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Die Wahrheit · 1924-03-14 · Heft 11 (14.3.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 11 (14.3.1924)
Date
1924-03-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. H Zeitpunkte am Beginne unserer Zeitrechnung, da Israels erhabene Gotteslehre' vermöge ihrer inneren sittlichen Kraft im Begriffe war, Weltreligion zu werden, von den Tagen des Cicero und' T a c itus, bis zu Eisen meng er, Ro h Hing und F ritsch, hat Amalek näeht aufgehört, jene Lehre zu besudeln, und in den Augen der Umwelt und nicht minder in denen der eigenen Bekenner herab-" zusetzen. Dreiste Lügen, alberne Märchen, niederträchtige Fälschung und Verleumdung, Folterkammern und Scheiterhaufen, Di&puta'tionen und Inquisitionen — kein Mittel war ihm zu schlecht zur Erreichung des Kampfzieles, das er sich gesteckt: die geistige und sittliche Minderwertigkeit des Judentums zu erweisen. Wer zählt die Myriaden der Opfer Amaleks, die müdie und matt liegen blieben" auf halbem Wege, verdorrend und verkommend im heißen Wüstensande! „Und es kam Amalek und bekämpfte Israel", das ist auf die kürzeste Formel gebracht, Israels vieltausendijährige Leidensgeschichte". Esaus Klage über die wirtschaftliche Gefährlichkeit der Juden zusammen mit der' perfiden Unterstellung Amaleks1 von der' geistigen und sittlichen Minderwertigkeit des J udent u m s führt zwangsläufig zur Ideologie des Rassenantisemitismus, dessen Urbild in Haman, dem traurigen Helden der Purimgeischichte zu erblicken ist. Wenn uns von Haman nichts anderes bekannt wäre, als was in der Estherrolle' Kap. III/6 von ihm erzählt wird. „Und es verschmähte Haman, Hand' anzulegen) an M o r d e r c h a i a 11 e i n„ da man ihm gesagt hatte, zu -welchem Volke Mordechai gehöre, vielmehr wollte Haman alle Juden seines Reiches vernichten1', schon dies allein würde genügen, ihn als den Typus jenes wüsten, in-unserer trüben Nachkriegszeit in Mitteleuropa sein geschäftiges und geschäftemachendes Unwesen treibenden: Rassenschützleirtums zu erkennen, das erst vor kurzem von unserem Bundespräsidenten ebenso wie von unserem iBunldleskanzlier mitnicht mlißzuverstehenden Deutlichkeit zurückgewiesen und als ebenso falsches wie 'törichtes Beginnen bezeichnet worden ist. Falsch und töricht deshalb, weil es sowohl gegen den gesunden Menschenverstand als auch gegen die einfachste Regel der Logik verstößt, die es verbietet — was Haman eben getan — aus dem Besonderen auf das allgemeine zu schließen und das zufällige Verhalten oder Nichtverhalten' ein/es Einzelnen als Rasserimerkmale der Oes a m t h.e i t anzulasten'' Wenn man diesen Haman vor seinem König stehen sieht und ihn von den Juden seines Reiches zu diesem1 siprechen hört: „Es ist ein Volk, zerstreut unter den Völkern, in allen Städten Deines Reiches, verschieden in bezug auf Religion, Sitten von den anderen ,das die Gesetze des Königs nicht achtet, dessen Vernichtung darum irn wohlverstanldenien Interesse des Königs gelegen sei", so glaubt man, in das Jahr 1924 in eine Stadt Mitteleuropas.sich versetzt, hakenkreüzlerische Klänge zu vernehmen und ist mittels logischen Analogieschlusses auch geneigt, über die Provenienz der 10.000'Schekel, die Haman als Schußgeld für die Juden dem König Ahasweros bietet, «sich seine eigenen Gedanken zu machen. * * *• An einer Stelle im Traktate Megülah heißt es: Rabbi Lewi sagt: „Ehe Gott Israel eine Wunde schlägt, hat er bereits das Heilmittelfür sie bereitgestellt". In diesem. Ausspruch ist ein ebenso tiefer wie wahrer, von unseren alten Lehrern, Denkern und Dichtern in zahlreichen Variationen dargestellter Gedanke enthalten, der besagt, daß die Leiden und Verfolgungen, denen das jüdische Volk seit Jahrtausenden ausgesetzt ist, ihm nicht HM. Feuilleton Dag kommt davon .... Ein Fiebertraum. Von Adolf R e i m a n n. Ich weiß es selbst nicht, wie4s geschah. Genau erinnerlich isit mir nur mehr, daß ich, iini bester Laune von einem Purimball kommend, in der Rötenturmstraße einen Zeitungsverkäufer traf, der mir sein letztes vorhandenes Exemplar anbot, daß ich dem Manuel einen Tausender gab, die Zeitung zu mär steckte, und, mleüner Gewohnheit gemäß, zu Hause im Bett das Blatt entMiete und» zu lesen begann. Dann muß etwas Furchtbares geseheehen sein, denn wenige Minuten später bereits schwebte meine arme, durch Seipel sanierte Seele himmelwärts. v ■ ■■ . - Daß sie himmelwärts schwebte, war mir ja "weiterhin nicht verwunderlich, denn den Aufenthalt im Himmel glaubte ich durch mein Brldenwallen zwischen Kienböck und Breitner und1 vor allem "durch meine geschätzte Mitarbeit an der „Wahrheit", Deutschösterreichische Wochenschrift für jüdische Interessen, voll un# ganiz verdienst zu haben. Verwunderliche!r-war schon, daß meine Seele immer höher stieg, vorbei am ersten, dritten und fünften Himmel, ja sogar vorbei am Eingang der ^Israelitischen Abteilung", höher und' hnmer höher. Je mehr ich stieg, desto rascher entschwand meinem geistigen Auge das Bild des tief unten liegenden Vaterlandes, und zum Schlüsse war nichts mehr zu sehen als der "blaue Dunist, den unsere p. t. Parteien dem Volke in so reichem Maße vormachen ... Endlich -war meine lange Reise beendet. Ich stand vor einer hell erleuchteten Pforte1, die rings von Stacheldraht, Handgranaten, spanischen Reitern und Schützengräben umgeben war und alles, nur nicht himmlisch aussah. Ich "befand mich —'• zu meinem Erstaunen — im fHakenkr euzlerhinrmel. Einzig das über dem Tore befindliche Transparent mit der Inschrift „Selig sind die Armen im" Geiste" und einem großen Hakenkreuz, deutete darauf hin. Und noch ehe sich meine arme Seele, die auf einen geruhsamen Aufenthalt gerechnet hatte, erholen konnte, ehe-ich ein Wort des Protestes hervorbrachte, war ich mitten drin. Doch wer beschreibt meine angenehme Ueberraschung? Waren das dieselben Antisemiten, die mir auf Erden stets als Inbegriff aller menschlichen

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