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Die Wahrheit · 1924-03-14 · Heft 11 (14.3.1924) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 11 (14.3.1924)
Date
1924-03-14
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. Ii gegeben, um durch die dem Juden angeborene und schwer überwindbare Mäßigkeit im Alkoholgenuß nicht ihre jüdische Abstammung zu verraten. Sie befanden sich nicht unter den Zuhörern unseres Predigers. Er sprach zu jener Jugend, die auf ihre jüdische Abstammung stolz war und sich um das Banner des Zionismus scharte. Nicht nur als Fleisch von ihrem Fleische, sondern auch als Geist von ihrem Geiste stellte er ihr den Juden Mordechai dar, den Juden Mordechai, der Rückgrat zeigte und sich vor Haman „nicht beugte und bückte1". Freilich war der Charakter des Juden Mordechai verzeichnet. Der Prediger machte nicht etwa von der licentia homiletica Gebrauch. Nein, er sah wirklich den Juden Mordechai so, wie er ihn schilderte. Denn er war ganz von der Zeitstimmung beherrscht. So kam es eben, daß er durch eine schwungvolle jüdischnationale Predigt begeisterte, statt durch eine weihevolle Predit zu erbauen, und sich vom Charakter des Juden Mordechai eine falsche Vorstellung machte. Das so gerühmte Selbstbewußtsein war und ist gar nicht ausnehmend jüdisch. Es ist eine moderne Gefühlsweise, fremd einem Mordechai sowie unzähligen, die durch die Jahrhunderte hindurch mit bewunderungswürdiger Treue ihr Judentum gerettet haben- Wenn ein Jude im überfüllten Wartesaal oder dichtbesetzten Zugabteü sich in den Gebetmantel hüllt und die Gebetriemen anlegt und seine Morgenandacht verrichtet, so tut er es nicht aus Selbstbewußtsein, sondern aus einem religiösen Bedürfnis, dem er genügen muß, wenn auch dessen Befriedigung mit Unannehmlichkeit und Peinlichkeit für ihn verknüpft ist. Die spöttischen Blicke rings um ihn beachtet er, in Andacht versunken, kaum. Er kommt sich aber dabei nicht selbstbewußt vor, sondern steht unter einem Zwang, einer höheren Gewalt. Er kann nicht anders, er muß, sobald der Morgen graut, in ihm vorgeschriebener Weise beten. Gott verlangt es von ihm, und da muß er gehorchen, ob es ihm noch so schwer fällt, ein von der Religionspsychologie häufig beobachteter seelischer Tatbestand, dem der Prophet Jeremia in seinem berühmten Selbstbekenntnis (20, 7) beschreibt: „Du, Gott, hast mich gewaltig ergriffen und übermannt." Auch das Verhalten Mordechais Haman gegenüber wird nur unter diesem Gesichtspunkt verständlich. Es ist Ausdruck seiner religiösen Gesinnung. Nicht aus stolzem Selbstbewußtsein „beugt und bückt er sich nicht" vor dem mächtigen Günstling des Königs, Haman, sondern aus religiösen Gewissensbedenken läßt er sich vor Haman nicht auf die Knie nieder und wirft sich vor ihm nicht in den Staub. Wie hätte er es sonst über sich gebracht, nur um seinem Ehrgefühl nicht wehe zu tun, sein Selbstbewußtsein nicht zu unterdrücken, sein Volk, dessen Wohl ihm sehr am Herzen lag (10, 3), in Gefahr zu stürzen! Das ist ganz ausgeschlossen. Die bestimmende Macht in seinem Leben war die Religion. Diese verbot im zweiten der zehn Gebote ihm, dem Frommen, der das Walten der göttlichen Vorsehung spürte und in der Erhebung Esthers zur Königin eine Fügung Gottes sah, ein sterbliches Wesen oder einen leblosen Gegenstand gleich Gott zu verehren. Er versagte Haman göttliche Ehrenbezeugung aus seiner Verpflichtung Gott gegenüber, nicht aus der Manneswürde des selbstbewußten Juden. Wie wenig er der modernen Vorstellung des selbstbewußten Juden entsprach, zeigte sein Benehmen, als er von dem von Haman veranlaßten Königsbefehl, demzufolge sämtliche Juden im Reiche des Königs Ahasverus vernichtet werden sollten, Kunde erhielt. „Als Mordechai alles erfahren hatte, was geschehen war, zerriß er seine Kleider und legte Sack an mit Asche und ging hinaus mitten durch die Stadt und schrie mit lautem und bitterlichem Weinen" (4, 1). Dieses Unglück drohte wegen der Befolgung des zweiten Gebotes, das mit einer Eindringlichkeit, die sich bei den anderen nicht findet, warnt, Irdisches zum Gott zu machen. Wie vielen Nationen ist die Nichtbeachtung dieses göttlichen Gebotes zum Verhängnis geworden! Geradezu erschütternd wirkt der Entsetzensschrei des Psychologen und