Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 10 (7.3.1924)
- Date
- 1924-03-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 „Union" Zeugnis gab. Oer Obmann, Herr Rechtsanwalt Dr. Julius Grünwald, eröffnete die Versammlung mit herzlichen Begrüßungsworten und erteilte dem Präsidenten der „Union", Herrn Dr. Jakob Ornstein, das Wort zu dem Referate: „Unser Kampf ums Recht im letzten Jahre". Der Redner besprach in ausführlicher Weise die intensive und rastlose Arbeit zur Durchsetzung der im Artikel 80 des Friedensvertrages von Saint Germain statuierten Optionsrechte jener Juden, welche altösterreichische Staatsbürger waren, insbesondere hat die „Union" das Recht solcher Optanten vertreten, in deren Familien vor und nach dem Amtsantritte des Ministers Waber verschiedene Entscheidungen über die Rassenzugehörigkeit der einzelnen Familienmitglieder erflossen sind, und es könne nach den letzten Erklärungen, welche Bundeskanzler Dr. S e i p e1 in dieser Frage einer Deputation der „Union" gegeben habe, die aufrechte Erledigung der 300 noch vorliegenden Gesuche erwartet werden. Der Vortragende verwies ferner auf die entschiedene Bekämpfung der Bestrebungen zur Einführung des Numerus clausus an den österreichischen Hochschulen durch die „Union deutschösterreichischer Juden". Der Zentralvorstand habe gegen die bekannte Kundmachung des Rektors der Hochschule für Bodenkultur schärfste Stellung genommen und auch in der vorerwähnten Audienz beim Bundeskanzler gegen jede Beeinträchtigung der verfassungsmäßigen Lehr- und Lernfreiheit Einsprache erhoben. Es dürre als Erfolg verzeichnet werden, daß der Bundeskanzler die Zusicherung gab, daß eine Schmälerung der staatsbürgerlichen Rechte der österreichischen Juden nach keiner Richtung hin zugelassen werden würde, und daß er hinzufügte: Für die Volkszugehörigkeit könne nur das persönliche Bekenntnis maßgebend sein und die Rassentheorie widerspreche seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung. Redner erörterte sodann noch eine Reihe anderer wichtiger Rechtschutzfragen und forderte zum Schlüsse zu weiterer treuer Anhänglichkeit und eifriger Werbearbeit für die „Union" auf. Sekretär Siegfried Fleischer lenkte die Aufmerksamkeit der Versammlung auf die Tatsache, daß unsere gegenwärtigen politischen Parteien keine absolut verläßliche Gewähr für den Schutz der staatsbürgerliche Rechte der Juden bieten, wenn auch die Christlichsozialen als Staatspartei etwas milder geworden sind, und die Sozialdemokraten grundsätzlich die bürgerlichen Freiheiten verteidigen. Aber während die letzteren immer von der Furcht geschüttelt werden, als eine „Juden- ■schutztruppe" zu gelten* sind die ersteren gezwungen, zur Durchführung des Sanierungswerkes mit den rassenantisemitischen Großdeutschen gute Bundesgenossenschaft zu halten. So klein die Großdeutschen bei den' Walilen geworden sind, so laut und lärmend propagieren sie weiterhin den Judenhaß. Es werde also immer einen Rest jüdischer Interessen geben, welche nur von den Juden selbst und nicht von dieser oder jener politischen Partei vertreten werden können. Diese Lage mahne zur Einigung aller Juden und jüdischen Schichten im Kampfe gegen den auswärtigen Feind, das sind die Antisemiten. Der Numerus clausus bedrohe die jüdischen Jugend mit der Ausschließung von allen Bildungsstätten. Hier liege die größte Gefahr für die Zukunft, und diese Gefahr kann nur durch unseren einmütigen und geschlossenen Widerstand beschworen werden. Die Ortsgruppe Floridsdorf müsse bemüht sein, die Zahl ihrer Mitglieder auf die größtmögliche Höhe zu bringen. Jeder einzelne Jude und jede jüdische Frau müssen ihre Pflicht für die Gesamtheit tun. An die beiden Referate, die mit lebhaftem Beifalle aufgenommen wurden, schloß sich eine angeregte Diskussion, an welcher sich die Herren Sobe 1 und Pick sowie der Vorsitzende Herr Dr. G r ü n w a 1 d beteiligten. Der letztere betonte aus seiner persönlichen Erfahrung in der Optionsfrage, daß unter der Floridsdorfer Judenschaft noch immer eine viel zu große Indolenz gegenüber den wichtigsten Existenzfragen des jüdischen Lebens herrsche. Herr Epler beantragte die Inangriffnahme einer lebhaften Werbetätigkeit und stellte sich für eine solche zur. Verfügung. Der Vorsitzende erklärte, daß diese Anregung in allernächster Zeit verwirklicht werden würde, und schloß die Versammlung mit Worten herzlichen Dankes. Ortsgruppe Aisergrund. Montag, den 10. März, 348 Uhr abends, findet im Souterrainlokal des „Cafe City", IX., Porzellangasse 1, eine Plenarversammlung der Ortsgruppe Alsergrund statt, in welcher Herr Rechtsanwalt und Kultusvorsteher Dr." Josef Tichö über die Rechtsschütztätigkeit