Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 10 (7.3.1924)
- Date
- 1924-03-07
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAflKrtfcil oeite gesamte Judentum als bolschewistisch-sadistische Umsturz- Organisation herabzusetzen. ' „Deutschnational" nicht „national zuverlässig"! An einer preußischen Universität hat sich vor noch nicht langer Zeit folgende köstliche Geschichte zugetragen: Ist da an dieser Universität ein Professor eifrig bestrebt, die künftigen „Dienei der evangelischen Kirche" in die Feinheiten und Schönheiten des Alten Testaments — denn auch die gibt es, allen gegenteiligen Behauptungen der Antisemiten zum Trotz — einzuführen. An derselben Universität besteht aber auch ein Zweig des Hochschulringes deutscher Art, der bekanntlich die nationale Gesinnung, an unseren Hochschulen in Erbpacht hat. Kommt da eines Tages von der Berliner Oberleitung des Hochschulrings die Anfrage, ob besagter Professor wohl für die Arbeit des Hochschulrings zu gebrauchen sei. Die Antwort der Ortsgruppe lautet prompt: „Ein Mann, der noch auf dem Standpunkt steht, daß Jesus ein Jude gewesen sei, komme für den Hochschulring deutscher Art wohl nicht in Betracht". O weih, Herr Professor! Wie wird Ihnen? Ob es nicht ratsam wäre, beizeiten dem Ariertum Jesu kleine Zugeständnisse zu machen? Man kann ja nie wissen, wie —--und dann kann ja doch ein deutschet Universitätsprofessör auf keinen Fall das Odium auf sich nehmen, „national nicht zuverlässig" zu sein, selbst wenn er — streng deutschnational ist! Verjudung des deutschen Geistes. Wer darüber klagt, hat die Verpflichtung, sich zu fragen: Wie sehe die deutsche Welt ohne das elektrisierende Element der Juden aus? Dieser Tage hat ein urdeutscher Dichter, der schlesische Seelenseher Hermann Stehr seinen sechzigsten Geburtstag gefeiert. Wer feierte den spröden' Dichtet? Die deutschvölkische „Deutsche Zeitung" vom 15. Februar gibt die Antwort: „Wer an der Feier zu Hermann Stehrs 60. Geburtstag im Berliner Beethovensaal teilnahm, mußte mit Erstaunen bemerken, daH hauptsächlich Juden zur Ehrung dieses Dichters deutschen Geblüts sich berufen fühlten und dazu gewonnen waren. Schon der Ehrenausschuß wies eine erkleckliche Menge jüdischer Namen auf. Von Vertretern der deutschen Literatur und Literaturwissenschaft waren fast nur Juden genannt. Noch unangenehmer war das Hervortreten des Judentums 'in der Feier selbst; die Vortragsfolge wurde in der Hauptsache von Juden, wenigstens soweit die Feier programmäßig verlief, bestritten. Jeder Deutschcmpiindende konnte sich bei der Feiei des Schmerzes nicht erwehren, daß sich hier das gleicht Schauspiel wiederholt, das wir schon einmal bei Gerhart Hauptmann erlebt haben: Hermann Stehr, der dem gewerbetreibenden deutschen Mittelstand entstammt — sein Vate' war Sattlermeister in einem kleineu Landstädtchen der Grafschaft Glatz —, Hermann Stehr, der Lehrer deutscher Jugend in zahlreichen Dörfern Schlesiens, dieser Mann von deutscher Eckigheit und Geradheit — seine Bewegungen und seine Worte bewiesen es —, wird hauptsächlich von Juden geehn und läßt sich von ihnen ehren. Deutschen Kreisen der Literatur und der Kunst aber kann freilich der Vorwurf nicht erspart werden, daß auch hier bei einiger Aufmerksamkeit und bei einigem Opferwillen der Fehler sich hätte vermeiden lassen, die Ehrung Hermann Stehrs fast ausschließlich der. Juden zu überlassen.'" Der deutschvölkische Trauerknabe hätte noch ganz andere Beispiele außer Hauptmann und Stehr zun: Beweise dafür heranziehen können, daß ohne deutsche Juden die besten Geister der Nation ohne Hörer bleiben würden. Zwanzig Jahre lang hat Friedrich Nietzsche Werke auf Werke hinausgeworfen, er hat die Bücher auf eigene Kosten bei einem kleinen sächsischen Verleger gedruckt, er wartete auf ein Echo, die Deutschen beachteten ihn nicht, ja. die nationalen Deutschen, die ihn aus Richard Wagners Kreise kannten, schwiegen ihn tot. Da schrieb der Jude- Georg Brandes in der von dem Juden Julius Rodenberger geleiteten „Deutschen Rundscha u" einen Aufsatz „Aristokratischer Radikalismus", und von diesem Tage an war Nietzsche für die Deutschen entdeckt. Der Trauerknabe der „Deutschen Zeitung" tippt an der wundesten Stelle des völkischen Systems. Sowie ein deutscher Kopf über die Regionen der normalen Mittelmäßigkeit hinüberwuchs, haben ihm