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Die Wahrheit · 1924-03-14 · Heft 11 (14.3.1924) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 11 (14.3.1924)
Date
1924-03-14
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DiE WAHRHEIT Seite 5 Grillparzer Esther-Fragment. (Eine Piurimbetrachtung.) Von Dr. Willy Cohn. Oesterreichs größter Dichter hat sich mehrfach mit jüdischen Stoffen beschäftigt. Neben der „Jüdin von Toledo" ist es vor allem seine „Esther", die unser Interesse erregt. Das Werk, das Jeider Fragment geblieben ist, zeigt uns, welch feines Verständnis der Dichter den Gestalten Mordechais und Esthers entgegengebracht hat. Wir wisslen nicht genau, in welchem Jahre er zu diesem Stoff gekommen ist, aber mancherlei deutet auf 1837 hin. Die Sprache zeigt uns den reifen Dichter, den souveränen Beherrscher der Versform und! den tiefen Kenner der Frauenseele. Wie schade, daß er das Drama nicht zu Ende geführt hat! Aber er ist dann wohl mit dem Stoff nicht zu Rande gekommen, der ihm Schwierigkeiten bot. Sollte er den Ausgang des Dramas so gestalten, wie er in der Megilloh geboten ist? Das schien nicht seine Absicht gewesen zu sein! Darüber belehrt uns ein Gespräch, das er mit Auguste von Littrow Jahre später geführt hat. Damals äußerte er, er wolle im zweiten Teil des Dramas Staatsangelegenheiten in den Vordergrund rücken und Esther als eine verderbte Intrigantin zeigen. Dann ist er doch wieder von dieser Auffassung zurückgeschreckt. In dem streng katholischen Oesterreich der damaligen Zeit war es eine nicht unbedenkliche Sache, von der Ueberlieferung der Bibel abzuweichen. Dazu kam noch, daß man sich unter Umständen getroffen fühlen konnte, wenn der Dichter die Zustände am persischen Hofe näher beleuchtet. Würde man d& nicht etwa denken, daß er den Habsburgerhof meinte? Grillparzer" war aber bekanntlich Beamter und mußte vorsichtig sein. So mag er dann eben von der weiteren Arbeit an der „Esther" Abstand genommen haben. Welche Szenen aber hat er ausgeführt? Im ersten Akt befinden wir uns in der königlichen Burg zu Susa. Die Königin Vasthi ist verstoßen und Haman teilt den Höflingen mit, daß er, um die Stimmung Ahasvers günstig zu beeinflussen, beschlossen habe, Frauen aus dem Reiche ihm zur Gattinnenwahl vorzuführen. Das Bülinenbild wechselt und wir sehen in einer ländlichen Gegend die Hütte Mordechais vor uns. Mit besonderer Liebe hat der Dichter die Gestalt dieses ehrwürdigen Greises geschildert, der am liebsten in der Welt seiner Bücher lebt. Esther hat keine Furcht davor, von den Boten des Königs gewählt zu werden, sie glaubt von ihrer Abkunft beschützt zu sein: „Denn Israel steht hoch in eigner Schätzung, Steht tief im Wert bei allem Nachbarvolk, Man reicht nicht gern der Jüdin Hand und Ring." Der Hauptmann nimmt sie aber doch mif fort an den Köni'gshof. — Im 2. Aufzug ist nun wundervoll fein geschildert, wie Ahasver an ihr Gefallen findet. Sie ist nicht wie andere Frauen, die durch kleine Mittelchen die Aufmerksamkeit des Königs zu erreichen suchen, im Gegenteil, sie weist ihm auf seine Gemahlin, auf Vasthi hin. Als er ihr sagt, daß 'diese Frau ihn niemals! geliebt habe, da wird sie aus eigenem freien Entschluß dfie Seine. Zwei Menschen finden sich zusammen, die beide weit über den Durchschnitt hinausragen. Gerade diese Szene scheint in dem Grillparzer eigenen feinen psychologischen Verständnis für die Frau der Höhepunkt des Fragment gebliebenen Dramas zu sein. Die Szene verwandelt sich, und wir sehen Mordechai, wie er in einer Rolle liest und sich über das Schicksal Esthers Gedanken macht, bis er dann erfährt, daß