Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 10 (7.3.1924)
- Date
- 1924-03-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE, WAHRHEIT leistet, was er aber während der Revolution gegenüber der jungen Dichtergeneration an Verdrehungen und Verunglimpfungen sich hat zuschulden kommen lassen, stellt selbst seine früheren eigenen Leistungen in den Schatten. Und das will schon was heißen. Nahmen doch selbst die ihm sehr nahestehenden Blätter in der Kritik kein Blatt vor den Mund. Adolf Bartels hat aus der Kritik nichts gelernt. Im Gegenteil, er schreitet auf dem einmal betretenen Wege rüstig fort. Wie weit er da schon gelangt ist* darüber liefert er allmonatlich in seinem „Deutschen Schrifttum" erbauliche Proben. Von einem Literaturhistoriker verlangt man, daß er die Bücher, die er kritisiert, auch kennt, zum wenigsten den Anfang, die Mitte und das Ende gelesen hat. Weiter verlangt man von einem Literaturhistoriker, daß er einen Literaten nicht lediglich deshalb in den Dreck zieht, wenn dieser Jude von Geblüt ist. Und außerdem denkt sich jeder vernünftige Mensclf einen Literaturhistoriker soweit über die Parteien stehend, daß die politische Richtung der zu behandelnden Literaten erst an dritter Stelle eine Rolle spielt. Erst recht dann, wenn die Dichter im politischen Leben eine Null sind. Alles Selbstverständlichkeiten, aber nicht für Adolf Bartels. Adolf Bartelsist deutschvölkischer und blindwütigster - Antisemit. Und in seinem fanatischen Haß und Eifer vermutet er in jedem, der nicht wie er auf die Juden schimpft, einen Juden. Ja, einen lebenden Dichter stempelt er sogar deshalb zu einem Juden, weil mehrere seiner Bücher in einem Verlag erschienen sind, der eine jüdische Geschäftsleitung hat. Von einem anderen Dichter weiß Adolf Bartels ganz genau, daß er kein Jude ist, aber weil er sich für das bolschewistische Rußland ausgesprochen hat, macht ihn Bartels einfach zu einem Juden. In seiner „Deutschen Dichtung der Gegenwart" stempelt Bartels eine ganze Reihe bekannter und lebender Autoren aus dem Grunde zu Juden, weil ihre Arbeiten in der Kritik der „Vossischen Zeitung", des „Berliner Tageblatt" und der „Frankfurter Zeitung*' gut abgeschnitten haben. Ein namhafter Dichter der Jetztzeit, für den Bartels nach eigenem Eingeständnis immer noch etwas übrig gehabt hat, wird unter Bartels Feder plötzlich zu einem Juden, dem man nicht mehr trauen könne. Und warum? Bartels hat herausgefunden, daß er eine jüdische Großmutter gehabt hat. Einen anderen Dichter, der im Holsteinschen gebürtig ist, hält Bartels für einen Juden, weil ..sein Name nicht ebert holsteinisch klingt". Als Deutscher kommt auch Gerhart Hauptmann „kaum mehr in Betracht", denn er ist „jüdisch verheiratet". Das sagt Adolf Bartels, weiland Literaturprofessor zu Weimar. Wer in einem Gedicht oder Roman die kaiserliche Willkürherrschaft verunglimpft, die Polizeisäbel verurteilt, die Kriegsspielerei abgeschafft wissen will, ist nach Bartels kein Deutscher. Wer an einem Blatt wie der „Simplizissimus" oder das „Berliner Tageblatt" Redakteur ist oder mitarbeitet, ist Verräter am Deutschtum. National zuverlässig ist nicht mehr, wer die Weimarer Verfassung verteidigt. Ein Dichter, der in einem Gedicht („Der politische Dichter") die Republik verherrlicht hat, ist nach Bartels ein Phrasendrescher. Sonst sind seine Gedichte, wie Bartels selbst sagt, gut, aber mit seinem Republikgedicht hat er sich lächerlich gemacht und man muß ihn hinfort ableihnen. So sagt es Wienifeistens Bartels. Wer gar den 9. November 1918 gutheißt, der kann die besten Gedichte schreiben, von Adolf Bartels werden sie in1 Bausch und. Bogen verdammt. Aber wer ist denn nun bei Bartels ein bedeutender Dichter? Wer vor allen Dingen ist ein guter deutscher Dichter? Erstens: Adolf Bartels selbst. Auf sich selbst hält er .große Stücke. Ich will es mir verkneifen, auf Bartels dichterische Fähigkeiten einzugehen, daß er ein „guter Deutscher" ist, will ich ihm nach seinem vielen Geschimpfe auf alles Nichtdeutsche gerne glauben. Aber da gibt es ja noch andere genug, die nach Bartels gute deutsche Dichter sind. Ein Loblied singt