Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 12 (21.3.1924)
- Date
- 1924-03-21
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 12 DIE WAHRHEIT Seite Ii Wahrheiten vom Tage H tiitleriana. Vier Stunden soll der Tapezierergehilfe als Volkserlöser vor dem Münchener Volksgericht seine Verteidigungsrede gehalten haben. Nur ganz bevorzugten Geistern ist es vergönnt, derartig breitausladende rhetorische Leistungen ohne Schaden auf Wert und Güte zu vollbringen. Nun aber ist Adolf Hitler bekanntlich nichts weniger als ein bevorzugter Kopf. Man wird es ihm also nicht verargen, daß er in seiner Dauerverteidigungsrede nicht immer zur Sache sprach und daß manches dem Gehege der Zähne besser unentschlüpit geblieben wäre. Beispielsweise: „Wir erkannten es als not- -wendig, sofort jeden mit der Faust niederzuschlagen, der es wagte, die Verkündung deutscher Ideale mit der Faust zü verhindern." Oder: „Rücksichtsloser, heißer, brutaler Fanatismus ist in solchen Momenten das einzige Mittel, um eine Nation vor dem Versklaven zu retten." Oder (mit Bezug auf Herrn v. Kahr): „Es scheint mir bei einem Staatsmann nicht ein Vorzug zu sein, daß er bisher ein ehrenhaftes, unbescholtenes Leben geführt hat." Trotzdem oder eben deshalb war dieser Hitler dem gelehrten Laienrichter sowie der großen Öffentlichkeit als Rappelkopf und Naturbursch, der so spricht wie ihm der Schnabel gewachsen ist, sympathischer als der andere Hauptangeklagte, der bis ans Herz hinan kühle, diplomatische, ungleich schuldtragendere Putschgeneral Ludendorff, dessen Erklärungen vor Gericht seinen Nimbus als Nationalheiliger einigermaßen verblassen ließen. Ludwig August Frankl. Zum Gedächtnis des dreißigsten Todestages des jüdischen Dichters Ludwig August Frankl sei daran erinnert, daß er auch zu den Freiheitshelden der Achtundvierziger-Revolution gehörte und als Legionär der Wiener Studentenschaft sich einen unvergänglichen Namen gemacht hat. Seine Tätigkeit als Sekretär der Wiener Kultusgemeinde bildet für diese ein Ruhmesblatt. Wie haben sich seither die Zeiten geändet! Das verhütete Hakenkreuz. Ja auch so etwas kann es geben. Wer daran zweifelt, der vernehme den Hammerleser G. G; in Nr. 521 und schaudere. Schreckliches hat sich zugetragen in der guten alten Stadt Magdeburg. Dort gibt es, fast selbstverständlich; einen „Stahlhelm-Verehi", die Verkörperung arischen Geistes und völkischer Sitten. Man denke nun! Dieser Stahlhelm-Verein führt sogar nicht nur unter seinen Mitgliedern Juden, sondern läßt sie sogar bei' festlichen AnJässeai dieVere'm<sfahnen tragen. Mit Recht fragt der aufgeregte G. G.: Ist das deutsch? Ist das völkisch? Als was kann man es bezeichnen, wenn ein Jude vor unserer Kriegsflagge und vor Leuten geht, die das Hakenkreuz in vollem Bewußtsehl der Bedeutung desselben tragen? Hoffen wir (sagt dazu „Der Hammer"), daß diese Zeilen Anlaß geben werden, reinliche Scheidung hervorzurufen. Nun gut, hoffen wir.. Aber daß es überhaupt so weit kommen konnte, einen Stahlhelm jüdisch zu verseuchen, läßt tief blicken. Vom christlichen Lamm und jüdischen Wolf. Das deutsche Volk wurde mit der ostjüdischen Einwanderung schwer heimgesucht. Es war nicht die freie Wahl dieser „Fremden", sondern ein Verschulden mehr des General Ludendorff, über dessen Anordnung die „Polnischen" hauptsächlich zur Frohnarbeit auf dem heiligen deutschen Boden verpflanzt wurden. Daß sie dem Gastvolk Brot und Wohnung wegnahmen, war noch nicht das Schlimmste, aber sie bringen auch einen verhängnisvollen Geist mit der sich unter anderem die Bestechung der preußischen Grenzbeamten zu schulden kommen läßt. Für jüdisches Geld ließen christliche Beamte die Einwanderer ohne Ausweispapiere passieren. Anderseits erzählt man uns von großangelegten Paßfabriken. Dem sei wie immer, unparteiisch betrachtet ist hier das christliche Lamm tadelnswerter als der jüdische Wolf, denn es ist nicht mir rassfsch gegen Korruption gefeit, sondern auch durch den Amtseid verpflichtet. Wieder ein Attentatsversuch Völkischer. Wie die l. T. A. aus Berlin meldet, brachten vor kurzem Zeitungen die Nachricht über ein mißlungenes Attentat gegen eine Person in der Umgebung des ehemaligen deutschen Reichskanzlers Prinz Max von Baden. Wie sich jetzt herausstellt, handelt es sich um den Privatsekretär des Prinzen, Kurt H a h h, einen Juden. Hahn war bis zum Zusammenbruch der Front in der Obersten Heeresleitung tätig und wurde dann_ Privatsekretär des Prinzen Max von Baden, als diesem im" Herbst 1918 die Reichskanzlerschaft übertragen worden ist. Nach dem