sie des Königs Braut geworden ist. -- An der Pforte des Palastes war ihm auch Kunde geworden von der Intrigue, die sich gegen das Leben des Königs ansponn. Vom 3. Aufzug sind uns dann nur noch einige Zeilen erhalten. Mit dem Gefühl des Bedauerns scheiden wovon dem Drama, weil es nicht zu Ende geführt worden ist, und mit dem Gefühl der Freude, weil Grillparzer an dem uns so lieben Stoff so viel Gefallen gefunden hat. — Man sollte sein Esther-Fragment zu Purim in jeder jüdischen Familie lesen! Der Jude Mordechai. Von Rabbiner Dr. Auerbach, Elbing. Zwei Predigten, einst anläßlich des Purimfestes im Gotteshause gehalten, blieben mir einigermaßen im Gedächtnis haften. Recht betrachtet waren es keine Predigten, sondern Reden, gute Reden. Die eine außerordentlich packend, die andere überaus geistvoll. Maybaum, der als Klassiker der jüdischen Predigt niemals in Vergessenheit geraten wird, hätte so von der Kanzel nicht sprechen mögen, vielleicht auch nicht können. Denn der Meister jüdischer Predigtkunst stand in dem Rufe, kein sonderlicher Redner zu sein. Beide Prediger wirkten als Rabbiner in der Großstadt. Der jüngere war feurig und zündete. Der ältere fesselte ungemein durch großen Gedankenreichtum, streng folgerichtigen Aufbau und durch feinsinnige psychologische Analysen. Ersterer begann mit einer allgemeinen Besprechung des Buches Esther. Er wies darauf hin, daß es von jeher die verschiedenste Beurteilung erfahren habe. Noch heute hätte es sowohl begeisterte Verehrer als auch erbitterte Feinde. Er wandte darauf das Schillersche Zitat aus Wallenstein an: „Von der Parteien Haß und Gunst verwirrt, schwankt seii Charakterbild in der Geschichte.'' Dann kam er — die Ueberleitung ist mir nicht mehr gegenwärtig — zum Thema selbst: Der Jude Mordechai. Die Charakteristik des Juden Mordechai baute er auf dem Bericht des Buches Esther auf: „Mordechai beugte und bückte sich nicht/' Ein stolzer, selbstbewußter Jude wäre Mordechai gewesen. Der innerste Kern seiner Persönlichkeit wäre ein starkes Selbbewußtsein. Das erwachende Selbstbewußtsein der jüdischen Jugend feierte er dann als Geist vom Geiste Mordechais. Man merkte es dem Prediger an, wie sehr er sich über die neue jüdische Jugend freute. Er hat auch Grund, dazu. Ein Umschwung zum Besseren hatte sich in ihr dank zionistischem Einflüsse vollzogen. Sie begann sich ihrer jüdischen Eigenart bewußt zu werden, suchte sie nicht zu unterdrücken und zu verleugnen, sondern fühlte sie als etwas, das mit aller Liebe gepflegt zu werden verdiene. Dem biologischen Trieb, sich der Umgebung anzupassen und womöglich allmählich in ihr zu verschwinden, setzte sie die Forderung entgegen: „Begreife dich in deiner Besonderheit, erkenne ihren hohen Wert, versenke dich in sie, und du wirst aus ihrer Tiefe zum Heile des Menschengeschlechtes herrliche Schätze heben." Was Wunder, daß dieser Typ dem Herzen eines Rabbiners näher stand als jener, damals noch an Zahl überlegen, der durch schneidiges Auftreten sein vermeintliches Germanentum betonen wollte, Unarten des Korpsstudententums als klassische Prägung dieses Germanentums mit mehr oder minder großer Geschicklichkeit nachahmte. Wer hätte nicht jene Jünglinge gekannt, die mit schnarrender Stimme von sich gaben: „Unsere Heide» sind nicht David und Jesaja, sondern Goethe und Schiller", eine Erklärung, für die sich unsere deutschen Dichterfürsten bedankt und über deren Sinnlosigkeit gelächelt hätten. Wahrscheinlich aber hatten sich diese strammen Germanenlünglinge mehr mit der Biertrinkkunst als mit der Dichtkunst ab-

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