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Die Wahrheit · 1924-03-21 · Heft 12 (21.3.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 12 (21.3.1924)
Date
1924-03-21
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 Dl£ WAHRHEIT Nr. iö hervorgerufen worden; auch hat der Krieg kein einziges neues Argument zu seinen Gunsten gebracht. Gleichwohl hat er eben nach dem Kriege eine solche Verbreitung erreicht, daß er heute neben dem Faszismus die markanteste Bewegung unserer Zeit darstellt. Schwächer scheint er nur in den romanischen Ländern zu wirken, wo aber ohnehin die Juden nur eine kleine Minderheit bilden. Sonderbarerweise haben auch die Balkanländer noch nicht viel vom Segen des Judenhasses verspürt, was um so auffallender ist, als in Bulgarien z. B. ziemlich viele Juden leben. Sonst aber ist der Antisemitismus heute die internationalste Bewegung und reicht von den Vereinigten Staaten über Deutschland, Polen, Ungarn und Oesterreich bis nach Rußland hinein, wo sich in der letzten Zeit gleichfalls eine antisemitische Bewegung bemerkbar macht, trotz all der Erzählungen vom verjudeten Bolschewismus. Auffallend schwach ist der Antisemitismus in England und in der Tschechoslowakei vertreten, obwohl auch da antisemitische Keime bestehen, die nur auf die günstige Gelegenheit der Entfaltung warten. Für den objektiven Beobachter des nachkriegerischen Antisemitismus ist es zunächst auffallend, daß er besonders unter der sogenannten Intelligenz verbreitet ist. Bekanntlich galt der Antisemitismus zu allen Zeiten als Ausdruck einer 'ungebildeten, pöbelhaften Gesinnung; man sollte also erwarten, daß er unter den niedrigsten und am wenigsten gebildeten Schichten der Gesellschaft daheim seht wird. Dies galt vor dem Kriege z. B. vom Wiener Antisemitismus, der gerade durch die niedrige Geisteshaltung der damaligen Anführer der Christlichsozialeu entschuldigt wurde. Namentlich die kleinen Wiener Handwerker waren dessen Träger. Auch der russische Antisemitismus galt als ein Zeichen der kulturellen Minderwertigkeit des zaristischen Rußland. Es ist nun auffallend, daß nach dem Kriege die unteren Bevöikerungsklassen sich der Judenfrage gegenüber ziemlich apathisch verhalten, daß auch die katholische Kirche, oder, vorsichtiger gesagt, daß die Anführer der katholisch-politischen Parteien (die sich meistens auf die ungebildeten Schichten der Bevölkerung stützen) in der antisemitischen Bewegung keine führende Rolle spielen: die Agitation hat gerade in den Kreisen der Hoclischulprofessoreu und Hochschulstudenten ihren Ursprung. In Deutschland, Oesterreich, Ungarn, Rumänien sind an erster Stelle die Hochschulen die Träger der Antisemitismus; in Amerika sind es neben gewissen Kirchen und neben dem be-, kannten Ford (der auch als Repräsentant der amerikanischen Intelligenz gelten kann) auch die Universitäten, die den Kampf gegen die Juden führen. Unter den Russen sind es an erster Stelle die Emigranten, die dem Antisemitismus huldigen. Leute, die zum größten Teile ebenfalls den gebildeten Klassen der russischen Bevölkerung angehören. Es war zum Teil begreiflich, daß sich der kleine Wiener Handwerker durcli den Juden, den Herrn des Großhandels, bedroht und bedrückt fühlte; es war begreiflich, wenn man vor dem Kriege den Juden als Repräsentanten der Hochfinanz angriff. Wo sind aber die, bedrohten Interessen eines Professors der Physik oder eines Hochschülers, der heute gegen die Juden zetert? Von allen Seiten hört man den Ruf nach dem Numerus clausus auf den Hochschulen; und die Beschränkung des Studiums der Juden ist bereits vielerorts auch im freiheitlichen Amerika eingeführt. Vor dem Kriege war der Numerus clausus nur im zaristischen Rußland möglich und galt allgemein für eine Schande jenes Reiches und für ein Zeichen seiner Unkultur. In welcher Richtung haben sich unsere Anschauungen von der Kultur verändert, daß jetzt gerade die offiziellen Kulturträger aus dem Numerus clausus ein Weltgesetz machen Vollen? Die Tatsache des Hochschulantisemitismus bietet ein