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Die Wahrheit · 1924-03-21 · Heft 12 (21.3.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 12 (21.3.1924)
Date
1924-03-21
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. IS DIE WAHRHEIT giienmgsära und des Nachweises, weichen Schaden der erste Kanzler des geeinigt en Deutschen Reiches angerichtet tot. Die Bistmarckiscbe starrsininiiige und . despotische Methode verwarf den föderativen Gedantken eines europäischen 'Frieidenssystemts und machte den ganzen Staat zum Exerzierplatz. Mit dem ehemaligen Deutschen Reich verglichen, wie es im Mittelalter war, verhält sich der preußische Staat wie „eine Berliner Kaserne zu einer Kathedrale". An einer anderen Stelle „Nicht Vergangenes soll restauriert werden, auf den weltorganischen wahrhaft sozialen Geist kommt es an, von dem wir abgekommen sind und den wir wiedergewannen müssen." Oder „Der deutsche Geist würde dem Untergang geweiht sein, wenn er wirklich dauernd der Nationalidee verfiele. Tatsache istAleider, daß die großen Kriegserfolge statt den christlichen Geist zu belohnen, einen heidnischen Geist entfachten." Förster,'der sich bei seinen Ausführungen Wiederholt auf den großen, leider in Vergessenheit geratenen Publizisten des vorigen .Jahrhunderts Konstantin Frantz bezieht, zitiert schließlich dessen Ausspruch über Deutschlands wahren Beruf: Nein, in solcher Weise soll Deutschland nicht für den europäischen Frieden sorgen, daß es durch sein Streben nach Macht auch rings herum dasselbe Machtstreben hervornuift. sondern auf die' E r h a 11 u n g und Kräftigung des allgemeinen Rechtssi n-n es soll es sein Streben richten, als der inneren und allernotwendig st e n Bedingung eines europäischen F r i e d e n s y s t e m e s. Deutschland selbst soll der Stützpunkt des europäischen Rechtes sein, und also zunächst doch wohl durch sein eigenes Beispiel der Rechtsachtung. Denn daß inmitten Europas ein vielgliederiger Körper besteht, in welchem das schwache Glied sich ebenso gesichert fühlt als das starke, ist von höchster Wichtigkeit für die Erhaltung des allgemeinen Rechtssinnes, wie umgekehrt nichts so zer- Als ich iu Sniatyn, der jetzigen Grenzstation zwischen Polen und Rumänien, anlangte, da trat auf mich ein kleines Männchen mit. einem roten Vollbart zu, erklärte mir. er sei zur Bahn geschickt worden, um mich einzuholen, und führte mich zu seiner Equipage. Diese zu beschreiben, fällt mir wirklich schwer, weshalb ich mich damit begnüge, zu konstatieren, daß, wer nur eine Viertelstunde in solch einem Schüttelapparat sitzen muß, sicherlich alle seine im Leben begangenen Sünden abgebüßt hat. Wir fuhren tatsächlich nicht länger als eine Viertelstunde, worauf der Fuhrmann abstieg tunid mich mit etoier höflichen Verbeugung einlud, :d!as Gleiche zu tun. Nicht wenig erfreut über das Ende meines Martyriums, war mir doch das plötzliche Absitzen unverständlich, um so mehr, als es in Strömen regnete und man im Straßenschlamm und Kot fast ersticken konnte. Als ich meinen kleinen Fuhrmann um die Ursache des Absteigens befragte, da meinte er, daß wir uns einer wichtigen Stätte nähern, auf der noch kein Mensch mittels Fuhrwerk anlangen konnte. Wir sind, sagte er. vor dem „Berge Sinai" und müssen schon deshalb absteigen, um dem Gaul zu helfen, die Kutsche hinaufzubringen. In Anbetracht dieser unbestreitbaren Notwendigkeit überlegte ich nicht lange, stieg ab und begann im Vereine mit dem einzigen Sniatyner „Fiaker" die nicht sehr angenehme Arbeit. Der Gaul, dem der Weg scheinbar schon sehr bekannt zu sein schien, ging langsam, aber sicher allein, wir beide tauchten rückwärts mit vereinten Kräften an und der Fuhrmann erzählte mir währenddessen seine ganze Biographie wie auch die seines Gaules. Die Sehnsucht, endlich einmal