Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 12 (21.3.1924)
- Date
- 1924-03-21
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 12 blt WAHRHEIT iejte_5 Gottes" (Milchamoth a'daunoj) des Lewi ben Gerson, (Beirliiii, Mayer umid Mütter 1914/1916), das .eine erwünschte Bereicherung unserer Kenntnisse der mittelalterlichen jüdischen Religronsphilosophie brachte. Da ist ferner seine Schrift: „Der ethische Monotheismus dler Propheten und seine soziologische Würdigung" (Berlin, Schwetsclike und Sohn, 1917, 71 S.), in der er mit prachtvollem starken Gefühle gegen dem bekannten Theologen T r ö 11 s c h Stellung nahm, der versucht hatte, die Propheten nur als Griippenbedimgte zu erklären und sie nicht in ihrer schöpferischen ethischen Originalität begriff. Und nun erschien, ein Jahr vor seinem allzufrühen Tode, der erste un!d nun leider mir einzige Band eines großangelegten Werkes über „Die Ethik Spinozas" (Berlin 1922, Schwetsclike imdi Sohn, VII. und 436 S.). Es ist natürlich unmöglich, hier in breiter Darstellung einen Abriß des Buches und der in ihm angewandten) Methode zu geben, das Buch isit ja im wesentlichen ein für Fachkreise bestimmtes, streng wissenschaftliches. Nur zusammenfassend sei gesagt, daß Kellermann in ihm sich das Ziel gesteckt hat, den sachlichen Wert der grundlegenden Begriffe in Spinozas System nachzuprüfen/ Und diese Prüfung geschieht in der Weise, daß er die einzelnen Begriffe an der Denkweisen des Kaatschen kritischen Idealismus müßt, um ihren Abstand von ihm festzustellen. Und da er nach seiner ganzen Einstellung nur die Kantsche Methode und die K'antsche Denkweise als die allein richtige anerkennt, gipfelt das Urteil natürlich in die'These, daß sämtliche Kernpunkte des Spinozaschen Ss'stems als durch Kant überwunden und seine Ansichten als unzulänglich und in der Methode falsch hingestellt wurden. Zuder Darstellung und Durchführung des Themas befähigte Kellermann seine scharfe Dialektik und seine souveräne Beherrschung beider Systeme. Und so wird das Buch zu einer.im höchsten Grade bewundiernswerten Darstellung sowohl der Kantschen wie der Spinozaschen Philosophie. Aber es ist die Frage, ob nicht der Ausgangspunkt der Darstellung im Ganzen anfechtbar ist. Kann man eigentlich den Gehalt eines philosophischen Systems dadurch feststellen, daß man es von einem arideren aus beurteilt? In jedem philosophischen System steckt, ob seine unbedingten Verfechter es nun wahr haben wollen oder nicht, etwas vomi Glauben, und nicht beweisbarer Voraussetzung, die Voraussetzungen und seelischen Ausgangswege jedes Systems sind nicht durch irgend eine kritische Stellungnahme', zu erfassen und daher nicht durch sie zu erschüttern. Und gilt das von jedem philosophischen System, nun wie viel mehr erst vom Spinozismus, der mt seiner durchaus irrationalen Venainikerunig, mit seinen an Dogmatisches erinnernden Definitionen und Axiomen von der kritischen Verstandsseite allein her weder erschöpfend zu begreifen noch zu entwurzeln ist. Es handelt sich ja bei der Gegenüberstellung und Aneiuaiüdlerabwägung zweier Systeme um ein „richtig" oder „nicht richtig", und Kantiänismus und Spinozismus kann man nicht aneinander auf ihren Wahrheitsgehalt messen, sondern sie stellen zwei Typen in der Mannigfaltigkeit des menschlichen Denkens und des Gefühles dar..Vielleicht wird der irrationale Zug im -Spinozismus bei. der ganzen gleichgeartteten Einstellung unserer Zeit ihm in unseren Tagen zu einet Wiederbelebung und neuer Bedeutung