gutes Beispiel dafür, wie vorsichtig man die Höhe der Kultur einschätzen sollte. Die Existenz einer oder mehrerer Hochschulen, das Professor entum, das Studium auf einer Universität verbürgen noch keineswegs die Existenz einer Zivilisation; sie können sogar den eigentlichen Herd der Unkultur bilden. Wir sehen es übrigens jeden Tag: die gebildeten Klassen stellen gar nicht die Träger der modernen, fortschrittlichen Ideale eines Landes dar; im Gegenteil, sehr oft rekrutieren sich aus ihren Reihen geradezu die Wortführer der Reaktion. Die Sozialisten betonen mit Recht, daß die Intelligenz meistens zur Bourgeoisie gehört. Und doch ist es gerade die Intelligenz, aus der die modernen und fortschrittlichen Ideale hervorgehen. Ohne Wissenschaft, ohne Schulen, ohne Studium gbt es keine Kultur; allein die Träger der Wissenschaft, der Schulen, des Studiums sind sehr oft Feinde jener Kultur. Versteht man das Paradoxon? Versteht man die Tatsache,- daß die Wissenschaft fortschrittlich ist, während die Universitäten meistens konservativ, wenn nicht reaktionär sind? Ich habe diesen Unterschied lange nicht begreifen können; ich vermochte nicht die Bedeutung der Tatsache einzuschätzen, daß die Universitäten meistens der Schicht der Kleinbourgoisie zuzuzählen sind, und daß mit ihnen als Repräsentanten dieser Schicht gerechnet werden muß. Die Wissenschaft wirkt trotzdem ein. Die echte Wissenschaft hat die Macht, allmählich alle die von der falschen Wissenschaft aufgetürmten Hindernisse zu überwinden. Im Falle des Antisemitismus: es ist augenscheinlich, daß er von Grund aus antiwissenschattlich ist, etwa wie die reaktionären Strömungen auf den deutschen Universitäten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als es für verboten galt, dem Materialismus ergeben zu sein; heute versteht man aber kaum, wie ein Fr. A. Lange seinerzeit wegen seines 'Materialismus oder wie bei uns ein A. Smetana wegen seiner undogmatischen Einstellung von der Universität ausgeschlossen werden konnte. Denn die Wissenschaft siegt .... trotz ihrer Vertreter! / („Wahrheit", Prag). Aus dem Buche „(xilgul".*) Von Henmanin Bluimenthai (Schluß.) Wie ein Heuschreckenschwarm wirbelten die unerlösten Seelen umher und ließen sich nieder zu Tal, auf die Flüsse und Wälder, auf die Straßen und Häuser der Menschen; wie vom Sturmwind getrieben erhoben sie sich, um wieder in eine unibekannte Weite zu fliegen ohne Rast und Ziel. Auch alle Lebewesen verkrochen sich bald darauf und unheimlich still war es bald darauf im Räume. „Wann wird ihre Leidenszeit ein Ende . ne'himen?" fragte Eiieser. „Sie wollen Gestalt annehmen und können nicht," sprach der Bai Schern. „Gott allein kann ihre Irrfahrt abkürzen und sie in einen neuen Körper bannen. Wir können nur für ihre Befreiung beten. Doch Du, Eiieser, sei guten Mutes. Durch Dein jetziges Leben, das der Lehre und Heiligkeit gewidmet war, hast Du das Böse gesühnt und Deine Erlösung ist nahe. Doch zweierlei1 ist nötig, bevor Deine Seele zur ewigen Ruhe eingehen kann: Du mußt vergessen! Nicht nur das, was Du mit mir gesehen iiindi gehont hast, auch altes, wiais Du im Deinem jetzigen Leben erlebt hast, muß ganz Deinem Gedächtnisse entschwinden, bis auif das heilige Wort, das Du gelernt hast. Das soll Dir eingeprägt bleiben. Wenn Du eines Tages dem ersten bekannten Menschen begegnest, wirst Du Dich ani alles wieder erinnern und klar und deutlich werden! dann alle Erlebnisse vor Dir liegen. Ferner mußt Du eine Zeitlang das Brot der Mildtätigkeit und Armut essen und unstet umherirren. Du mußt die Hand nach milden Gaben ausstrecken und so der Niederste unter Deinen Mitmenschen werden. Zu -den Aermsten sollst Du Dich gesellen, bis zu dem Talge, da Dir *) Renaissance-Verlag, Wien. *f J\ JIM /\ 1 FC?T> Kleider-,Pelze-u.Gummimäntel-Fa IVlA"% 1^ 1^ Zentrale: Delailverkauf: ßm *w mm Mm A_*Am Wienil., Glockengasse 24 Wien ü., Taborstra £^^m^>~^...^krim*0i.'"<&:'r-;'''< '••T"'»'"*! '-- '>'^'rS-'S2m^mmmammmmmm^m^m^^^^n-...

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