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Die Wahrheit · 1924-03-14 · Heft 11 (14.3.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 11 (14.3.1924)
Date
1924-03-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 11 wer immer ihr seid, alt und jung, groß und klein, versammelt euch, vereinigt 'euch, mac h e t wahr das Wort eurer Feinde: seid „A m e c h a d" ein einig Volk von Brüdern, vereint in edlem Stolz und unbeugsamer Festigkeit und Haman solcherart die unübersteigbare Mauer der jüdischen Einheit — und Abwehrfront wahrgenommen, da blieb dem stolzen Rassenschützler nichts mehr übrig, als in die Knie zu sinken und winselnd um Gnade und Schonung sieines kostbaren Lebens zu bitten. Man denke aber ja nicht, daß das alles so einfach, so glatt vor sich gegangen war. Unsere alten Lehrer erzählen uns das Gegenteil. Es habe, so meinen sie, auch unter den susanischen Juden eine nicht unbeträchtliche Anzahl solcher gegeben, die sich als volle Perser fühlten, sich duckten und drückten, vor lauter angstgeborener Assimilationssucht an den Orgien Ahaswers gegen das ausdrückliche Verbot Mordechais und gegen ihre eigene Ueberzeugung teilnehmen zu müssen glaubten und in einem offenen Kampf gegen Haman eine Provokation erblickten. Daß es Mordechai trotzdem gelungen war, die Juden Susas am 13. Adar, allesamt, ohne Ausnahme, wenn auch nur für einige Stunden zur machtvollen Einheit zu bringen — das ist das einzigartige Wunder uns'erer Purimgeschichte. Ein Wunder und doch so einfach, so natürlich, so selbstverständlich, daß es beinahe als Forderung erscheint, ein Wunder, das sich so oft und so lange wiederholen wird und wiederholen muß, bis es zur gewohnten, alltäglichen Erscheinung im jüdischen Leben geworden ist: A m e c h a d, die selbstgewoltte Einheit des jüdischen Volkes. In solchem Licht betrachtet erhebt sich die Purimgeschiehte über den engen Rahmen eines lokalen Eiiizeägeschehnissesf und wird zum Symbol, weithin sichtbar, für die Geschichte und Geschicke des ihrer Limonade- und Milchgläser auf. Er schloß unter tosendem Applaus mit den Worten: „Und so wollen wir hoffen, daß der innige Zusammenschluß dies jüdischen Volkes, das für Kultur, Kunst und Wissenschaft schon so viel Großes geleistet, mit der deutschen Nation ein für beide Völker ersprießlicher Zustand des Glückes und Friedens werden möge. Und so sprechen wir alle „Amen!" „Das Fieber ist noch immer ziemlich stark, aber es geht ihm schon besser," sagte der Doktor, der an meinem Bette saß, als ich zum ersten Male die Augen aufschlug, „wenigstens hat er nicht mehr so verworrene Gedanken". Langsam kehrte! mein Erinnerungsvermögen zurück, ich wußte, daß ich vom Balle gekommen war, dann im Bette eine Zeitung gelesen hatte, und dann — ja, dann war ich krank geworden. — Schade!! Menschenversöhnung, geistige Freiheit, Abbau des Rassenhasses, es war alles nur ein Fiebertraum gewesen. Der Arzt drohte lächelnd mit dem Finger: „Ja, mein Lieber, so was greift das Gehirn an* das kommt davon, wenn man nichts Besseres zu tun hat, als ausgerechnet die »Deutschösterreichische Tageszeitung* zu lesen." jüdischen Volkes, zu dem aktuellsten Buche des Judentums, das in seine nächste Zukunft weist. Vielleicht ist das der tiefere Sinn von dem; was unsere alten Weisen sagen: „Wenn auch alle Bücher der heiligen Schrift verschwinden und alle unsere Festtage vergessen werden sollten, P u r i m und Megillath Esther sind für d i e E w i gk e i t bestimmt." Heidnisches Treiben in christliehen Kreisen*). Man hat kein christliches Gewissen in bezug auf falsches Zeugnis und fahrlässige