verhelfen, anders als Kellermann es meinte. So oder so, in der Gegenüberstellung dieser beiden klassischen Denkmethoden ruht der starke Wert dieser letzten wissenschaftlichen Leistung Kellerrnanns, und man ahnt an ihr, wie die Systeme im Letzten doch sich ergänzen und gegenseitig bedingen. Die religiös-hygienischen Vorschriften des Judentums. Zu diesem Artikel unseres geschätzten Mitarbeiters Dr. Felix Kanter (Zwittau) erhielten wir folgende Zuschrift: Gestatten Sie einem Arzte zu diesem Artikel in den Nummern 8 und 9 Ihres geschätzten Blattes zwei Bemerkungen, denn audiatur et altera pars. Pro primo. Mein hochverehrter Lehrer, weiland Herr Professor Dr. Arthur Schattenfroh, o.-ö. Professor für Hygiene, sagte einmal: „Wenn sich nur nicht Nichtmediziner in mein Fach mit falscher Autorität und mit Unkenntnis jeder medizinischen Wissenschaft hineinmischen wollten." Pro secundo ist es grundfalsch, daß die rituellen Speiseverordnungen einen lebendigen Schutzwall, eine Art Feuermauer gegen das Uebergreifen der Schwindsucht bilden. Daß das Koscheressen der Juden eine Epidemie verhindere, ist eine Erfindung. Nein, nicht das Koscheressen schützt gegen die Schwindsucht, sondern der Mangel an Trinksucht bei den Juden, wie die berühmten Antialkoholiker die Professor du Forel und Kassowitz in ihren Lehrbüchern dargelegt haben. Ich empfehle deren Schriften dem werten Herrn Verfasser des beregten Artikels zur geeigneten Lektüre. Der Antialkoholismus ist die beste Schutzwehr gegen Schwindsucht. Und dann noch die liebevollere Behandlung der Kinder auch bei den ärmsten Juden. Genehmigen Sie diese streng sachliche, von keinem Fanatismus oder Zelotismus diktierte Erwiderung und den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochhaltung und Ergebenheit. Dr. E. W e i ß. * * :}: Nachschrift. Die Erwiderung des Herrn Dr. E. Weiß richtet sich nicht 'gegen mich, den medizinischen Laien, und auch nicht im mindesten gegen das, was ich in dem zitierten Artikel zu beweisen versuchte. Wenn Herr Prof. Dr. A. Schatten froh gegen die Einmischung von Laien in medizinischen Fragen sich aussprach, mag er gewiß seine Gründe dafür gehabt haben. In meinem zitierten Artikel berief ich mich ausdrücklich auf Berufsmediziner, und zwar auf Dr. Morris Fishberg, Primarius der Abteilung für Schwindsüchtige im Montefiore-Heim in New-York, und Sanitätsrat Dr. B i 1 f i ng e r in Eisenach, denen die Lehrbücher der Prof. du Forel und Kassowitz sicherlich nicht unbekannt waren. Das Wort haben demnach der Primarius Dr. Fishberg in New-York und Sanitätsrat Dr. Bilfinger in Eisenach, die genug Autorität besitzen dürften, ihre Ansichten wissenschaftlich zu begründen. Zwittau (Mähren). Dr. Felix Kanter, Rabbiner. Antisemitismus nach dem Kriege. Von Universitäts-Professor Dr. Emanuel Rädl. Professor Dr. Emanuel Rädl, der bekannte Philosoph und Ethiker, wurde vor kurzem 50 Jahre alt. Rädls Forschungen auf dem Gebiete der Biologie („Geschichte der biologischen Theorien"), seine tiefgründende Kritik der philosophischen Systeme („Wissenschaftliche und philosophische Betrachtungen", „Romantische Wissenschaft") genießen internationale Geltung. Sein Kampf gegen die überkommene mechanistische und für eine neue organische Lebenserfassung reihen ihn den bedeutendsten Repräsentanten der neovitalistischen Weltanschauung an. Eine der auffallendsten Erscheinungen nach dem Weltkriege ist das Anschwellen der antisemitischen Strömung. Zwar ist defc Antisemitismus nirgends erst durch den Krieg I