meine vom Regen durchnäßte Haut in einem warmen Zimmer trocknen zu können, spornte mich zu Intensiveren Arbeit an. Ich sang dabei, was1 mir wieder den Beifall meines Mitarbeiters einbrachte, indem er mir vertraulich störend auf das ganze europäische Rechtssystem wirken muß, als wenn gerade in Deutschland das Beispiel der Vergewaltigung des Schwachen gegeben und durch die Tat selbst das Machtsystem proklamiert wird. Weitaus interessanter, seiner und reichhaltiger ist eine andere Broschüre „Bismarcks Politik im Lichte des christlichen Gewi ss e n s", von Christian B e r g e r, e v. i u t h. Pfarrer in Weiden (Oberpfalz). Auch düeser Autor schöpfe in Fülle aus dem wertvollen Material des geistvollen Frantz. Nebstdem beruft er sich auf das Zeugnis eines unbestrittenen Bismarckfreundes, Prof. Otto B a u in g a r t e n, Kiel, und holt noch schweres Rüstzeug aus des Reichskanzlers vielgenanntem Werk „Gedanken und Erinnerungen", die ein genaues Bild des zynischen Menschen und Staatsmanns gaben. Aus diesen und noch anderen verläßlichen Quellen fließen die Mitteilungen Bergers und seine daran geknüpften Folgerungen. Er zeigt nicht nur psychoanalytisch, daß Bismarck ein Prodtwkt seiner Zeit und Klasse sein mußte, daß der Vollblutpreuße und Junker alles Edeldeutsche in ihm nicht aufkommen lassen konnte. Es wird auch das positiv Böse, Ruchlose, ja sogar Unehrenhafte im Leben und Wirken dieses für Deutschlands Schicksal verhängnisvollsten Menschen an den Tag gebracht. Die angeblich so ehrliche Blut- und Eisenpolitik :des allmächtigen Ministers und nachherigen Kanzlers des geeinigten Deutschen Reiches war eine durchwegs hinterhältige, tückische, charakterlose. Sein viel zitiertes Wort „Ich bin kein Prinzipienreiter" muß auch dahin gedeutet werden, daß er für die Prinzipien Treu und Redlichkeit nichts übrig hatte. Nachdem er Oesterreich als Mitschuldigen am Krieg gegen Dänemark eingefädelt hatte, überzieht er zwei Jahre später dasselbe Oesterreich zum auf die Schulter klopfte und mir versicherte, daß er noch nie so einen gemütlichen und lustigen „Daitschen" sesehen habe. Nach einer halben Stunde angestrengter Arbeit schlug ich eine Ruhepause vor, um uns eine Zigarette anzurauchen. Kaum hatten wir die Zigaretten in Brand gesteckt, bemerkten wir, daß der Wagen, der von uns bereits die Hälfte des Berges hinaufgeschoben worden war, die Flucht nach rückwärts zu ergreifen begann, den Gaul mit sich mitziehend, bei dem die Hinterbeine den Dienst der Vorderbeine zu übernehmen schienen. Wir eilten schnellstens nach, legten unsere Achsel fest au und ließen nicht mehr locker, bis wir oben waren. Atemlos drehte ich mich dort um, schaute hinunter und überzeugte mich, daß der Kutscher nicht ganz Unrecht hatte. Solch einen hohen Berg sah ich in meinem Leben noch nicht und wenn ich zufolge der geographischen Richtung schwer daran glauben konnte, daß dies der Berg Sinai sei, eine Filiale desselben dürfte er sicherlich gewesen sein. Ich saß wieder auf und in fünf Minuten befanden wir uns vor dem größten Hotel, das mit einer Bauernhütte nicht schwer zu verwechseln wäre, und auf dessen Tor ein handgeschriebenes Plakat prangte mit d^er Ueberschrift: „Ein großer Gast aus Wien". Der Festabend, der am dritten Tage meiner Ankunft im Festsaale des polnischen Lokales stattfand und dem die ganze jüdische Bevölkerung ohne Unterschied der Partei und Gesinnung beiwohnte, gestaltete sich zu eimer Feier des" ganzen Städtchens. Solch eine warme Begeisterung für einen jüdischen Schriftsteller und für jüdische Literatur war mir selbst in den größten jüdischen Kulturzentren wahrzunehmen nicht beschieden. Nicht umsonst heißt ja das Städtchen Sniatyn. dessen Name mit der Silbe Sinai beginnt. (Fortsetzung folgt.)

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