der „Union" und Herr Sekretär Siegfried Fleischer über „Aufklärungs- und Organisationsarbeit'' sprechen werden. Zu dieser Versammlung sind Gäste, auch Damen, herzlich willkommen. Wahrheiten vom Tage Der Hitler-Prozeß. Unter außerordentlicher Teilnahme, die weit über die Gemarkungen des Deutschen Reiches hinausgeht, spielt sich eben vor dem Münchener Volksgericht der Hitler-Prozeß ab. Die Verhandlungen, zu denen der verhältnismäßig harmlose österreichische Tapezierergehilfe nur den Namen hergibt, drehen sich weit bedeutungsvollere Personen und Dinge. Vor allem schwer belastet ist der tragikomische Held General Ludendorff und dessen Kreaturen, die als Marionetten nach seinem Willen in Aktion traten; In diesem Prozeß wird eine Schmutzflut käuflicher Gesinnungslosigkeit emporgeworfen. Dem schuldigen Mann geht' Grausen an, deshalb versuchten seine Hintermänner noch unmittelbar vor dem Termin den Prozeß durch „moralische" Erwägungen zu vereiteln. So lasen wir in den „Eisernen Blättern" vom 3. Februar: „General Ludendorff wegen Hochverrat angeklagt! Ich vergegenwärtige mir Herrn Eberts Gesicht, wie er das liest. Tausende Deutsche sehen dieses Gesicht und sprechen: Unter einem Reichspräsidenten E b e r t, der 1 9 1 S Hochverrat getrieben hat, ist solche Anklage gegen einen Ludendorff eine reine Unmöglichkeit." Das ist nun wirklich der Gipfel schamloser Frechheit und Dummheit, Ebert mit Ludendorff in gleiche Linie zu stellen. Ebert, den der einhellige Wille der Nation auf den höchsten verantwortlichen Posten des Reiches berufen, der es durch alle Fährlichkeiten zu Ansehen und Weltgeltung gebracht hat (vergl. die Literaturnotiz „Fritz Ebert" in vorliegender Nummer des Blattes) und Ludendorff, dem monarchistischen Erzreaktionär und Intriganten, der auch im Frieden einem Hirngespinst gewissenlos Menschen und die Sicherheit des Vaterlandes preisgab. Es war ihm letztes Endes nur um die Wiedereinsetzung der Hohenzollerndynastie zu tun. Es ist eben die Tragik dieser Bestrebungen, daß schließlich der alte Gegensatz (rassischer oder konfessioneller Art?) zwischen dem lutherischen Preußen und dem papistischen Bayern auflebte und dem plumpen Ludendorff-Schwindel ein Emde machte. Das läge nun alles wie ein schwerer Alb hinter dem deutschen Volke, aber damit es nicht bald wiederkehre, damit die Treibereien in ihren verborgensten Beweggründen aufgedeckt und den agierenden Personen die frevlerische Maske vom Gesicht gerissen werde, muß dieser politische Prozeß, der sich zu einem politischen Skandal entwickeln wird, ohne Ansehen der Person durchgeführt werden. Ein Bosel-Bänkel. Um allen Mißverständnissen vorzubeugen: es handelt sich nicht um eine kleine Bankfiliale des Unionbankpräsidenten Kommerzialrat Sigmund Bösel, sondern um den Bänkelsänger Professor Ernst Vogel, der in Nr. 7 der „Jüdischen Volksstimme", Abteilung für Humor, Satire und Witz, seinen Pegasus gesattelt hat und gegen den allgemein bekannten Wohltäter Sigmund Bösel Attacke reitet. Eigentlich bewirft er ihn nur mit Aepfeln, die sein Musenpferd fallen läßt, und hat die lebhafte Genugtuung, daß er in einem jüdischen Blatt in Versen nichts anderes getan als die „Deutschösterreichische Tageszeitung" und „Michel" in derber Prosa. Das mag der Herr Professor mit seinem Anstandsgefühl abmachen, weshalb wir von jeder sonstigen Kritik und Belehrung des „Dichters" absehen. Allerhand Besinnliches. Der Heros der Deutschvölkischen und Nationalsozialisten war Alussolini, solange er nicht sich mit aller Schärfe gegen den Antisemitismus ausgesprochen hatte. Er hat nun noch gar die Sowjetrepublik anerkannt, einen Gesandten nach Moskau geschickt und sofort einen Handelsvertrag geschlossen, und auch London hat mit Moskau seinen Frieden gemacht. Niemand in beiden Ländern ist diesen bedeutsamen Schritten entgegengetreten, etwa mit der schlagenden Begründung, man dürfe mit der angeblichen „Keimzelle der jüdischen Weltregierung" Verträge nicht schließen. Solche Tollhäuslereien bleiben das Eigentum gewisser deutschvölkischer Kreise. Aber selbst größere deutsche Ansiedlungen in Rußland passen sich der Sowjetregierung an. So meldet das „Deutsche Leben in Rußland" (Nr. 3/4, Februar 1924), herausgegeben vom „Zentralkomitee der Deutschen aus Rußland", der 11. Kongreß der Räte des autonomen Gebietes der. Wolgadeutschen in Pokrowsk habe am 10. Jänner dieses Gebiet feierlichst in eine „sozialistische Sowjetrepublik der Wolgadeutschen" umzuwandeln beschlossen; Niemand wird nun behaupten, daß alle Deutschen Bolschewisten seien, während sich die Deutschvolkischen täglich erdreisten, weil Juden auch bei den Bolschewisten zu finden sind, deshalb das-