Ehrabschneiderei, man verwendet dic kleine und die große Lüge, als sei das ein erlaubter Regenschirm gegen Unannehmlichkeiten der Witterung; es gibt ferner so viele Gläubige, die in Konflikten mit dem Nächsten und dem Fernsten gänzlich ohne Gewissensforschimg und ohne Bußfertigkeit hinsichtlich der in ihnen selbst liegenden Ursachen menschlicher Verfeindung bleiben, sie sind nicht wahrhaft anständig in Geldsachen, ohne Standard in bezug auf Beteiligung an anfechtbaren Praktiken, sie ahnen gar nicht, wozu dic christliche Demut da ist und was dieselbe unserem hochgeschwollenen Ichgefühl stündlich zuflüstern sollte — kurz, man fragt sich oft: Wozu sind sie eigentlich christlich und was meinen sie damit? Aus dem ganzen hier beleuchteten Seelenzustande, das heißt aus dieser Gewöhnung an das Gespaltetsein zwischen dem Sonntagschristentum und dem Indianertum der Woche, hat sich auch die ganze ' verhängnisvolle und völlig unhaltbare Mitwirkung der katholischen Welt an allen Gemeinheiten und Rohheiten des kollektiven Gruppenkampfes entwickelt, was ja so weit geht, daß ein vielgenannter katholischer Historiker während des Krieges sich in der „Kölnischen Volks-Zeitung" ganz offen zum Macchiavellismus und zum biologischen Recht des Stärkeren bekannte. Während des Krieges und schon vorher war es mein größtes Aergernis und Staunen, in den Leitartikeln mancher leitenden christlichen Tageszeitungen trotz der unzweideutigsten Anweisungen Roms die vollkommene Abwesenheit eines christlichen Gewissens feststellen zu müssen. Gegen innen- und außenpolitische Feinde wurden alle bösen Instinkte losgelassen. Ich will gar nicht von christlicher Liebe reden — nein — es fehlte die elementarste politische Kultur, wie sie etwa in den Leitartikeln des nichtchristlichen „Manchester Guardian" zu finden ist, die eigene Sache mußte um jeden Preis verteidigt werden, dabei gab es keinem Objektivität gegenüber den Gegnern, keine Loyalität gegenüber dem wirklichen Sachverhalt, kein christliches Verantwortungsgefühl für den Volksfrieden, keinen Edelsinn des Urteils, der die besseren Empfindungen auf der Gegenseite hätte, wecken können, nein, nichts als abscheulicher Antichrist war da und gar kein Bewußtsein davon, wozu das christliche Bekenntnis die Feder eines christlichen Redakteurs verpflichtet — leider, leider! Und heute ist es nicht besser — die ganze Polemik gegenüber den innenpolitischen Gegnern und den feindlichen Völkern ist vom übelsten Geiste der politischen Klopffechterei beherrscht. Hat man z. B. in der Wiener „Reichspost" je ein Wort demütiger Selbsterkenntnis und Selbstanklage gelesen, daß die leitenden Klassen der Donaumonarchie durch ihre unselige Politik selber den Zusammenbruch verschuldet haben? Nein, Juden, Freimaurer, Tschechen und Sozialisten tragen die alleinige Schuld. Waren dann aber Hötzendorf und Berchtold auch Juden? Kam in jener Presse je ein Sündengefühl gegenüber dem Volke zum Ausdruck, dessen Treue so schrecklich durch ein grauenhaftes Hasardspiel und durch ein unverantwortliches Sichgehenlassen mißbraucht worden ist? Nein, nur nicht dem Anderen recht geben, das war der maßgebende Gesichtspunkt. Was soll werden, wenn der aus solcher Verwilderung entstehende explosive Zustand der Seelen immer weiter um sich greift? Ein Giftkrieg aller gegen alle wird entstehen, in dem die großen Städte durch Luftgeschwader vernichtet und die ganze Kultur durch die Sintflut des Hasses auf Jahrhunderte hinaus ersäuft wird. *) Aus der endlich wieder erscheinenden Wochenschrift „Die Menscheit".

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