Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 11 (14.3.1924)
- Date
- 1924-03-14
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. U DIE WAHRHEIT Der verjudeie Nationalismus. Das Leben ist manchmal von einer unbegreiflichen Gemeinheit — meint die „Münchner Post" —, und sie hat recht, denn sie kann es mit folgendem beweisen: Da singen unsere „Arier" mit Vorliebe in vorgerückten Stunden, wenn sie die Begeisterung beim Wicke! hat, ein sehr schönes Lied. Es geht an: „Stolz weht die Flagge S c h w a r z - W e i ß - R o t . . ." Dieses treudeutsche Lied, dem man förmlich die Blauaugen und die Blaujacken ansieht, ist nun von einem gewissen Robert L i ti d n c r gedichtet. Kein Handbuch der deutschen Literatur gibt Aufschluß über die sonstigen Taten dieses „Dichters", von dem bisher angenommen worden war, daß er ein wackerer Seebär von der Wasserkante sein müßte. Aber Robert Lindner ist kein Seebär, sondern ein waschechter Jude und hat die deutsche Flotte, die er so schwungvoll besingt, höchstens auf Ansichtskarten oder im Deutschen Flotten-Almanach studiert. Unsere Arier sind zu bedauern. Ueberall wittern sie den Juden, und wo sie das ausnahmsweise einmal nicht tun, gerade dort ist er versteckt. Schiller hat schon recht mit seiner Behauptung, daß „des Lebens ungemischte Freude" keinem Sterblichen zuteil wird, auch wenn er noch so fest glaubt, von den alten Germanen abzustammen, die unseres Wissens keine Fahne Schwarz-Weiß-Rot gehabt und auch nichts von dem Flaggenlied des Robert Lindner gewußt haben. Dr. Wundermann. Ein Ereignis, das an Hochschulen zu den größten Seltenheiten gehört, registrierte am 29. v. M. die Wiener Universität. An diesem Tage wurde hier Moses Juda Wu'ndermann — nomen est omen — im Alter von 63 Jahren zum Doktor der Philosophie promoviert. Für national eingestellte Studenten, die meist nicht studieren, merken wir an, daß Wundermann nicht nur Jude, sondern sogar Ostjude aus Stryj, wo er eine Handelsschule leitete, ist, also jener in Reinkultur gezüchteten Rasse' entstammt, gegen die sich der offiziell begründete Haß der völkischen Jugend richtet. Wundcrmann! Stryj! Müssen diese Worte nicht förmliche Paroxismen des Absehens bei jedem hakenkreuzlerischeu Akademiker auslösen und Gedanken an Profitgier und Schachergeist erwecken? Aber siehe, da ist ein Semite, der in reiferem Alter nach Bildung strebte, die Schätze des Wissens suchte. Trotz Schwierigkeiten, trotz Hindernissen, widrige Verhältnisse durch die Kraft eisernen Willens überwindend. Ein Autodidakt? Weit mehr — ein Polyhistor. In einem Alter, das bereits die absteigende Lebenslinie markiert, hat dieser Mann als Kriegsflüchtling in Nikolsburg, wo er 1915 beim Rechtsanwalt Dr. Knöpfelmacher gastfreundliche Aufnahme fand, die Matura abgelegt, hierauf in Wien gleichzeitig drei Hochschulen — die Technik, die Exportakademie und die Universität — besucht, dort den vielfachen Lehrstoff in sich aufgenommen und außerdem hebräische und klassische Sprachstudien betrieben. Fast jedes Jahr legte er eine Prüfung in den verschiedenen Gegenständen ab und hat nunmehr mit einer glänzenden Dissertation „Die Reinigung des Gottesbegriffes in der jüdischen Religionsphilosophie" endlich seinen Doktor der Philosophie gemacht. Der Gelehrte hätte bereits voriges Jahr promovieren können, doch mußte er auf seine Einbürgerung warten, da er die erhöhten Kosten der Prüfungen, die Ausländer zu entrichten haben, nicht aufbringen konnte. Wahrlich, dieser Moses Juda Wundermann ist ein lebender, überzeugender Protest gegen das antisemitische Schlagwort vom jüdischen Krämersinn und darum gebührt ihm ein Ehrenplatz neben, vielleicht sogar über manchen Großen unseres Volkes. Sie vergessen die Heimat nicht. Ein Hauptagitatiousmittel der antisemitischen Hetzpropaganda in der Kriegs- und Nachkriegszeit bildet das angeblich deutschfeindliche Verhalten der deutschstämmigen Juden in den Ententeländern, vornehmlich in England und Amerika. Es ist wohl möglich, daß hier und dort ein Jude sich in diesem Sinne betätigt hat. Daß die Haltung unserer ehemals deutschen Glaubensgenossen im allgemeinen ausgesprochen prodeutsch war, hat schon vor längerer Zeit der