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Die Wahrheit · 1924-03-21 · Heft 12 (21.3.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 12 (21.3.1924)
Date
1924-03-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. 12 kannt und richtunggebend überall eingeführt. Wie sieht es nun mit dem Wiener Gottesdienst aus? Leider, wie schon oben erwähnt, ein Rückschritt. Oder soll es gar einen Fortschritt bedeuten? Bei vielen der heutigen Generation wohl. Es mag darin liegen, daß die Juden konservativer wurden, oder weil die heutige Generation den früheren idealen Gottesdienst nicht mehr kennt. Sei dem wie immer, die Kantoren selbst haben die Pflicht, das ideale in seiner Art einzige Vermächtnis Salamon S u 1 z e r s hochzuhalten, zu pflegen und zum neuen Leben zu erwecken. Das diesem Artikel vorangestellte Motto: „Der vornehme Ton in der Synagoge" verlangt eine Erläuterung und findet dieselbe in folgenidem: Vor wenigen Wochen wurde der ehemalige Kantor und Religionslehrer Adolf Rotter s. A. zu Grabe gerragen. Oberkantor Mathias, der die Funktion versah, vertrat gleichzeitig in der Eigenschaft als Vorstandsmitglied des österreichischen Kantorenvereines die Wiener Kollegen, indem er dem verstorbenen Kollegen einen Nachruf widmete, in welchem er eines Appells gedachte, den der Heimgegangene nicht lange vor seinem Ableben an ihn richtete, der dabin ging, warum er und die älteren Kantoren nicht Einfluß nehmen und belehrend auf dfe jüngeren Kantoren wirken, dlaiß der vorn e h in e T o in i n 'der Synagog e, der leider fast verloren ging, wieder auflebe und platzgrece. Mathias fühlt aus dieser Mahnrui hatte seine Berechtigung, doch sei dies auf die Folgen der Kriegserscheinungen zurückzuführen. Da auf allen Gebieten eineRückscli'ritt'S'erseheiiniUiTg zutage tritt, in "der'Politik im menschlichen Verkehr, in der Musik, ist leider der vornehme alte Ton zu vermissen. Nichtsdestoweniger gelobte er im Sinne dieses Appells wirken zu wollen und Schreiber dieser Zeilen schließt sich diesem an, um gelegentlich der Erinnerung an unseren unvergeßlichen Altmeister S. u I z e r, diesen Weckruf ergeben zu lassen. Die Kantoren aller Kategorien, ob in modern fortschrittlichen öder orthodoxen Synagogen, haben die Pflicht, 'den vornehmen Ton, das ihei'ßt 'die wahre Aestbetik uind Würde beim Vortrage, im Gottesdienste aller Richtungen zu wahren, alles zu vermeiden, was dem synagogalen Charakter des Gottesdienstes zuwider ist, dadurch dien vornehmen Ton, den Sulzer inder Synagoge eingeführt hat, zu bewahren und als teuere'Uaberliefenmg hochzuhalten. Reichskanzler Bismarek vor der neueren Kritik, Der Verlag „Friede diurch Recht", Ludwigsburg bei Stuttgart, hat sich durch die Herausgabe einer Reihe pazifistischer Schriften namhafter, allgemein geachteter Autoren ein nicht genug zu rühmendes Verdienst erworben und wir möchten, auf .diese Erscheinungen hinweisend, gerne zu ihrer weitesten Verbreitung beitragen. Da ist zunächst die Broschüre „Bismarcks Werk im L i c h t e d e r föderalistischen Kritik von Fr. W. Förster. Wir müssen wo'hl der Leserwett nicht' die Bedeutung Fr. W. Försters und seine Ranigstelle als pazifistischer Schriftsteller besonders vor Augen halten. Wenn diese Tatsache noch unterstrichen werden müßte, so am wirksamsten durch die Anfeindungen, deren Förster bei seinem Hervortreten in die Oefientlichkeit ausgesetzt war. Obzwar er mit der vorliegenden, bereits 1916 erschienenen Arbeit sich auf den Sonderstandpunkt des staatlichen Föderalismus gestellt