Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 12 (21.3.1924)
- Date
- 1924-03-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Deutschösterreichisclie Wochenschrift fOr jüdische Interessen Nil dem Beiblatt; Veröffenflidinngen der „Union dentschüsferreidiisAer Juden Redaktion und Administration: Wien'II., HeinesiroÖe 13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 21. März 1924 Nummer 12 Professor Salamon Sulzer *) Zur Erinnerung an seinen 120. Geburtstag. Von Isidor L ö w i t, Präsident des österreichischen Kantoren-Vereines. Der vornehme Ton in der Synagoge. Am 18. März waren es 120 Jahre, daß Salamon S u 1 z e r in Höhenems geboren wurde. Es ist eine Pietätspflicht, dieses großen unerreichten Kantors, Künstlers, Komponisten! und Organisators an diesem Tage zu gedenken. Was Sulz e r war, was er geleistet, geschaffen unsd hinterlassen, ist anläßlich seines 120. Geburtstages in erschöpfender Weise geschildert worden, es würde auch weit über den Rahmen dieses Blattes gehen, wollte man Sulzer in seiner ganzen großen Bedeutung würdigen. Wir wollen daher nur die Hauptzüge festhalten. Wenige sind es noch, die ihn gehört und gekannt haben, die jetzige Generation, besonders die Kantorenjünger kennen ihn nur aus seinem unvergleichlichen Werke „Schir Zion", oder besser gesagt, glauben ihn aus demselben erkannt zu haben. Dem ist in der Tat leider nicht so. Um Sulz er aus seinem genialen Werke zu erkennen, muß man wissen, was er wollte, um in dem Gedankenleben seiner Kompositionen einzudringen. Der Gottesdienst von heute in den Haupttempeln der israelitischen Kultusgemeinde bedeutet einen Rückschritt seit Sulzers Ableben. Wenn nicht die festgelegten Responsorien und populären Gesänge, an denen festgehalten wurde, an Sulzer erinnern würden, wäre der Sulzerische Gottesdienst in Wien nicht mehr zu erkennen, denn das kantorale ästhetische Rezitativ ist fast verloren gegangen; Im Stadttempel wird zum Teil noch daran festgehalten. Woran liegt das? Nicht an der Unbildung des Kantors, sondern an die Rückkehr zur alten Tradition. Dies würde die Frage berechtigen. Ist denn S u 1 z e r von der alten Tradition abgewichen? Wenn es auch den Anschein hat, daß die alte Tradition am Freitagabend- und Sabbathmorgengebet weniger berücksichtigt wurde und sich nur traditionell auf wenige Piecen beschränkt, so hat Sulzer dies in den „Scholauseh regulim" und 18. SRän 1804-17. Sännet 1890. „Jomim nauromim" derart nachgeholt, daß von einem gänzlichen Abrücken oder Eliminieren des traditionellen Synagogengesanges keine Rede sein kann. Man muß sich vor Augen halten, daß S u l z e r vor zirka 100 Jahren eine Reform durchführte. So wie der große Reformator Mann- Ii e i m e r damals durch Festlegung der neuen Gebetordnung den Kampf mit der bestehenden alten Tradition aufnahm, so hatte S u 1 z e r in gleicher Weise eine neue Richtung zu schaffen, welche hauptsächlich darin lag, alles Bestandene, der Synagoge und dem modernenGottesdienst Unwürdige nach der damals gepflegten An auszumerzen und der neuen idealen Form anzupassen. Dies ist Sulz er in unvergleichlicher Form gelungen, denn mit diesem Sulz ersehen Gottesdienst eroberte er die ganze Welt, wo kultivierte Juden lebten. Später als die Reform anerkannt wurde und überall Platz gegriffen hatte, konnte man dem traditionellen Charakter des Sülze r'schen Gottesdienstes mehr Freiheit gewähren. Was S u 1 z e r selbst diesbezüglich unterlassen hat, haben hervorragende Zeitgenossen nachgeholt und dafür Schule gemacht. So zum Beispiel der unvergeßliche Amtskollege S u 1 z e r s am Leopoldstädter Tempel Josef G o 1 d s t e i n, einer der berühmtesten Chasonkn, mit einer der schönsten Tenorstimmen begabt, hatte S u 1 z e r s Größe erkannt und sieb strenge an den „Schir Zion" gehalten, jedoch seine berühmten Chasonus in derartig meisterhafter Weise in der S u 1 z e r 'sehen Form eingekleidet, daß selbst S u 1 z e r davon begeistert war und dies unverdrossen anerkennend zum Ausdruck brachte. So wurde der Wiener Gottesdienst in der ganzen Welt bewundert, aner- *) Klischee und Faksimile hat uns Herr Tempelverwalter Max Schwager zur Verfügung gestellt.