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Die Wahrheit · 1924-03-21 · Heft 12 (21.3.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 12 (21.3.1924)
Date
1924-03-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 12 DIE WAHRHEIT efti Zeichen wird, daß Deine Leidenszeit zu Ende ist. Und dieses Zeichen wird solcherart sein: Du wirst Männer aus allen Windrichtungen treffen, die alle einem Zieles zustreben und das wahre Wort Gottes wird sie leiten. Es werden ChassMim sein, die das Bedürfnis zur Ausisprache an einem Ort versammeln wird. Wenn Du ferner Männer triffst, die von ungefähr ausgezogen, um Worte der Weisheit aus meinein Munde zu vernahmen und just zu der Beratung der Zadikim zurechtkommen, dann wisse, das Leid wird von Dir genommen. Dan folge auch Du ihnen an jenen Ort, wo die Frommen beisammensitzen und durchstreife die Stadt von einem Ende zum anderen, bis Du die Stelle erreichst, die Du vom ersten Tage an sahst. Dort wirst Du den Anfang und1 das Ende Deines Seins finden und die Summe Deiner Leiden wird abgeschlossen sein. Du wirst mich wiedersehen und alles wird. Dir klar werden." Purpurrot stieg jetzt die Sonne hinter dem massigen Gestein hervor und tauchte den Bergwald in ein Meer von Licht. Geblendlet standen die beiden Männer auf dem Berggipfel. Der Bai Schern streckte beide Arme gegen den Himmel aus und sprach zu Elieser: „Sieh, die ganze Natur jubelt Gott entgegen und die große Welt ist voll der Herrlichkeit Gottes. Wahrhaft fromm ist, wer die Liebe zu Gott im Herzen trägt. Die Seele des Menschen ist ein Teil Gottes und durch die Freude, durch unsere Gedanken haben wir die Schöpferkraft in uns. Das ist das Heilige und Göttliche am Menschen, daß er durch seinen Willen gottähnlich werden kann." Nach diesen Worten entschwand der Bai Schern und Elieser sah sich nur vom hellen Morgenlicht umgeben. Da sank er hin, denn er fühlte, d'aß er wieder allein war und daß die Kraft von ihm genommen war. Gestalten und Probleme einer judischen Weltbewegung. Von Oberrabbiner Dr. Adolf Alt mann in Trier. (Fortsetzung) Da kommt die. jüdischeste aller jüdischen Diagnosen und sagt: Was schaut ihr vorerst auf die Teilgebrechen, seht doch hin, das Herz des Judentums ist krank- Die Liebe zur Tauro ist geschwunden^ die Kammern des jüdischen Herzens sind blutleer geworden, es pulsiert kein frommes Geistesleben mehr. Das Herz zuckt wohl noch, aber es ist in Gefahr. Gelingt es, vorerst nur das Herz zu heilen und die Seele; vermögen wir die Blutzirkulation der Tauro zu heben, dann verliert das Galuth seine Aussichtslosigkeit, das Rischus seine Macht über uns, die geistige Armut schwindet, die Noi wird gebannt durch Liebe, die Zerklüftung macht einer Verbrüderung Platz, die Unmoral prallt ab am Panzer der frommen Tat und nichts vermag uns dann mehr wegzuführen vom Judentum. Mit diesem Gleichnis vom Jierzen trifft der allverehrte. Meister — wie jedem wohl klar ist — das Herz, die Zentrale aller jüdischen Fragen und mit seiner Erscheinung und seiner Erfassung der Agudas Jisroel-Probleme sind wir auch schon hineingekommen mitten in das Herz unseres Themas: Gestalten und Probleme einer jüdischen Weltbewegung. Die Gestalten auf diesem Kongresse machten die Probleme' zu einer jüdischen Weltangelegenheit und die Probleme machten die Gestalten, als ihre Wortführer, zu einer überpersönlichen geistigen Schau. Es ist nicht übertrieben, wenn ich' sage, man sah in manchen hervorstechenden Gestalten gewissermaßen die Leibhaftigkeit der Ideen und die Ideen hörte man ncht bloß durch den Schall des Wortes vortragen; man sah sie vielmehr auch durch die vergeistigten Züge ihrer personifizierten Träger leben. Das war entschieden die stärkste Seite des Wiener Erlebens. Auch hierin dürfte es kaum eine ähnliche Bewegung im Judeimime, ja vielleicht in aller Welt geben, wo Probleme und Gestalten, also die Ideen und ihre Träger, so zueinander stehen und so aufeinander beruhen wie in der Agudas Jisroel-Bewegung, wie das besonders auf der Knessijo Gedaulo