hat, entbehrt sie gleichwohl nicht allgemeiner innd weiter Ausblicke in die Biismiarck'sche Re- Feuilleton wmww Von Wien nach Bukarest. Ernste und heitere Reiseerlebnisse von Josef Grob. (Fortsetzung.) VIII. Das Städtchen auf dem „Berge Sinai". Einladungen zum Besuche von kleinen Provinzorten sind mir während meines Aufenthaltes in Polen in solch großer Anzahl zugekommen, daß mir die Wahl tatsächlich schwer wurde. Als jedoch während der Pause meines dritten Vortragsabends in Stanislau Herr Dr. Bandler in meinem Zimmer erschien, um mich persönlich für einen Abend nach S n i a t y n einzuladen, da konnte ich nicht nein sagen. Er verstand es, so schön und warmherzig zu bitten, mir die Versicherung beizubringen, daß mich das ganze Städtchen mit Sehnsucht erwarte, daß ich ihm versprechen mußte, meine Tour so einzurichten, um auch in Sniatyn sein zu können. Dieser Ort hat seinerzeit in der jüdischen politischen Bewegung im alten Oesterreich keine kleine Rolle gespielt. Als dort während der letzten Wahl ins alte Kaiserparlament von der jüdischen Partei der bekannte Schriftsteller Dr. Nathan Birnbaum gegen den antisemitischen Kandidaten Baron Moisa aufgestellt wurde, da brachte die jüdische Bevölkerung dieses Städtchens für ihren Kandidaten die größten Opfer, die man sich denken kann. Bei dieser Wahl entfaltete die polnische Schlachta eine derart unerhörte Korruption, die seJbst in der österreichischen Wahlgeschichte einzig in ihrer Art war. Ein großer Teil der jüdischen Ortsbevölkerung wurde ganz einfach während der Wahlzeit eingesperrt gehalten. Vielen ist die Bewilligung zur Ausübung ihres Gewerbes entzogen worden, und trotz der ungemein großen Schikanen seitens der Bezirkshauptmannschaft den jüdischen Wählern gegenüber ließen sich diese nicht einschüchtern und gaben ihre Stimmen den jüdischen Kandidaten, der allerdings dennoch nicht ins Parlament einziehen konnte, weil ihm die Polen ganz einfach die Stimmzettel gestohlen hatten. Auch während des Krieges spielten sich in diesem Städtchen, das unter seinen Einwohnern 80 Prozent Juden zählt, erschütternde Szenen ab. Einen Akt der Bestialität, der in der ganzen Geschichte des verbuchten Weltkrieges seäines-, gleichen sucht, verübten dort die Russen gegen die jüdische Bevölkerung. Als sie dort eingezogen — es war im strengsten Winter —, wurde der Ukas erteilt, daß binnen 24 Stunden alle Juden den Ort zu räumen haben und nach dieser Frist sich keine einzige jüdische Seele im Städtchen befinden dürfe. Mit Nagaikahieben, Kolbenschlägen und geladenen Revolvern wurden Greise. Kinder, Kranke und Halbtote aus dem Städtchen gejagt, ihnen nicht einmal Zeit gelassen, für die ungewisse weite Wanderung nur das Notwendigste mitzunehmen. Wöchnerinnen wurden auf Fuhren verladen, Säuglinge in Bündel zusammengeschnürt, alte Männer, die nicht gehen konnten, mittels Bajonettstichen angetrieben. So verfuhr die russische Soldateska mit einer ganzen Judengemeinde, von x der zwei Drittel auf ihrem schweren Leidensweg den Märtyrertod ge-, funden haben. Kein Wunder, daß dieser Ort jetzt zu den kleinsten Judengemeinden Polens zählt. Die wenigen jedoch, die dorthin zurückgekehrt sind, behielten noch immer ihr gut jüdisches Bewußtsein, betreiben eine rein jüdische Politik, welche Tatsache schon dadurch begründet wird, indem sie im polnischen Sejm einen jüdischen Deputierten zu entsenden vermochten, vyofür sie aber auch heute noch von den polnischen Behörden nicht wenig schikaniert werden.

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