Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 13 (28.3.1924)
- Date
- 1924-03-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064071-3064084--12687-3080151- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Deuls€hös<eireichisctie Wochenschrift fflr Jüdisdie Interessen Mit dem Beiblatt: VerOttenOidiangen der „Union deufschösfeircidttsdier Juden" Redaktion und Administration : Wtem M«taM5«Är««»«5si*3. - Fernruf 42-2-16 _,_ " - XL. Jahrgang Wien, 28. März 1924 Nummer 13 Martin Luther und seine Stellung zum Judentum. Von Dr. Willy Cohn. Es ist in der Gegenwart unter allen Umständen von Interesse, wie sich welthistorisch bedeutsame Persönlichkeiten mit dem Judentum abgefunden haben. Ganz besonders muß aber eine Epoche beachtenswert sein, die in der Uebergangszeit zwischen zwei welthistorischen Abschnitten zu liegen scheint, denn auch wir befinden uns offensichtlich in einer solchen. Ungeheuer war die Gärung, in der sich die abendländische Menschheit im Ausgang des XV. wie im Beginn des XVI. Jahrhunderts befand. Die seelische Unbefriedigung mit der vorhandenen Weltanschauung des Mittelalters suchte tastend nach einer neuen. Auch das Judentum war von dieser Erregung nicht unberührt gebheben. Die Hoffnung auf das baldige Erscheinen des Messias lebte in den Gemütern. Mancherlei Anzeichen schienen sich dafür bemerkbar zu machen. Es mußte die Juden erstaunen, daß man sich in christlichen Kreisen mit einem Mal intensiv mit ihren Schriften beschäftigte. Es ist ja die Zeit, in der Johannes Reuchhn geradezu eine Renaissance der hebräischen Sprache heraufführte. Als nun die Kunde von dem Auftreten Martin Luthers zu der Judenheit gelangte, konnte sie von ihr nicht anders gedeutet werden, als daß nun das Ende des christlichen Glaubens gekommen sei und sich die Rückkehr zum Judentum vorbereite. Mit einem Worte: sie sahen in Luther einen Verbündeten ihrer Sache. Wie aber stand der Reformator zu ihnen? In der Epoche, die vor seinem berühmten Auftreten auf dem Reichstag zu Worms im Jahre 1521 lag, war er wenig oder kaum mit Juden in Berührung gekommen, und das Bild, das er sich von ihnen machte, unterschied sich wohl nicht von dem sonst üblichen. Da erschienen bei ihm in Worms Abgesandte der Judenschaft, um von ihm Auskunft über eine Bibelstelle einzuholen. Wir dürfen ruhig annehmen, daß dies nur vorgeschoben war, man wollte einfach sondieren, wie Luther zum Judentum stand. In dieser Unterredung mag! ihm der Gedanke gekommen sein, daß er seiner Sache eingehender nützen müsse, wenn es ihm gelänge, die Juden zu dem von ihm reformierten Christentum zurückzuführen. Und so sehen wir die groteske Situation, daß sich auf der einen Seite das Judentum auf die Rückkehr des Christentums zu seinem Glauben Hoffnung macht, während dieses wiederum mit der Bekehrung der Juden rechnete. So ist das Verhalten Martin Luthers für die nächste Epoche vorgezeichnet. Er wird versucht haben, literarisch und persönlich für die milde Behandlung der Juden einzutreten, um sie auf diese Weise für sich zu gewinnen. In diesem Sinne ist die Schrift zu verstehen: „daß Jesus Christus ein geborener Julde sei" Es verdient bemerkt zu werden, daß man von päpstlicher Seite Martin Luther einen Juden schalt. Diegenannte Schrift erregte ein ungeheures Aufsehen und erlebte in einem Jahre neun Auflagen. So sehr dieser Erfolg den Reformator freuen mußte, so stellte er doch mit Betrübnis fest, daß der eigentliche Zweck, die Bekehrung der Juden, durch sie nicht erreicht wurde. Wohl kamen hier und da einzelne Leute zum Taufbecken, jedoch waren es gerade nicht die besten Elemente, und die große. Masse blieb aus. So mußte sich naturgemäß in. seiner Seele ein Umschwung' vollziehen. Temperamentvoll, wie er war, gab es für ihn in der Gefühl sskala zwischen Liebe und Haß keinen UebergangiNachdem durch den Mißerfolg der Bekehrung das-- erste Gefühl beseitigt war, mußte das zweite Platz greifen. Mit der ganzen Wucht seiner Persönlichkeit warf er sich auf die Bekämpfung des Stammes, der ihn so schwer enttäuscht hatte. Dazu kam noch, daß die Bewegung der Sabbathisten einsetzte, und Luther glaubte, in der Tatsache, daß sich viele Christen zur Feier des jüdischen Ruhetages bekannten, eine Ausbreitung des Judentums sehen zu müssen. Im Jahre 1543 erschienen die beiden großen judenfeindlichen Pamphlete: „Von den Juden und ihren Lügen" und „Vom Schern Hamphoras und vom Geschlecht Christi". Zweck dieser Schriften war nun nicht mehr die Bekehrung der Juden — diesen Gedanken hatte er längst fallen lassen —, sondern nur noch ihre Bekämpfung. Man sollte ihre Synagogen verbrennen und dem Erdboden gleich machen, ihre Häuser zerstören, sie selbst wie die Zigeuner unter Dächer und Ställe tun, ihre Gebetbücher verbrennen, ihren Rabbinern bei Leib und Leben das Lehren verbieten u. s, f. Vor aileim aher wies er diarauf hin, — und hier schnitt er ein Problem an, das uns auch heute unter dem Gesichtspunkt der Berufsumschichtung besonders interessiert — daß man die jungen starken Juden und Jüdinnen zur Arbeit mit Flegel, Axt, Spaten, Rocken und Spindel zwingen solle, „um ihnen das faule Schelmenbein aus dem Rücken zu treiben". — Derselbe Luther, der so warm für die Juden eingetreten war, kannte nun kein Mitleid mehr, er wies darauf hin, daß selbst die Heiligen gestattet hätten, Juden zu ermorden. Mit einem Wort: Er sagte ihnen den 'Krieg bis auifs Messer an. Und all das nur deshalb, weil sie der Religion ihrer Väter treu geblieben waren und sich nicht zum Christentum bekehren wogten. Selbst in der Predigt, die er