Rücktritt des Prinzen Max von Baden folgte ihm Hahn auf das Schloß Salem. Er nahm dann als Pritfatsekretär des Prinzen an den Friedensverhandlungen in Versailles teil in der Nähe voir Max Warburg, mit dem er verwandt ist. Nach Friedensschluß betätigte sich Hahn als reformatorischer Erzieher deutscher Jugend, gründete eine Schule nach modernen Grundsätzen und wurde auch Erzieher des Sohnes des Prinzen Max von Baden. Im Irrgarten der Dummheit. Der Obergärtner Theodor Fritsch leistet sich in Nr. 521 seines „Hammers" wieder Erhebliches und Unerhebliches. Hier soll nur von dem die Rede sein, was er als Eigenbau den Hammer-Lesern bietet. Besonders in dem Aufsatz „Kann der Jude aufrfchig national deutsch empfinden?" Es wird dabei an einen Vortra.tr des famosen Doktor Max Naumann angeknüpft und dem völkischen Major a. D. Anker, der diese Frage unbedingt bejaht, ein Privatissimum gelesen. Theodor Fritsch weiß es natürlich besser als Doktor Naumann, Major Anker und andere, die deutsch sein und jüdisch sein nicht für unkompatibel halten. Logischerweise. Gehört doch Theodor Fritsch zu jenen Fanatikern, die dem Juden das Menschentum absprechen, ergo kann er auch kein Deutscher sein. Solches zu beweisen, führt er eine Reihe von Gewährsmännern ins Treffen und läßt es nach bekannten Mustern an Fälschunsen nicht fehlen. Au^ch der biedere Fichte muß herhalten, obgleich seine viel zitierten Reden an die deutsche Nation ohne Unterschied der Konfession gehalten wurden und er nichts dagegen hatte, wenn die Juden Deutschlands ebenso bereitwillig Blutopfer brachten, wie hundert Jahre später ihre Nachkommen im Weltkriege. Macht nichts; der Jude wird verbrannt oder wenigstens verfolgt. Als glaubwürdigsten Zeugen nennt Fritsch sich selbst und seinen „Hammer", der am 15. Mai 1910 erklärte, „daß die Hebräer ihr Judentum abtun und Deutsche werden wollen, glaube ich nicht eher, als bis sie ihre talmudischen Schriften verbrennen und ihre Synagogen niederreißen. Zum Zeichen dafür, daß sie nicht länger Jahwe, den Geist der.....anzubeten gesonnen sind." Wegen der hier ausgelassenen Worte, merkt Fritsch an. wurde er damals zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Nun ja, das war damals, als im deutschen Reiche die jetzt von der Fritsch-Partei arg angepöbelten HohenzoIIern am Ruder waren. Unter der Ludendorffisch eingestellten Republik ist ein hemmungsloser Theodor Fritsch wie so viel ähnliches möglich. * ... * Ein Lieblingsgegenstand zeitgenössischer Hakenkreuzgelehrter ist die Frage, ob Christus ein Jude war. Natürlich wird das bestritten. Wie denn auch nicht? Ist der Jude ein Ausbund aller Verworfenheit, wie konnte der Stifter, der christlichen Religion diesem Volk entstammen. Der Hammcr- Vorlüger zitiert einen römischen Statthalter Publius Lentulus, der von Jesus eine Schilderung entwirft, die auf jeden germanischen Arier passen würde. Auch der berüchtigte Chamberlain und der ihm ebenbürtige Friedrich Delitzsch müssen als Zeugen herhalten. Bescheiden, wie er ist, stellt aber Theodor Fritsch diese Herren zurück und erinnert, daß er schon in den Achtziger Jahren die nichtjüdische Abkunft Christi nachwies. Nun. wenn Blondheit und Blauäugigkeit sichere Kennzeichen des Germanentums sind, dann müßten gar viele Ostjuden als untadelige Arier angesprochen werden. Das ist so eine Beute aus dem Irrgarten völkischer Dummheit. Bühne und Bizeps. Nachdem in Dresden die Erstaufführung von Tollers Komödie „Hinkemann" durch bezahlte nationalistische Raufbolde gestört und weitere Aufführungen durch Gewaltandrohung unmöglich gemacht wurden, hat sich das Berliner Rose-Theater für seine Vorführung des Tollerschen Stückes in origineller Weise gegen solche politische Radaubrüder gesichert. Es hat Plakate mit folgender Warnung an die Eingangstüren geklebt: „Achtung! Das nationalistische Gesindel hat in Dresden die Aufführung des deutschen Hinkemanns gewaltsam gestört und den Schauspielern mit Erschießen gedroht, falls weitere Aufführungen stattfinden! Um ähnliche Vorkommnisse hier in Berlin von vornherein im Keim zu ersticken, haben die Arbeiter-Athleten und -Sportler den Saalschutz übernommen. lÄliegt daher im eigensten Interesse eines gewissen Publikums, den Anordnungen der Boxer und Ringkämpfer unverzüglich Folge zu leisten." Der Kunstfreund, der sich über den Dresdner Vorgang empörte, wird sich ob dieser Versportlichung des Theaters doch Verlegen den Kopf kratzen. Indessen:,wenn schon Gewalt gegen Kunst lostobt — wird zu ihrem Schutze schließlich rti^ entsprechende „Gegenwirkung" übrig bleiben.