Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 11 (14.3.1924)
- Date
- 1924-03-14
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Dealschüsferrelchische Wochenschrift ihr ittdlsche Interessen Nil dem Beiblatt: VeriMfentilihunSen der ..Union deutschösterrekhischer Juden" Redaktionund Administration : Wien II.. Heineslraße 13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 14. März 1924 Nummer 11 Esau, Amalek, Hainau. Eine Purimbetrachtung. •'* Von Rabbiner Dr. Armin A b e 1 e s. An zählreichen Stellen und in den mannigfaltigsten Verbindungen und Gestaltungen erscheinen die Träger der obenstehenden drei Namen in den Werken'unserer alten Lehrer und Meister. Sie sind ihnen nicht bloß drei verschiedene, wenn auch miteinander wahlverwandte Personen, sondern zugleich auch Ausdruck und Verkörperung eines Systems, eines Systems der Bosheit und Tücke, das seit Jahrtausenden gegen das jüdische Volk angewendet wird. Mag auch die Art der Anwendung und Ausprägung dieses Systems zu verschiedenen Zeiten eine verschiedenartige gewesen sein; sein Endziel ist bis auf den heutigen Tag das gleiche geblieben: Das Verderben, der Untergang des Judentums. Esau, Amalek und Haman sind unseren Alten gleichsam drei schwarze Flecke, die die Lebenssonae. Israels zu allen Zeiten und in verschiedenen Stärkegraden verdunkeln. - - * * * ■i- . Esau haßt den Jakob. Dessen Haß ist noch keineswegs Volkshaß, er erstreckt sich nicht auf die jüdische Gesamtheit oder auf einzelne Gruppen derselben, nicht einmal auf die Familie des Jakob, der Esau ja selbst angehört. Vielmehr ist es ausschließlich die Person Jakobs a 1 s E i n z e 1i n d i v i d u u m, die Esau mit seinem grimmigen Hasse verfolgt. Und weshalb? Esau macht keineswegs eine Mördergrube aus seinem Herzen, mit wutschnaubenden Augen und geballter Faust ruft, schreit er es hinaus, nur daß alle Welt es höre: Zweimal hat mich Jakob betrogen, erst raubte er das Recht der Erstgeburt, nun rammt er mir den väterlichen Segen. Was in die Sprache dies modernen Lebens übersetzt nichts anderes-bedeutet: Aus. Furcht vor dessen Ueberleigenheit im wirtschaftlichen Existenzkampfe haßt Esau den Jakob, aus jener Furcht, in welcher ein ungewolltes Zeugnis der Anerkennung liegt. Dem Kentier der jüdischen Geschichte braucht nicht erst bewiesen zu werden, daß der Haß Esaus gegen Jakob, über den Einzelfall hinausgehend, von typischer Bedeutung ist für dfe Geschichte des Judentums in der leidvotleu Zeiten Folge. „Er raubte mir das Recht der Erstgeburt und nun nimmt er mir den väterlichen Segen!"das ist der altbekannte Haßgesang, der seit den Tagen Alexanders des Großen bis auf die unserigen in unverminderter Klangstärke forttönt von Geschlecht zu Geschlecht, die Sinne verwirrend und die Seelen vergiftend. Mögen auch Text und Melodie dieses Gesanges dem Wandel und Geschmack der Zeit Rechnung tragend manch' eine Aenderung erfahren haben. Tendenz und Inhalt desselben sind bis heute die gleichen geblieben, gleichviel ob seine Urheber Apollonius Molo, dei Erzbischof D i e t h e r oder Werner Sombart heißen. Eine längst erkannte 'Historische Wahrheit hat uns die Einsicht vermittelt, daß aller Judenhaß im letzten und tiefsten in der Furcht vor der wirtschaftlichen Ueberlegenheit der Juden seinen Ursprung hat und über die Eingangspforte zu jener Hölle, die unseren Vorfahren durch alle Jahrhunderte hindurch bereitet worden war, in weithin leuchtender Schrift der Ruf Esaus zu setzen sei: „Er raubte mir das Recht der Erstgeburt, nun nimmt er mir den väterlichen Segen'". Ganz anders Amalek! Amalek kämpft nicht gegen Einzelne, sondern gegen ganz Israel. Auch tut er dies im Gegensätze zu Esau nicht mit offenem Visier, sondern aus giltgeschütztem Hinterhalte. Und dies alles vollends in der bedeutungsvollsten Stunde des israelitischen Volkes, da es im Begriffe war, das Volk Gottes' zu werden. Und die Ursache? Amaleks Feindschaft ist ursachlos, sie ist, um ein Bild der Alten zu gebrauchen, "die Feindschaft eines bissigen Hundes. Amalek ist das bloße Dasein Israels als Volk Gottes, das vom Sinai kommt, ein Dorn im Auge, er gehört zu jenen, denen mit Goethe zu sprechen, „das Wesen wie du bist im Stillen ein ewiger Vorwurf ist". Darum greift er auf dem Zuge der Israeliten durch die Wüste di eNachhut an, die „Müden und Schwachen'", die müde und schwach geworden, in dem festen Glauben an Gott, an den« Gott ihrer Väter. Amalek kämpft nicht gegen den Einzelnen, den wirtschaftlich Stärkeren und Ueberiegenen in der Absicht, ihn in brutaler Weise niederzutreten, ihm ist es vielmehr darum zu tun, Israel in seiner Gesamtheit, Israel als den Träger der sinaitischen Gotteslehre, Israel als den geistigen und sittlichen Kultlirfaktor zu treffen. Zunächst die Schwachen und Müden, dann aber die Starken und Festen, sie allmählig ermüdend und zermürbend. Nicht ohne tieferen Grund wird daher die Feindschaft Amaleks in der Heiligen Schrift aus dem Lokal-Individuellen, in dien Bezirk des Ewigen durch die Worte erhoben:'„Eine Feindschaft Gottes ist es wider Amalek von Geschlecht zu Geschlecht'.'. Fürwahr von Geschlecht zu Geschlecht, über Zeiten und Länder hin, auf der Jahrtausende blutigen Spur erhebt sich der furchtbar gewaltige Arm Amaleks jeder Zeit zum Kampfe bereit, zum furchtbaren Schlage ausholend. Seft. jenem schicksalschweren