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Die Wahrheit · 1924-03-14 · Heft 11 (14.3.1924) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 11 (14.3.1924)
Date
1924-03-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 11 DIE WAHRHEIT Seite 3 nur nicht zum Schaden, sondern vielmehr zur Heilung; und Stärkung gereichten. „Jedes Leid, das uns nicht niederwirft, macht uns stark", dieses Wahrwort Gerhart Hauptmanns — nirgendwo hat es sach so glänzend bewährt als in der Leidensgeschichte des jüdischen Volkes — es läßt sich auch an den drei Männern, denen diese Ausführungen gelten, klar und deutlich exemplifizieren. Durch Esau ist Jakob ein „Jisroel" geworden. Gewiß, Jakob ist der Sohn Isaks und ein Enkel Abrahams, und hat in seiner Jugend die Lehrhäuser von Schern und Eber besucht — zum Bewußtsein seines wahren jüdischen Wesens, zur Erkenntnis dessen, daß Jude sein, Kämpfer sein bedeutet, Kämpfer für Gott und die Menschheit, dazu ist Jakob erst durch die Leiden und Verfolgungen seitens Esau gelangt. Und wie Jakob ist es seinen Nachkommen, unseren Vorfahren im Mittelalter, ist es einem großen Teile unserer Glaubens- und Stamntesgenossen^ in der Gegenwart ergangen. Die Leiden und! Verfolgungen, Demütigungen und Zurücksetzungen, die sie in der Schule, im Berufe und im Leben erlitten, waren gleichsam die auslösende Kraft, die sie zur Erkenntnis ihres wahren jüdischen Wesens gebracht und alle schlummernden jüdischen Energien in ihnen freigemacht. Ein Gutteil der jüdischen Renaissance, die wir jetzt freudig miterleben, ist indirekt durch die in den letzten Jahrzehnten sich besonders wild gebärdende Faust Esaus herbeigeführt, während in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts, da wo von dieser Faust nur wenig zu spüren war, alles jüdische Leben und Fühlen in einen bedenklichen Schlaf verfallen war — das ewige Wellenspiel der jüdischen Geschichte. Von Amalek und der Art, wie Moses im Kampfe mit ihm den Hügel hat bestiegen, haben Borniertheit und Zügellosigkeit gegolten hatten? Wären mir ihre Erscheinungen nicht noch von Erden her in nur allzu guter Erinnerung gewesen, ich hätte nicht einen Augenblick daran' gezweifelt, einer Sitzung der „Union deutschösterreichischer Juden" beizuwohnen. Soeben fand eine Massenversammlung unter dem Vorsitze Ludendorffs statt. Hitler sprach. Er trat in wärmster Weise für Völkerversöhnung und Menschenverbrüderung ein, forderte in flammenden Worten den sofortigen Abbau des Numerus clausus und rührte seine Zuhörerschaft, die sittsam hinter ihren Limonadegläsern saß, zu Tränen. Seine Rede klang in die Bitte aus, sich nach Kräften an der soeben veranstalteten Sammlung zugunsten der Chewra Kadischa zu beteiligen. Er selbst sei als gelernter Tapezierergehilfe gerne bereit, die Bundesladie des großen Münchner Tempels gratis zu restaurieren, und so möge jeder sein Schärflein beitragen. Ich kam aus dem Staunen nicht heraus. Nach ihm sprach Dr. Walter Riehl, Obmann der Wiener Nationalsozialisten, der seine teuren jüdischen Brüder ritterlich gegen die Angriffe des Dr. Leopold Plaschkes verteidigte. Die Stimmung der Versammlung war eine geradezu begeisterte. Der mir noch vom Mord im Haspelwalde her bekannte Rudolf Novosad regte die Gründüng einer Sanitätskolonne an, um jüdische Kinder und Greise unsere Väter gelernt, auch ihrerseits die Höhe zu besteigen und sich zu erheben über Spott und Hohn, heimtückische aus dem Hinterhalt geführte x^ngriffe, über Verhetzung und Verleumdung, dte Amaleks Kampfesart geblieben sind bis auf den heutigen Tag. Durch Amalek ist das jüdische Volk gleichsam zum Antäus geworden, der nach der Sage sich am kräftigsten erhoben hatte, wenn man ihm am tiefsten zu Böden gedrückt glaubte. Je trüber und unheimlicher ihnen Amalek die Umwelt gestaltete, desto eifriger waren unsere Väter und Mütter am Werke gewesen, sich eine innere Welt zu errichten, eine geistige und sittliche Welt, eine Welt, die auf Liebe gegründet ist, die Liebe zur Lehre, zur Familie, zu den Idealen der Väter. Ohne diese Fähigkeit des Sich-erhebens und Sich-hinüberrettens in diese Innenwelt wäre es unseren Vorfahren unmöglich gewesen, dem endlosen Drucke auf die Dauer zu widerstehen, durch sie aber hatte sich der letzte Dorfgeher hoch erhaben gefühlt über seine herrschaftlichen Bedränger. Die Pflege und Erhaltung dieser inneren Welt, die Aufwertung unserer alten Ideale ist auch heute noch für uns das einzige Mittel, Amaleks Herr zu werden. Amaleks, aber nicht Hamsans. Für Ideale und höhere Welten hat der Rassenschützler Haimau nur sehr wenig Sinn. Ein flüchtiger Blick in die Estherrolle ist geeignet, uns davon zu überzeugen. An edlem Stolze und altruistischem Streben hat es Mordechai sicherlich nicht fehlen lassen. Und dennoch haben sie ihm nicht nur nichts genützt, sondern die Pogrompläne Hamans nur gefördert. Erst nachdem Mordechai von den „höheren Welten" herniederstieg und zum Sturm geblasen hatte und durch die von ihm inspirierte Esther die Parole ausgab: Juden und Jüdinnen, wo immer und zu behandeln; Vizekanzler Frank und Doktor Waber traten für einwandfreie Justiz und Abschaffung der veralteten lächerlichen Rassentheorie ein und K. H. Wolff war das reinste Lamm geworden. Namens des Offizierskränzchens „Oberland" bat Oberleutnant Roßbach flehentlich, darauf bedacht zu sein, daß Leben und Gesundheit des leider viel zu wenig zahlreichen jüdischen Volkes von Staats wegen gefördet würden, was Dr. Jerzabek und Anton 0 r e 1 am besten durch Geburtenprämien für jüdische Mütter zu erreichen hofften. Anschießend an die Diskussion hielt Liiteraturprofessor Adolf Bartels einen geistvollen Vortrag über die „Perlen der jüdischen Literatur". Doch was wollte dies allesgegen das Philosemitentum der edlen ungarischen Nation bedeuten? Horthy, Hejjas und Pronay schluchzten vor Glück über den endlichen Anschluß an das Brudervolk und beschlossen spontan, in Csongrad eine große Rabbinerschule zu gründen, die sicher einen „Bomben"-Erfolg haben würde. Besonders Hejj a s war sa ergriffen, daß er aus dem Saale getragen werden mußte. Nachdem noch die J e r i t z a, begleitet von der Kapelle der „Frontkämpfer-Vereinigung" mit beispiellosem Erfolg die „Hatikwah" gesungen hatte, erhob sich der Vorsitzende Ludend o r f f und forderte die Anwesenden zum Heben

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