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Die Wahrheit · 1924-03-28 · Heft 13 (28.3.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 13 (28.3.1924)
Date
1924-03-28
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 13 DIE WAHRHEIT Seite 3 Ferdinand Lassalles Ende.*) Von Dr. Paul Nathan. Es ist nicht überraschend, daß Ferdinand Lassalle immer neue Biographen findet. Er war eine faszinierende Gestalt für jene, die den schönen Mann mit ihren Augen leibhaftig noch erblickten, wie er es ist für jene, die nur mit ihres „Geistes Auge" ihn sich vergegenwärtigen können. Stattlich, mit wundervollen, herrschenden Blicken, mit wundervoller Stirn, selbstbewußt, hinreißend als Redner wie in der Unterhaltung; ausgestattet mit dem gesamten Wissen seiner Zeit, wie er voll pathetischem Selbstgefühl von sich sagte: geeignet, den stärksten Eindruck zu machen auf Gelehrte wie Humboldt und Boeckh, auf einen Dichter und politischen Seher wie Heinrich Heine und auf einen geniajen kühlen Menschenkenner und Staatsmann wie Otto von Bismarck. Es wirkt sein Spiegelbild durch die Zeiten und Ereignisse hindurch noch heute und lockt immer wieder die Biographen, seine Individualität neuen Generationen zu weisen. Das Buch von K o n r a d H a e n i s c h, schön und interessant ausgestattet, ist ein wohlgeeigneter, populärer Führer durch das roman-tische Leben dieses Mannes, der die stärkste, realpolitisch'e Bewegung unserer Zeit, die sozialdemokratische, in Deutschland zwar nicht geschaffen, aber agitatorisch in Bewegung gesetzt hat. Das Buch in seinen Einzelheiten will ich nicht besprechen; nur ein zentrales Problem im Leben Lassalles möchte ich hier zu beleuchten versuchen. Der Tod eines hervorragenden Menschen kann sein eines Daseins naturgegebenes Ende, dem jede lebende Kreatur verfallen ist; und dann ist der Tod nur der Schlußpunkt, der keine neue Aufklärung dem Leben des Abgeschiedenen hinzufügt. Finis! Oder der Tod kann unter eigenartigen Umständen erfolgen, und er kann auch einmal die letzte, unwiderrufliche Aufklärung über ein Leben geben, das nunmehr abgeschlossen ist. Als Lord Byron bei Missolunghi elend zugrunde ging im "Freiheitskampf für Griechenland, bedeutete dieser Tod das Ende eines Lebens voll Ruhelosigkeit des größten lyrischen Dichters der neuesten Zeit, der zugleich ein Politiker sein wollte: und als Lassalle in Genf von der geistlosen Kugel eines bedeutungslosen Menschen zu Tode getroffen wurde, bringt auch dieser Abschluß letzte Helligkeit über das Leben eines Mannes, der ein klarer Denker und voll Konsequenz auch im Handeln gewesen ist und der als gefühlsumnebelter *) Konrad Haenisch: Lassalle. Mensch und Politiker. Berlin. Franz Schneider. von Jeriuisailem, 'des Ewigen' holder Stadit, und von der Ehrfurcht, die in ihr der große geheimnisvolle Name des Einzigen weckt, und von dem riesenhaften Leide »dies Gottesvolkes, das im Völkerhasse ziuim duldenden Gottesknechte geschmiedet wird. Nicht nur das abklingende Heidentum der römischen Kulturdiekaid'efnz stand in seinem Zeichen. Auch die Renaissance mit ihrer Schwärmerei für Plaito sucht diesen Einklang zwischen' Sinnlichem und Geistigem. Und in Kant, dessen Denkerleistung den: P'lätoniismus neu erstehen läßt, den Glauben an eine geistige Welt, die diurch den Menschengeist hereinlenchtet in dien Kreis der Erscheinung, gewinnt dtar platonische Junogedanke die modernen Seelen. Es ist schade, daß Hornefrer nicht an einzelnen modernen Denkern wie Schopenhauer un'd Hartmann, wie Fichte, Hegel und Schelling, wie Rickert und! Enkein ausführt, wie hiter diie alten platonischen Einstellungen in moderner Umhüllung uns begegnen. Es ist auch heute noch der alte Kampf nicht aüsgefochten, der sich in dien Gnmdigegensätzen der antiken Philosophie andeutet, der Kampf zwischen dem materialistischen Atomismus des Demokrat und derri Idealismus Piatons. Horneffers religiöse Romantiker starb. Der Dichter, der ein Politiker sein