Deutschamerikaner E. v. Mach nachgewiesen. Einen neuerlichen Beweis für das vaterländische Verhalten der in England lebenden deutschstämmigen Juden finden wir im Februarheft der „Tat", Monatsheft für die Zukunft deutscher Kultur (Jena, Eugen Diederichs). Dort berichtet Theodor Bäuerle über die Markelstiftung in England. Wir entnehmen dem Bericht, der mit einem beachtenswerten Urteil über die Wirkung des Antisemitismus im Auslande schließt, folgendes: „Der Stifter, Dr. K. E. Markcl. ist von Geburt Deutscher. Er verbrachte seine Jugend- und Studienzeit fast ganz in seiner württembergischen Heimat. Seit beinahe 40 Jahren ist er in England. Während des Krieges entfaltete er eine ungemein segensreiche Tätigkeit zugunsten der deutschen Kriegsgefangenen: Er sorgte für Bücher zum Lesen, für Musikinstrumente und Noten zur Unterhaltung, für Holz und anderes Material zur Beschäftigung. Er war der väterliche Freund. Helfer, Berater und Anwalt der deutschen Kriegsgefangenen. Daß Dr. Markel diese Arbeit mit ihren hohen finanziellen Aufwendungen leisten konnte, verdankt er der hilfsbereiten Lmterstiitzung englischer Menschenfreunde. Dr. Markel betont dabei immer wieder mit großem Nachdruck, d a ß u n t e r seinen tatkräftigsten und opferbereitesten Helfern die englischen Juden deutscher Abstammung in vorderster Reihe gestanden haben, und daß diese Juden während des Krieges mutig mit Wort und Tat für ihr früheres Vaterland eingestanden sind. Dr. Markel, der weder Jude noch jüdischer Abstammung i s t. verurteilt darum die maßlose Juden hetze in De u t s c h 1 a n d aufs schärfste, als ungerecht, unklug und überaus schädlich für Deutsch- 1 a n d." Ein „völkischer" Mann müßte dieses Verhalten doch auch als international oder zumindest als unvaterländisch bezeichnen! Oder liegt etwa hier der Fall anders — — — Ein ehrliches Wort. Die Aufsatzreihe unseres geschätzten Mitarbeiters Oberrabbiner Dr. Adolf Altmann (Trier) über seine Erlebnisse in Wien anläßlich der „Kenessio Gedaulo" erregt, wie aus zahlreichen an uns gelangten Zuschriften ersichtlich ist, allgemein Aufsehen. Tn überschwänglichen Worten sprechen die Einsender von der „anerkennenswerten Freimütigkeit, mit der Dr. Altmann seine Erfahrungen vom Kongreß darlegt." Auch in der Presse fand die Aufsatzreihe ein besonders lautes Echo. So*schreibt das führende Organ der deutschen Aguda Jisroel, der Frankfurter „Israelit" in seiner Ausgabe vom 6. d. M.: „Man erinnert sich, daß auf der .Kenessio Gedaulo' die deutsche Landsmannschaft eine gewisse Sensation dadurch erregte, daß sie eine einheitliche Stellung zu dem vorgelegten Satzungsentwurf nicht einzunehmen vermochte, sondern zwei Redner — pro und contra — vorschickte, von denen der eine den Gedankengang der Gemeindeorthodoxie und des Misrachi vertrat oder mindestens rechtfertigte. Die große Mehrheit der östlichen Delegierten zeigte dafür wenig Verständnis und dieses Verständnis steigerte sich auch nicht, als dann neben dem offiziellen Korreferenten, der inzwischen der Führer einer gemeindeorthodoxmisrachistischen Sonderorganisation außerhalb der .Aguda' geworden ist, ein anderer deutscher Delegierter, Oberrabbiner Dr. Altmann aus Trier, ähnliche Töne anschlug und die gleichberechtigte Heranziehung aller positiv gerichteien Elemente, in welchem Lager sie auch organisiert seien, forderte. Herr Oberrabbiner Dr. Altmann veröffentlicht nun in der Wiener Wochenschrift „D i e W a h r h e i t" eine Aufsatzreihe unter dem Titel „Gestalten und Probleme einer jüdischen Weltbewegung", in der er über seine Erlebnisse auf der ..Kenessio Gedaulo" berichtet. Bisher liegt erst der Beginn des Berichtes vor. Aber gleich dieser Aufsatz enthält einen so erfreulichen — in unserer Zeit überaus seltenen — Beweis von sittlichem Mute, von so, wir möchten sagen, altjüdischer Ehrlichkeit, daß er hier festgehalten werden muß." Hier folgt die Stelle, wo Dr. Altmann nach Schilderung der Beweggründe für seine Reise nach Wien und der ersten Erlebnisse in unserer Stadt offen ausspricht, daß nach seiner Ansicht „sich das JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zenlrale: Detailverkauf: Wien H., ölockengasse 24 Wien I!., Taborstraße 44