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Die Wahrheit · 1924-03-21 · Heft 12 (21.3.1924) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 12 (21.3.1924)
Date
1924-03-21
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 12 DIE WAHRHEIT Seite 9 und Kultur, auch nicht die leiseste Ahnung hat. Bei Herrn Ludendorff kommt hierzu noch ein muckeirlicher Geist, der sich zum Hasse,1 gegen die deutschen Katholiken verdichtet,, obwohl die Schlesier, die Rheinländer und die Bayern gewiß nicht -an Jen Niederlagen Ludendorffs Schuld gewesen sind. In Anlehimwg an eine Aeußenung Dostojewskis hat 'der deutsche Schriftsteller Thomas Mann die Behauptung gewagt, daß der letzte Krieg ein erneuter gewaltiger Protest des deutschen Protestantismus gegen die von der römischen Kirche verkörperte und unausgesetzt propagierte Weltgsmeinschaft der Völker gewesen sei. Herr Thomas Mann hat zuweilen recht verknüllte und geschraubte Ideen und er braucht auf diese letzte Entdeckung sich nicht viel einzubilden. Aber Herr Ludienidorff hat von der Mann'schen Theorie gewiß nicht gewußt, als er die römische Kirche und die deutschen Katholiken zusammen mit dien1 Juden für den VersaiHer Frieden verantwortlich machte und "deutschen Patriotismus mit preußischem Protestantismus und mit hakenkreuzlerisoheim Antisemitismus identisch erklärte. Där Gedanke ist von einer so ungeheuren Borniertheit, daß er geradezu entwaffnet. Durch die Kreise des deutschen Zentrums geht eine starke Beiwegung infolge der Weisheitsiaussprüche, die Herr Luide ndorff in München' von sich gegeben hat. Für die Partei, welcher der jetzige Reichskanzler Marx angehört, muß es ja wirklich recht schmerzlich sein, mit den Juden in einen Topf geworfen zu werden. Zwar sind auch die deutschen Katholiken eine Minderheit und müssen gegenüber dem preußischen Muckertum scharf auf der Wacht sein, um ihre staatsbürgerliche Gleiichberechtiigung zu behaupten; aber sie haben es mit den völkischen Kreisen, mit den Wotan-Verehrern und den Propheten des „gereinigten Glaubens" dadurch verschüttet, dlaiß sifc, einlgedenk itirer eigenen MimoritätssteL'lung, in die antisemitische Hetze niemals mit eingestimmt halbem Das ist auch der Unterschied, zwischen den Katholiken im Deutschen Reich und jenen in Oesterreich. Trotz Staatsgrundgesetz und Gewissensfreiheit gilt in Oesterreich im Empfinden der Bevölkerung der Katholizismus noch immer als Staatsreligions, und hier hat die Judenhetze in früherem, Jahren — wir erinnern nur an den Pater Schnabel und an den Jesuitenpreditger Pater Abel — vielfach die Förderung und Ermunterung auch katholischer Priester gefunden. Im Deutschen Reiche dagegen fühlen sich, insbesondere im Norden, die Katholiken wenn auch nicht als diei Unterdrückten, so doch als die Minderheit undi haben sich gegen die Glaubenswut protestantischer Eiferer zu wehren. Katholiken gelten in Preußen wohl nicht für gar so schlimm wie die Juden, aber immierhin noch für schlimm genug, um gleich jenen gehaßt zu werden. Das also ist die Welt, in welcher sich der erleuchtete Feldherrngeist eines Luden'dorffs und seiner völkischen Kampfveribände bewegt. Hätte man Herrn Ludendorff ungehem'mt fortarbeiten lassen, so hätten die Niederlagen in der ersten und zweiten Marneschlacht nichts bedeutet. Er hätte mit seinem Großmaul zuletzt doch noch den Sieg an diei Fahnen des junkerlich-muckerischen Preußentums geheftet. Aber der Papst und die Juden sind ihm in den Arm gefallen und so ist der Krieg verloren gegangen. Es ist ein unsäglich kindisches Märchen, das sich Herr Ludendorff da ausgesonnen hat, um noch weiterhin an sein Feldherrngente glauben zu machen und die Verantwortung für den Versailler Diktatfrieden auf die Schultern anderer