zutage trat. Das gab sich auf dem Kongresse freilich auch in einer äußerlich auftretenden Verehrung der Gestalten und in einer Hervorhebung der Persönlichkeiten kund, die dem oberflächlichen Betrachter leicht als so etwas wie Personenkultus hätte erscheinen können. Die geradezu schwärmerische Ehrerbietung für die markanten Träger berühmter Namen kannte rast keine Grenzen. Man trug die Großen und Größten — wenn man so sagen darf — auf Händen und küßte — im Bilde einer alten Redewendung gesprochen — gleichsam den Saum ihrer Kleider. Schon das bloße Eintreten einer dieser dem Kongresse das Gepräge gebender Gestalten in die Verhandlungshalle brachte den ganzen Sitzungsapparat für eine Weile ins Stocken. Das ganze gewaltige Auditorium mitsamt dem Präsidium erhob sich wie ein Mann und verharrte solange stehend, bis sich die verehrte Erscheinung durch bescheidenes Niederlassen auf seinem Platze allen auf sie gerichteten Blicken entzog. Nicht zu reden davon, wenn sich einer dieser Männer auf der Rednerestrade zeigte. Wehe, wer das alles als eine Art figürlicher Zugkraft ansah und es mit einer Schaustellung agitatorisch-demonstrativer Natur verwechselte. Der hat das tiefe und innere Wesen diese Zusammenströmens Gleichgesinnter aus allen Enden der Welt nicht verstanden Denn wenn jemals, so war hier der Kult der Personen der Kult der Ideen par exeellence. In den Gestalten wurden die Geister geehrt. Vielleicht noch nie oder nur selten, seit der Knessijo Gedaulo in Esras und Simeon des Gerechten Zeit, hat man dem Kowaud Hatauro so vor aller Welt und in einem Maße huldigen gesehen, wie in den ersten Elultagen des schon deshalb denkwürdigen Jahres* 5684 in Wien. Die beherrschende Macnt der Tauro lag sichtbar auf allen Teilnehmern dieser ecclesia magna und hielt die Gemüter in einem sozusagen heiligen Banne. Und das war das Unvergleichliche dieser Versammlung und schon selbst den Dauerenolg in sich Tragende, daß nicht die Gescheiten, nicht die Gewandten, nicht die diplomatisch Beschlagenen und parlamentarisch Geschulten die Zügel an sicli zu reißen vermochten und ausschlag- und richtunggebend waren, sondern die Gestalten der Tauro. Man hat nicht darnach gefragt, ob das, was diese Gestalten empfahlen, denn auch immer das Praktischere, das Klügere sei; ob das so zur parlamentarischen Gepflogenheit gehöre und was die Kritik draußen dazu sagen würde, sondern was sie sagten und wie sie es sagten, war das Rechte und ihre Entschließung war das inappellable, einzig Maßgebende und Zutreffende. Und das nicht etwa — wie man zu sagen pflegt — ihren schönen Gesichtern zuliebe, sondern weil das, was sie anregten, sagten und zur Entscheidung brachten, die Tauro in ihnen so anregte, sagte und entschied; weil es der Ausfluß ihres autoritativen Wissens und ihrer lauteren Gottesfurcht war. Wer etwa nach Wien gekommen war in der Erwartung, einen Weltkongreß in den üblichen parlamentarischen Formen zu erleben, mußte mit Recht enttäuscht sein. Von den sonst gewohnten, streng durchgeführten Ordnungsregeln unserer westlichen Parlamente war da nicht viel zu sehen. Es herrschte sogar mitunter manches von dem, was man hierzulande ohne weiteres mit Unordnung bezeichnen würde. Es kam z. B. nicht selten vor, daß dem einen oder anderen der Rabbis das Wort zu einem bestimmten Gegenstand der Debatte erteilt wurde und statt einer parlamentarisch sachlichen Stellungnahme bekam man eine lange Droschoh zu hören, gewürzt zwar mit feinsinnigen, scharf dialektischen „diwre tauro", aber mit dem Gegenstand der Verhandlung nur ideell zusammenhängend. Wer aber im stillen hoffte, daß der Präsident den Redner unterbrechen und zu Sache mahnen würde, irrte sich in den meisten Fällen sehr. Denn wer, Präsident oder Delegierter, hätte es gewagt, die Ausführung von Taurogedanken zu unterbrechen. Das mochte keiner auf sich nehmen. (Fortsetzung folgt.) -^■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■t Werbet Abonnenten für „Die Wahrheit'4!

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