er in der Septembernummer des „Deutschen Schrifttum" den kürzlich verstorbenen Philipp Stauff. Der Tote in Ehren! Aber was hat der Lebende geschrieben? Ein paar unbedeutende üediejite, wie sie jeder Schuster bei seiner Tagesarbeit im Stegreif hersagt. Weil er keinen Verleger für seine Verse fand — wer sollte auch das geschäftliche Risiko übernehmen? —- ließ er sie im Selbstverlag erscheinen. Aber Stauff war stramm deutsch völkisch, also ist er nach Bartels „ein guter ehrlicher Mensch". Das ist Stäufl auch für uns. „Die übliche deutsche Presse hat von seinem Tode keine Notiz genommen", jammert Bartels. Wenn die Presse über jeden, der stirbt und der in seinem Leben zu irgendeinem Familienfest einige Reime zusammengeschmiedet hat, einen Aufsatz bringen würde, würde man in der Zeitung nichts weiter lesen als Todesanzeigen. " Zu ihrem sechzigsten Geburtstag heimst Elisabeth Gnade das Lob des Literaturprofessors Adolf Bartels ein. Wir gönnen ihr herzlich gerne die stille Freude. Aber was hat sie geleistet? Ein paar unbedeutende Schmöker stammen aus ihrer Feder. Ich glaube kaum, daß sie jemand zu Ende gelesen hat. Viel Sorgen machen Bartels die Theater. Die Revolution hat an vielen Theaterunternehmen neue Männer an die Spitzegestellt. Und: Mit des Geschickes Mächten usv ., nach Weimar, wo Bartels seinen Wohnsitz hat, ist Ernst Hardt berufet; ■ worden. Einer, der es mit Ado^f Baricis nicht yrst m Weimar verdorben hat. Die Ankündigung der Erstaufführungen am Weimarer Staatstheater (jetzt Nationaltheaccr) für 1923—24 hat Adolf Bartels in helle Empörung versetzt. Und was is.t vorgesehen? Man lese: Peer Gynt, dramatisches Gedicht von Ibsen, Die Freier, Lustspiel von Eichendorff, Fuhrmann Henschel, Schauspiel von G. Hauptmann, Erdgeist, Tragödie von Wedekind, Bürger Schippel, Komödie von Sternheim, Frau Warrens Gewerbe, Schauspiel von Shaw, Traumspiel, Schauspiel von Strindberg, Der Häuptling, Satirspiel von Apel, Von Morgen bis Mitternacht, Schauspiel von Georg Kaiser. Und das ist undeutsch. So sagt Adolf Bartels. Es ist demnach verpönt, Ibsen, oder Strindberg auf die deutsche Bühne zu bringen. Aber auch Hauptmann und Eichendorff sind dabei. Wirklich, wenn alle so dächten, wie der Literaturhistoriker Bartels, dann wäre es mit der deutschen Kultur bald zu Ende. (Aus dem verbotenen „Pionier".) Der Untergang der deutschen Juden. Es ist mit der Wahrheit so ein heikles Ding! Man behauptet zwar stets, sie zu lieben; aber letzten Enldies hört man! sie doch nicht gern! So war es wohl auch Felix A. T h e i 1 h a b e r igelgangen mit seinem 1911 in erster Auflage erschienenen Werke: „Der Untergang der deutschen Juden." Nun kam es vor kuTizem neu durchgearbeitet uin'd! ergänzt noch einmal heraus!*) Von dem, was er damals gesagt hat, kann1 er nichts zurücknehmen, unld wir stehen erschüttert vor diesem' Bilde, das er enitrollt. Mit Schrecken erkennen wir, was 100 Jahre Emanzipation aus den deutsch ein) Judiem gemacht haben! Die Angliederung an die sexuellen Gewohnheiten der Umwelt, die zunehmewde! Ehelosigkeit, die Beschränkung der Ge!burten richten1 die größten Verheerungen an und unaufhaltsam eilt das deutsche Judentum dem Untergang zu, wäre wohl längst zugrunde gegangen, würde es nicht immer wiiedler aus den großen Reservoiren dies Ostens gespeist. Ein gewaltiges, gut nachprüfbares Zahlemmaterial ist in diesem Buche angehäuft, und wenn mau auch an die Natur der Statistik mit dlem größten Mißtrauen entgegentritt, hier hat man doch das Gefühl, Wahrheit zu hören. Müssen wir nun verzweifelnd die Hände in den Schoß lejgen? Durchaus wicht! Die deutschen Juden sind' nicht die Juden überhaupt. Wir können es uns nicht versagen, dbn prachtvollen! Schluß des Buches hieherzusetzen, 'dleim wir aus vollem! Herzen zustimmen. „Jenseits dbr deutschen Grenze vollzieht sich in umgekelhrtärn Maßstab der Neuaufbau eines j ü d 1 s c h -e n P a 1 ä s t i n a und löst so das Wort 'des Propheten Jesaias ein: ,,Und wenn auch nur ein Zehntel bliebe: wie eine Eiche oder eine Terebinthe., wenn sie das Laub abgeworfen, doch dien Schein behält: so wird auch der heilige *) Jüdischer Verlag, Berlin. .