Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 13 (28.3.1924)
- Date
- 1924-03-28
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 2 _________________DIE^ WAHRHEIT _ .Nr. Jö noch vier Tage vor seinem Tode hielt, wetterte er mit der ihm eigenen Energie gegen die ihm so verhaßte Gemeinschaft. Wenn heute die Judenhasser sich auf Luther berufen, so vergessen sie, aus welcher Einstellung henaus er zum Judengegner geworden war. Es 'her wicht prinzipielle Feinidsdiaift, sondern Enttäuschiung über, ihre Hartnäckigkeit in der Bekehruiigsfrage. Scholen* Alejchem über Tolstoi. Ein kleines, nicht sehr verbreitetes Fachblatt in Kischinew hatte Scholcm Alejchem um einen Artikel über Tolstoi gebeten. Wie der Dichter darauf antw ortete, das verdient, allgemein bekannt zu werden. „Sie wünschen, daß ich Ihnen über Tolstoi schreibe. Großer Gott! Ich soll über einen solchen Riesen der Literatur, über einen solchen Simson der Menschheit schreiben? Mein Leben lanjj habe ich die lebenspendende Sonne gesucht, die „Tolstoi" hieß und mehr als einmal sagte ich mir: „Ich scheide nicht von der Welt, ehe ich nicht in jasnaja Poljana gewesen bin, ehe nicht meine Augen Tolstoi gesehen haben." Mein Wunsch, Tostoi zu sehen, war nicht bloß Neugier, den Propheten unserer Zeit zu sehen; vor allem zog mich dies zu ihm: Ich konnte nicht begreifen, daß der größte Mann unseres Jahrhunderts die furchtbaren Leiden mitansehen kann, die Millionen meiner unglücklichen Brüder in seinem Lande ertragen müssen, und daß er nicht mit einem feurigen Machtwort hervortritt, das von einem Ende der Welt bis zum anderen erklänge. Vielleicht bin ich etwas beschränkt und das Lo» der Juden geht mir näher als das* anderer: denn von meinen Brüdern wohnen in diesem Lande nicht weniger Alillionen als von anderen Menschen, die auch nicht Honig zu lecken haben: vielleicht .... aber das ist nicht dasselbe: denn alle Völker haben ihre Verteidiger, mein Volk aber hat niemanden, nirgends .... Und besonders die „Großen" der Weltliteratur haben nicht damit gekargt, die Juden in Karikaturen zu schildern und zu verewigen, wie sie von unseren ernsten Feinden — zu antisemitischen Zwecken — als wirkliche jüdische Typen ausgegeben wurden. Sogar ein Exempel des besten Humanismus, Shakespeares Shylock-Tragödie, wird von unseren verblendeten Feinden als Beweis dafür verwendet, daß jeder Jude blutdürstig sei. viel Geld und eine schöne Tochter habe. Die Narren! Sie wissen nicht, daß die meisten Juden sehr wenig Geld, dafür aber viele schöne Töchter haben .... So steht es mit Shakespeare; nicht besser steht es mit den heutigen Schriftstellern der Weltliteratur. Wie Dickens, der große Humorist Charles Dickens (mit dem mich die russische Kritik irrtümlich verglichen hat) einen waschechten Gauner schildern wollte, der eine „Hochschule für Gauner" gründete, fand er in seiner Heimat kein anderes Modell als einen Juden. Es wäre selbstverständlich unsinnig, einer so reinen Seele wie H. ü. Wells, der nur auf anderen Welten, auf dem Mars, dem ^/lond, den Planeten usw. lebt, böse Absichten zuzumuten; aber er ist doch eifrig dabei, einen Juden zu schildern, der Gold und Brillanten zusammenklaubt, das die Menschheit auf der Flucht zurückgelassen hat, als die Marsleute gekommen sind, um die sündige Erde zu vernichten. Ueber die russischen Genies der Literatur, Gogol, Turgenjeff, Dostojewski, braucht nicht erst gesprochen zu werden. Sie haben die Juden so gekannt, wie etwa ich — ich schäme mich, es einzugestehen — die Marsbewohner; sogar ein so feinbesaiteter Mensch wie Tschechow, der noch dazu Gelegenheit hatte, die Juden kennen zu lernen, begeht in dieser Hinsicht — er möge es mir verzeihen — so lächerliche Fehler, daß