Aesthetikers Theodor Lipps in seinem Buche „Die ethischen Grundfragen" (S. 188), das — man beachte dies wohl — bereits zwei Jahre vor Ausbruch des Weltkrieges gedruckt worden ist. War der Gelehrte nicht vom prophetischen Geist erfüllt, als er, geißelnd die Nichtbeachtung des zweiten Gebotes, seine Stimme also ertönen ließ: „Man hat nichts einzuwenden gegen jene sinnlosen Wendungen, durch die die Macht angebetet, ihren Trägern göttliche Ehre erwiesen und schließlich noch nach dem Tod eine besondere Art von ,Seligkeit' zugeschrieben wird. Wir erröten nicht, wenn der jeweilige Inhaber der höchsten Staatsgewalt unverblümt neben Gott gestellt und wie ein Gott umschmeichelt wird. Wir brandmarken nicht solche Gesinnung. Wohin treiben wir? Wann werden uns die Augen aufgehen? Vielleicht, wenn es zu spät ist. Die Weltgeschichte ist das Weltgericht. Das kaiserliche Rom ging in Trümmer, als es äußeren Glanz anbetete, als Menschen an die Stelle Gottes gesetzt wurden." Daß Haman als Gott verehrt werde, verlangte der König. Hier mußte der Jude Mordechai Widerstand leisten. Unsere Alten warfen die Frage auf (Middrasch rabbah 2, 5): „War denn Mordechai ein Aufsässiger, daß er dem Befehl des Königs zuwider sich nicht vor Haman bückte und beugte?" Und sie geben den religiösen Beweggrund für die Weigerung Mordechais an. Ein „Aufsässiger" war also Mordechai nicht. Dem Gesetze des Königs zu widersprechen, fiel ihm schwer. War er doch ein königstreuer Mann und vereitelte einst e&nen Mordanschlag auf den König Ahasveros. Die oben erwähnte zweite Rede hob die Königstreue Mordechais hervor. Sie pries seinen echten Patroitismus und stellte ihm den Scheinpatriotismus .des hohen Würdenträgers Haman gegenüber. Er brüstete sich nicht mit seinem Patriotismus und seiner persisch-nationalen Gesinnung. Aber er handelte wie ein königstreuer Mann. Haman dagegen tat nur so, als ob er um das Wohl des Königs besorgt sei. Er suchte den Anschein zu erwecken, daß er Tag und Nacht darüber nachdenke, wie die königliche Macht gefestigt und gesteigert werde. Er begründete seinen Vernichtungsplan gegen die Juden vor dem Könige mit der Lüge, die Juden hielten nicht die Gesetze des Königs, und dieser hätte von der Existenz der Juden keinen Nutzen, ihre Ausrottung dagegen würde für den König von größtem Vorteil sein und dessen Schatzkammern sehr füllen (3, 8 u. 9). Nicht Königstreue sprach jedoch aus ihm, sondern Selbstsucht, gekränkte Eitelkeit Der allmächtige Höfling spielte den Königstreuen, um seinen Ehxgeiz befriedigen zu können. „Und der König absolut, wenn er unseren Willen tut." Diese Ausführungen hätten besser in eine Versammlung des Zentralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hingehört. Auf der Kanzel hätte bei der Charakterschilderung Mordechais das religiöse Moment nicht außer acht gelassen! werden dürfen. Mordechais politische! Ueberzeugungen, insbesondere, ob er mit Leib und Leele Monarchist gewesen sei, sind uns gänzlich unbekannt. Die Ermordung des Königs Ahasveros hatte er vereitelt einzig und allein, weil er ein frommer Mann gewesen ist. Verhinderung jedes Menschenmordes, erst recht des Königsmordes, war ihm religiöse Pflicht. Selbst in der Notwehr ist der Königsmord ein Verbrechen gegen Gott. David wies mit Entrüstung von sich, seinen unerbittlichen Todfeind, den König Saul, der ihn wie ein gehetztes Tier von •Ort zu Ort verfolgt und ihm keine ruhige Stunde gönnte, zu töten, als dieser in seine Gewalt gefallen war. Er erklärte (1. Sant, 26, 11): .„Fern sei von mir, um de» Herrn willen, meine Hand nach dem Gesalbten des Herrn auszustrecken." .... „Um des Herrnwillen", darin liegt das Geheimnis jüdischer Seelengröße, auch der des Mordechai. Aus dem Buche „Gilgnl". Von Hermann Blumenthal.*) In Sinnen versunken folgte Eliesier seinem Führer, bis ein frischer Lufthauch sein Gesteht berührte. Er blickte: auf unid! sein Herz erstarkte, als er wiejder dien Himmel über sich und saftiges. Grün *) Wir veröffentlichen einen Auszug aus dem bei uns bereits besprochenen neuen phantastischen Roman von Hermann Blumenthal, in dem der Autor die Seelenwanderung nach der Lehre der Kabala behandelt. Der Roman erschien im Renaissance-Verlag, Wien I. 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