zuerst .deutsch-jüdische Grübler ge- 3AC. MAYER lauscht und zugeklatscht. Die deutsche Geisteswelt, der Juden beraubt, würde schläfrig und stumpf werden. Das ist der Säbel. Wer immer auch am Steuer der deutschen Reichspolitik sitzen mag, der Geist der Ludendonterei wird den Kurs bestimmen. Sehen wir doch mit Staunen und Bedauern, daß selbst der so viel verheißende Minister Stresemann in solchem Fahrwasser segelt und vor dem preußischen Militarismus seinen Kotau macht. In Preußen Deutschlands befiehlt selbstherrisch, wie einst im Mai, der Säbel des Höchstkommandierenden und es macht wenig Unterschied, ob ein Wilhelm II. seinen aufmuckenden Untertanen mit dem Zerschmettern droht oder ob der Herr General von Seeckt solchen Despotismus in die Tat umsetzt. Auch Herr v. Seeckt liegt auf Seite der Reaktion gegen die Freiheit, Rechi und Aufklärung im Kampf. Aus vielen Beispielen soll hier ein besonders markantes hervorgehoben sein. In Berlin entfaltet die „Deutsche Li g a für Menschenrechte" ihre friedenbeflissene Tätigkeit, zu der auch die Verbreitung überzeugender Flugblätter gehört. Nun haben wir an den unterdrückten Pazifistenblätter „Die Menschheit" und „Pionier'* beobachten können, wie derlei Presseerzeugnisse in Deutschland verfehmt sind. Auch der „Deutschen Liga für Menschenrechte" wurde der Vertrieb einer Flugschrift gegen den Antisemitismus .oberbefehlshaberisch zuerst durch den Generalleutnant von Horn, später, nach erfolgtem Rekurs, durch den Gottesobersten v. Seeckt verboten. Die Begründung ist läppisch und ungerechtfertigt, zudem auch parteiisch, kurzum es blieb bei dem Verbot der Verbreitung des nachstehenden Aufrufes: „Schwere Ausschreitungen, Pogrome, wie sie früher nur das zaristische Rußland kannte, haben in Berlin stattgefunden. Menschen, die Juden sind oder zu sein schienen, wurden ausgeraubt, roh mißhandelt, schwer verletzt. — Kleine Leute waren es, im Armenviertel der Stadt, über die andere, betörte, verhetzte Menschen herfielen, weil sie sie verantwortlich machten für das Elend und die Ausbeutung, unter der das Volk leidet. Sind es die Bewohner des Scheunenviertels, die die Reichtümer der Nation an sich gezogen haben? — - Sind sie es, die das Brot verteuern, die Kartoffeln zurückhalten? Sind sie es, die den grauenhaften Gedanken geprägt haben, daß „das Volk bei vollen Scheunen verhungern werde"? — Mehr als Vierfünftel des verfügbaren Brotkorns sind in den Scheunen von 20.00Ü Großgrundbesitzern und 20.U00 Großbauern. Sind es polnische Juden, die die Kohlenpreise weit über Weltmarkthöhe getrieben haben und damit die Kosten für Licht und Heizung zur Unerträglichkeit steigerten, die Produktion überteuerten, die Exportfähigkeit der deutschen Industrie lähmten und so die Arbeitslosigkeit ins Maßlose steigerten? — Ist der Steuerbetrug, der Geldverfall, die Papiermarkflut, die Verschleuderung der Staatsgelder und des Reichsbankgoldes das Werk kleiner jüdischer Händler aus dem Scheunenviertel? Mitbürger! Laßt nicht durch üble Hetze angeblicher Patrioten und zweifelhafter Persönlichkeiten eure Empfindungen ablenken auf Nichtverantwortliche. Laßt euch nicht zu Ungerechtigkeiten und Unmenschlichkeiten gegen eure Mitmenschen aufreizen, auf die Schuldige euch weisen, um die eigene Schuld zu verbergen und Zwietracht im Volke zu säen. Sorgt dafür, daß nicht das, was ein abscheulicher Auswuchs der bayerischen „Eigenart" schien, zum Gemeingut des deutschen Volkes werde und es vor der ganzen Welt als Barbarenvolk erscheinen läßt. — Lernt wahre Schuld unterscheiden von der durch bezahlte Agitatoren und gekaufte Presseorgane euch vorgetäuschten. Die Angehörigen einer religiösen oder nationalen Gemeinschaft für das verantwortlich machen, was vielleicht einzelne Glieder der Gemeinschaft gesündigt haben, ist fast noch dümmer als es gemein ist. Wer so handelt, ein solches Handeln billigt oder auch nur duldet, stellt sich außerhalb des Kreises der ethisch Denkenden, ja zivilisierter Menschen. -— Erinnert euch des Wortes des Kaiser Friedrichs III.: Der Antisemitismus ist die Schmach des Jahrhunderts!" Jeder Satz, jedes Wort vorstehenden Aufrufes ist Wahrheit, Vorwurf und Anklage wider das herrschende Hakenkreuzlerregime, daß bei dem berüchtigten Oberbefehlshaber Schutz und Förderung genießt. Kleider-, Pelzeu. 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