es sich davon nicht zu sprechen lohnt. Solche Gedanken hatte ich in den Stunden, da ich nach dem Apostel von Jasnaja Poljana Sehnsucht hatte. Ich muß natürlich nicht erst betonen, daß ich, wie viele meiner Brüder, ein begeisterter Anhänger seines tiefen Talentes und seiner hochmenschlichen Lehren war. Es war mir immer klar, daß seine Lehren die unseren, die judaistischen Lehren sind. In vielen, sehr vielen Punkten stimmt er — wie ich glaube — mit unseren Lehren. überein, sein unaufhörlicher Kampf gegen den bösen Trieb, seine Enthaltsamkeit vom Fleischgenuß, sein Predigen der Liebe zu allen Geschöpfen, sein Gottsuchen, sein Tod und sogar sein Begräbnis — das alles erinnert an unsere großen'Geisteshelden, an unsere Riesen der Ethik. Ich war fest davon überzeugt, bei einer persönlichen Begegnung werde es mir leicht fallen, den großen Künstler und Denker darüber aufzuklären, daß in dem unendlichen Meere unglücklich gewordener Menschen einige Millionen Lebender leben, die unterdrückt und gejagt sind, die aller Menschenrechte beraubt und als Schande der ganzen Welt hingestellt werden; und diese Millionen warten auf ein starkes, mächtiges Wort, wie auf den Messias .... Nein — es. war rffir nicht beschieden, Tolstoi persönlich kennen zu lernen, und das wird mich bis zum letzten Tage meines Lebens mit Trauer erfüllen. Es ist uns wohl beschieden, einander drüben, jenseits vom Leben, zu begegnen, wo es — keinen „Ansiedlungsrayon" und keine „Judenfrage" gibt. Feuilleton Iura Drei Bücher. Von 'Bezirks-Rabbiner Dr. Beermann, Heilbronn. In seiner im Verlage O r m a, Kassel, erschienenen Studie „Der Piatonismus und die (] e g e n w a r t" tritt der rührige Gieß euer Philosophielehrer. Ernst Hörne fr er mutig gegen die Herabwürdigung einer Wissenschaft vom Uebersinnlichen in die Schranken. Nur vom Geiste aus ist ihm eine einheitliche Weltanschauung aufbaubar, eine Weltanschauung, die mit Nietzsches geistvollen Wortspiel die Notwendigkeiten des Lebens, die Nöte des Daseins zu wenden. Die philosophische Sehnsucht, wie sie Plato in seinem Eros, in dem Liebesverlangen nach Teilnahme an einer geistigen w eJtüberlegenen Wirklichkeit ausgeprägt hat, wird je und )2 die Wahrheit der Kautschen Worte erleben : > „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal in einer Gattung ihrer Erkenntnisse: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr äurch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die^ie aber auch nicht beantworten kann, denn sie übersteigen Mies Vermögen der menschlichen Vernunft". Piaton ist der Mensch der großen Synthese, als solcher das Gegenstück unserer modernen Zerrissenheit und Zerklüftung. Darin Hegt die erzieherische Macht, die er auf unser Zeitalter und dessen geistige Not ausüben könnte. Mit Piaton ist nicht nur die Spannung zwischen Geistes- und Sinneswelt, sondern auch ihre Harmonisierung und1 Aussöhnung fn die Geschichte getreten. Darauf beiruhen sieine ewigen Wirkungen. Wie stark der Idealismus in künstlerischer Ausprägung jüdische-Dichter beseelt, zeigen zwei vor mirriegend^belletrisüscheSchriften. Else Lasker- Schüler ist auch in ihrem „Wund'errabb in e r von B a r c e 1 o n a" (Verlag Paül C a s s ir e r, Berlin) eine machtvolle Eigentöneirin, in deren Blut Flammen lodern. Starke religiöse und jüdischnationiale Empfindungen ringen in ihr nach' Gestaltung und einer Liiebesglut, in der als Keim der platonische Eros, die Sehnsucht nach Reinheit und1 Güte als Edelmetall von heißer Lohe umleuchtet hervorstrahilt in voller Reinheit. Sie singt in ihrer stark lyrisch! gdhialtenen Novelle mit hinrelißenider Sprachgewalt das Lied von Gottes Himimelsdaich und vom heiligen Lande als der Sternwarte des Gottesvolkes