfeuerte. Der Tod Lassalles beleuchtet überscharf sein Leben; er vergoldete es nicht. _ („Glocke", Berlin.) Aus Rabindranath Tagores Nationalismus.*) „Weder die farblose Unbestimmtheit des Kosmopolitismus, nocfi1 die leidenschaftliche Selbstvergötterung des Nationalitätskults ist das Ziel .... Durch den nationalen Mechanismus von Handel und Politik' wird die Menschheit schön ordentlich in Ballen zusammengepreßt, die ihren Nutzen — und höhen Marktwert haben; sie sind mit eisernen Reifen umspannt, mit Aufschrift versehen und mit wissenschaftlicher Sorgfalt und Genauigkeit sortiert. Gott schuf doch wahrlich den Menschen, daß er menschlich sei; aber dieses moderne Produkt ist so wunderbar regelmäßig zugeschnitten und poliert, hat so sehr den Charakter der Fabriksware, daß der Schöpfer Mühe haben wird, es als ein geistiges Wesen zu erkennen, als das Geschöpf, das er nach seinem göttlichen Bilde schuf .... Wenn diese Organisation von Politik und Handel die man Nation nennt allmächtig wird auf Kosten der Harmonie der' höheren Lebensformen, dann steht es schlimm um die Menschheit *. . . . wie wenn ein Familienvater sich dem Spiel ergibt und die Pflichten gegen die Seinem am zweite Stelle treten, dammi nicht mehjr ein Mensch ist, sondern eine von der Gewinnsucht getriebene Maschine .... Wie beim einzelnen, so ist es auch bei der menschlichen Gesellschaft. Wenn sie nichts mehr ist als organisierte Kraft, so gibt es *) Kurt Wolff-Verlag, München 1921. wenig Verbrechen, deren sie nicht fähig, ist ... . Dem Zweck einer Maschine und das, was ihr ihre Daseiihsibereeh'tigung gübt, ist der .rniateriel'ie, Erfolg, während Ziel und Zweck des Menschen allein das Gute ist .... Die Nation ist diiie or,gaoiisierte Selbstsucht eines ganzen Volkes und verkörpert alles das von ihm, was am wenigsten menschlich und am wenigsten geistig ist. Die Geschichte der Menschheit ist in ein. Stadium gekommen, wo . der sittliche Mensch, der ganze Mensch fast ohne zu wissen immer mehr und mehr dem politischen Menschen und dem Geschäftsmenschen, dem Menschen des begrenzten Zieles Platz macht: Dieser Vorgang, der unterstützt wird 'durch d>iie ersitaiiiinilidheini Fortschritte der Naturwissenschaft, wird immer riesiger und gewaltiger und bringt den Menschen aus seinem sittlichen Gleichgewicht, indem er die menschliche Seite seines Wesens durch seelische Organisation überwiegen läßt .... Der Nationalismus ist in Wahrheit nicht auf soziales Zusammenwirken gegründet, sondern von Anfang an und bis in seinen innersten Kern vom Geist des Kampfes und der Eroberungssucht beherrscht. Er hat die Organisation der Macht bis zur Vollkommenheit entwickelt, aber keinen geistigen Idealismus. Er hat den Geist des Raubtieres, das seine Beute haben muß. Um keinen Preis wi'1 er idiuilden, daß seine Jagdgnünidie1 li.ni Kuilturl'ajnid iuimigesch'aiffen werden'. Ja, im Gnumde kämpfen die Nationen miteinander nur um größere Ausdehnung ihres Jagdgebietes.....Nicht nur die unterworfenen Rassen, sondern die, welche glauben, frei zu sein, opfern täglich ihre Freiheit und Morschheit dem Götzen Nationalismus und leben in der dumpfen, vergifteten Atmosphäre von Mißtrauen, Gier und Angst, die sich über die ganze Welt erstreckt .... Ich habe in Japan gesehen, wie das ganze Volk sich freiwillig geistig zurechtstutzen und seine Freiheit beschneiden läßt .... weil es den krankhaften Wunsch hat, auch so eine Kraftmaschine, die man Nation nennt, zu werden und es anderen Maschinen an Kollektiveigennutz gleiclizutun. Wenn man so einen neubekehrten Fanatiker des Nationalismus nach der Wichtigkeit seines Strebens fragt, so anwortet er: „Solange Nationen in dieser Welt so um sich greifen, haben wir nicht mehr das Recht, unser höheres Menschtum frei zu entwickeln. Wir brauchen alle unsere Kräfte, um dem Uebel zu widerstehen, und das tun wir am besten, wenn wir es uns selbst im höchsten Grade zu eigen machen. Denn die einzige Verbrüderung, die in der modernen Welt möglich ist, ist die Spießgesellschaft des Banditentums." Man muß zugeben, daß dies das wahre Bild der Welt der Nation ist... . In den alten Zeiten richtete Sparta sein ganzes Augenmerk darauf, wie es mächtig werden könnte; es gelang ihm dadurch, daß es seine Menschheit verstümmelte, und es starb an der Amputation. „Habt ihr nicht gesehen, daß, seit es eine Nation gibt, die ganze Welt vor ihr wie., vor einer Spukgestalt zittert? .... Biese Angst ruft alles Böse in der Menschennatur wach. Sie bewirkt es, daß er sich seiner Unmenschlichkeit fast nicht mehr schämt .... Die Nation mit all ihrer Ausstaffierung von Macht und Erfolg, mit ihren Fahnen und frommen Hymnen, ihren gotteslästerlichen Gebeten in den Kirchen und prahlerischen Donnerworten ihrer

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