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Die Wahrheit · 1924-03-21 · Heft 12 (21.3.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 12 (21.3.1924)
Date
1924-03-21
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seit© 4 DIE WAHRHEIT Nr. 12 Danke mit dem verruchten Bruderkrieg des Jahres 1866, hat den Plan dazu im Einvernehmen mit Italien und Frankreich lange vorher gefaßt, verfolgt seine „Stoß-ins-Herz-Politik", mdem er an die Insurrektion Ungarns gegen Oesterreich schreitet. Während der Friftie zu Nikolsburg geschlossen wird, um sich dem Feind von gestern warm zu halten, wird schon für den französischen Feldzug gerüstet, den Bismarck verbrecherisch-frivol in die Wege leitet. Der ritterliche Kaiser sträubte sich anfangs heftig gegen diesen neuen Krieg, aber der Kanzler wußte seinen edlem, hochgesinnten Herrn förmlich zu hypnotisieren. Genau wie bei dessen sozialen Reformen. Schmachvoll war auch des Kanzlers Verhalten 1866 gegen die ihm nicht willfährigen Potentaten Hannovers und Kurhessens, die des Landes und des Vermögens beraubt wurden. Die schmerzlichen Protestrufe der Vergewaltigten an die europäischen Großmächte verhallten ergebnislos. Ob diese Episode vor die Erinnerung DeuitsoMainidis trat, als es gleichfalls zerbrochen und hilflos gegen seine Bezwinger in alle Welt hinausprotestierte? Weil das Deutsche Reich nicht auf Wahrheit und Recht, sondern bloß auf die Gewalt gegründet war, deshalb verkündigte ihm Frantz in seiner Denkschrift eine kurze Blüte, und auch wir steuern mit vollen Segeln der allgemeinen deutschen Revolution entgegen. Leider galt dieser Prophet nichts im eigenen Lande und blieb ein Prediger in der Wüste. Das deutsche Volk taumelte eben in seinem Rauschzustande nach dem Siege über den „Erbfeind". Daß Fürst Bismarck nicht nur in seiner Außenpolitik über Leichen ging, sondern auch bei inneren Regierungsmaßnahmen absoluter Gewaltmensch war, zeigte sein Verhalten gegenüber der sozialen Frage. Mit grausamer Härte führte er den Kulturkampf. Hohe katholische Geistliche ließ er von der Kirche w&g in den Arrest fuhren. Mißliebige Schriftsteller wurden gleich Schwerverbrechern am hellen Tage in Ketten durch die Straßen geschleift. Der Kanzler konnte aber auch anders. Für gewisse Argumente zugängliche Redakteure wurden aus dem Reptilienfonds gespeist, zu dem das geraubte Vermögen des hannoveranischen Königs herangezogen wurde. Parlamentarische Gegner behianidielte der Kanzler wie auswärtige Fefiwde. Es ist vielleicht ein Symbol, daß er sich mit Vorliebe in seiner Kürassieruniform porträtieren und in Denkmälern verewigen ließ, denn jeden Versuch freier Meinungsäußerung, eigener Willensbestätigung, sofern sie nicht im Sinne Bismarcks waren, trampelte er mit derben Reiterstiefeln nieder. Bismarcks starre und ausschließliche Preußenpolitik, ein Amalgam von Junkertum und Machiavellismus, war die Gefahrenquelle für Deutschlands Zukunft, die Keimzelle furchtbarster Kriege und Umwälzungen. Dies ist nicht Auffassung jüdischer oder judenbeeinflußter Soldschreiber, es ist wohl die überzeugte und überzeugende Kritik bester arischdeutscher Männer, wie Konstantin Frantz, Otto Baiumgarten^ Pfarrer Beider, Bischof Ketteler und anderer, deren germanisches Blut außer Zweifel steht. Wenn gleichwohl noch immer mit dem Alten vom Sachsenwalde, diesem notorischen Reichsverderber, politischer Kultus getrieben wird, so doch nur von solchen, die sich nach dem lohnenden Säbelhandwerk sehnen, weshalb auch der hauptsäch- lichste Wegebereiter des „Herrn" der Militärkaste entstammt. Dieser Johannes mit Pickelhaube kündet die Botschaft: „Nach mir wird ein Größerer kommen, dem die Schuhriemen zu lösen ich' nicht wert bin.'* Aber diese Lügenprophetie wird sicher zu Schanden werden. Der Bismarckerei und der ganze „Borussianismus" liegt hinter uns in wesenlosem Scheine, auch wenn die Welt voll Hakenkreuzler wäre. d. Benzion Kellermann zum Gedächtnis. Von Rabbiner Dr. D i e n emann, Offenibach am Main. Mit Benzion Keltermann, der 54jährig vor kurzem verschied, ist ein Theologe von eigenartiger Prägung uns entrissen worden, ein Mann von aufrechter Gesinnung und starkem Charakter, dleir in der religiösen Entscheidung dem Kompromiß abhold war, einer der mit der theologischen Bildung ein ungewöhnliches Maß von philosophischer Bildung vereinte und dessen theologische Haltung; in prachtvoller Wahrheitsliebe von seiner philosophischem! G modernst elltang Ibeli^rnsoht wlar. Hervorgegangen aus der Orthodoxie, Schüller dies HidJeslieimeirschen Seminars in Berlin, entwickelte' er sSch unter dem: Einfluß des Neukantianismus der M'arburger Schule, der er angehörte, zu einem! glühenden und' zielbewußten Verfechter eines radikalen Liberalismus. Nicht etwa, daß das notwendig war und etwa so kommen mußte, aber da er als Schüller Hermann Cohens dien Höhepunkt jüdischer Religiosität in den ethischen Monotheismus der Propheten erblickte, itrieib ihn der innere Wahrhetitsdrang, der ihn beseelte, dazu, in der Reinheit des Gottesgedankenis, in der ethischen Forderung uedKde:r Betätigung dieser Forderung die Erfüllung des Judentums zu erblicken, unjd so wurde* eir der Form gegenüber gleichgültig, ja feindlich. Kritisch eingestellt, wie er unter dem Einfluß von Kanlts kritischen Idealismus war, stand er jeglichem Irrationalismus absolut ablehnend gegenüber, vermochte er beinahe nicht mehr nachzufühlen, daß auch das Irrationale zum Komplex des menschlichen Seelenlebens gehört. So wurde er denn ein konsequenter Vtertreter der radikalen religiösen Reform1 in Gottesdienst und Leben! Man kann darüber urteiiien,, wie man mag, aber man muß Bewunderung haben für dien Mut und die Folgerichtigkeit, mit der er seine Ide'en aussprach, für die Ueberzeugungstreue, mit der er nach ihnen lebte, und! man muß anerkennen, daß er als Rabbiner solcher Art unendlich vielen religiöses Leben nach ihre Ueberzetugung vorlebte und ihnen zu einer Bindung ans Judentum wieder verhalf, die sie sonst verloren hätten. Aber nicht von dem Rabbiner soll hier die Redls sein, sondern von dient Philosophen. Eine Reihe von Büchern legt Zeugnis ab von seiner wissenschaftlichen Bedeutung, von seinem Wollen und Schaff eni Wiir nennen vorerst >d!iie zwei, dlie uns als Juden besonders interessieren. Da ist zuerst seine Uebersetzung und Erklärung der „Kämpfe

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