wollte, und der harte Politiker, der wie ein gefühlsüberwältigter Romantiker endete! Und beide moderne Ich-Persönlichkeiten, und beide nicht hingegeben an ein letztes außerpersönliches Ziel, an die Kunst oder an die Politik oder an die Wissenschaft; sondern letzte Triebkraft dieser Existenzen ist der zwingende Wille, sich auszuleben an die Kaprizen, nach den Neigungen1, nach den Leidenschaften des Augenblicks, nach dem, was das „Ich" will, und führte dieses Wollen auch weit ab von den letzten großen Aufgaben, für die dieses Dasein erschaffen zu sein schien. So Byron, so Lassalle, so der Größte dieses Menschentypus: Alkibiades im Altertum, große, sich bis ins Gewaltige steigernde Persönlichkeiten, die als Politiker nichts zurücklassen können als Anregungen, " Bewegungen, keine abgeschlossene Tat, keine festen Fundamente, auf denen die Zukunft weiterbaut. Große „Ich"-Menscheu, die, wenn sie Politiker waren, als Köstlichstes, das sie der Welt boten, die Erinnerung an ihre reiche Persönlichkeit gaben. Ich möchte Lassalle einen jüdisch-preußischen Alkibiades nennen, mag diese Zusammenklitterung immerhin zunächst bizarr klingen. Ich kann es dokumentarisch nicht beweisen, aber ich zweifle nicht daran, daß Lassalle, der Demokrat, der Arbeiterführer, der moderne Mensch in das feudale Duell durch sein Innerstes, durch sein jüdisches Innere hiueingehetzt worden ist. Er empfand den Abschluß seiner Liebesaffäre nicht als ein Unglück, als ein schwer zu tragendes allerpersönlichstes Mißgeschick, sondern als einen gesellschaftlichen Affront, und einen gesellschaftlichen Affront beseitigt man in den Kreisen, denen Lassalle .gegenüberstand, durch ein Duell. So entstand die Lage, daß der Mann modernsten politischen Gepräges sich das Gesetz seines Handelns durch den sogenannten Ehrenkodex seines feudalen Gegners vorschreiben ließ, und diesen Ehrenkodex hätte er an und für sich verlachen müssen. Daß auch Enttäuschung, Wut, Leidenschaft zu solchem Entschluß mitgewirkt haben, ist bei dem selbstherrlichen Lassalle außer Zweifel. Aber als entscheidend erscheint es mir, daß er als ein vor die Tür gesetzter .1 u d e nun in jener Sprache reagierte, die christlicher Feudalismus versteht, die bei dem gang und gäbe war. Und so ergibt sich die groteske, fast lächerliche Lage, daß jener, der ein Bahnbrecher eines neuen Weltabschnitts sein wollte, sich freiwillig den Vorurteilen einer bekämpften, absterbenden Vergangenheit zum Opfer brachte. Lassalle, der .große, der gewaltige Agitator der Sozialdemokratie, Bejaher und Opfer feudalistischer Lebensführung. Welch ein Hiatus! Und das Preußische in Lassalle sehe ich in seiner Wissenschaftlichkeit und in seinem Organisationstalent. Es gibt Genies und Talente wahrlich überall in der zivilisierten Welt; aber Empfänglichkeit zwingt ihn auf Seiten des Letzteren. In eine ganz andere Welt führt uns Moriz Heitnann mit seinem Novellenschatz (F i s c h e r- Verlag, Berlin) „Wintergespinst", den er seinen Schwestern mit Dank und Gruß widmet. Alle Vorzüge der Heimannschen Muse eignen auch diesen Dichtungen, feiner Sinn für des Lebens Wirklichkeiten, eine Gestaltegslcraft, die auch dem1 sprödesten Stoff ein adeliges Gepräge zu verleihen weiß, eine Kleinkunst in der Herausarbeitung der menschlichen Seelemvorgänge, ein starkes Gefühl für das Rätselhafte, Geheimnisvolle, das in jedes Menschenleben aus einer anderen Welt hineinragt, eine wundervolle Fähigkeit, die Dinge und Wesen zu beseelen und zu dirrchgeistigen. Es sind' Motive des deutschen Kulturlebens, die er bearbeitet, nicht im Stoffe liegt seine jüdische Note, aber in der Problematik, die er im Leben erblickt, in der zarten Linienfühirung seiner psychologischen Menschenmiaterie; da merkt man etwas nicht nur von dem Dichter, der starker Empfindungen voll ist, sondern auch von dem Sohn jenes Volkes, das die Weisheit als Sache des Herzens und Gemüts aufgefaßt hat.

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