zu überwälzen, nachdem er im entscheidenden Momente den damaligen Reichskanzler Prinzen Max von Baden selbst zum Abschlüsse des verhängnisvollen Waffenstillstandes gedrängt hat. Die Verteidigungsrede des Herrn Ludendorff war so einfältig und so brutal, daß er sich damit die Gloriole des Nationalheiligen selbst und endgültig vorn Haupte gerissen hat. Wir Juden aber haben den bescheidenen. Stolz, die Rolle, die er uns in Gemeinschaft mit dem Papste zugewiesen hat, abzulehnen. _ — sch' — Aus unseren Mitgliedschaften. Die Ortsgruppe Aisergrund der „Union deutschösterreichischer Juden" hielt Montag, den 10. März, unter dem Vorsitz ihres Obmannes Herrn Moritz Oesterreicher eine Plenarversammhmg ab, zu welcher sich unter anderen auch die Kultusräte Dr. T i c h o, Baurat Kempler, Dr. Landau, ferner Börsenrat Glück, Bezirksrat Weiner, der Präsident des Zentralvorstandes D. 0 r n s t e i n und namens der zionistischen Bezirksorganisation Dr. S c h a 1 i t und Oberrechnungsrat Weiner eingefunden hatten. Der Vorsitzende eröffnete die Versammlung mit Worten herzlicher Begrüßung und teilte mit, daß der „Union" im letzten Jahre 420 neue Mitglieder zugewachsen seien und daß vom 1. Jänner bis 10. März 33/4 Millionen an Mitgliedsbeiträgen eingezahlt wurden. Diese Ziffern beweisen, daß die Tätigkeit der „Union" in der jüdischen Bevölkerung vollen Anwert finde. Hierauf sprach Herr Rechtsanwalt Dr. Josef T i c h o über das Thema „Unser Kampf ums Recht". Redner betonte zunächst die grundsätzliche Stellung der „Union", weiche auf die Wahrung der vollen bürgerlichen Gleichberechtigung der österreichischen Juden abziele. Er beleuchtete sodann die Lage der Juden, wie sie sich nach dem Kriege in den einzelnen europäischen Staaten herausgebildet habe und zog aus den Ergebnissen dieser Umschau den Schluß, daß überall dort,, wo die Juden versuchten, sich als selbständiger nationaler Körper von ihrer Umwelt abzusondern und diiferenzielle Rechte zu beanspruchen, der Antisemitismus in bedauerlicher Weise zugenommen und die Lage der Juden sich verschlechtert habe. Der Vortragende ging (sodann auf die Rechtsschutzarbeiiit der „Union" selbst edn und entwickelte in großen Zügen Wesen und Bedeutung dieser Arbeit. Er wies insbesondere auf die ungeheure Wichtigkeit des unausgesetzten Kampfes, welchen die „Union" gegen die zunehmende Agitation für die Einführung des Numerus clausus an den österreichischen Hochschulen führt, hin. In diesem Kampfe handelte es sich um die Sicherung des primitivsten staatsbürgerlichen Rechtes, nämlich um die Offenhaltung aller Bildungsstätten für die jüdische Jugend. Redner betonte weiters die segensreiche Tätigkeit, welche die „Union" in der Optionsfrage entwickelt habe und noch immer entwickle, und führte noch eine Reihe anderer Aktionen an, welche beweisen, daß unsere Rechtsschutzorgainisatian nicht nur vielfaches Unrecht, das an Juden begangen wurde, gutgemacht, sondern auch vielen Rechtswidrigkeiten vorgebeugt habe. Mit der Aufforderung zu regen und innigem Anschluß an die „Union" schloß Dr. Ticho seine glänzenden, mit stürmischem Beifalle aufgenommenen Ausführungen. Als zweiter Referent nahm Sekretär Siegfried Fleischer das Wort zu dem Thema „Auiklärungs- und Organisationsarbeit". Redner verwies zunächst auf die Bedeutung der Erklärung, welche Bundeskanzler Dr. S e i p e l vor kurzem gegenüber einer Abordnung der „Union" abgegeben hatte, daß nach seiner Mei- Am unser« leserf Werbet für unsere Zeitung! Eine erfreuliche Erhöhung der Abonnentenzahl ist zu verzeichnen! Jeder Bezieher muß es sich zur Pflicht machen, dnsn heuen Abonnenten zu gewinnen, damit wir schon in Kürze das Blatt weiter ausbauen kftnneii

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