Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 10 (7.3.1924)
- Date
- 1924-03-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 10 fälligen Dienste anrechnen!, daß idi mich der verbotenen unreinen Speisen enthalten habe, die mir schon von Jugend auf zuwider waren? Oder sollte ich es Frömmigkeit nennen, daß ich mich dreimal des Tages mit dem Gesichte nach Jerusalem gerichtet haibe? Sollte nicht lieber das ganze Leben ein Gebet und die ganze Erde ein Jerusalem werden, auf daß unser Dasein dem Herrn geweihet und wir Gott weniger in Worten als in guten Taten dienen? Wenn das allein meine frommen Handlungen sind, die ich im Leben geübt, wie werde ich vor dem Weltenrichter bestehen könnein?" Da öffnete sich die Tür und herein trat unaufgehalten ein Weib mit mehreren Kindern, sie kniete am Sterbebette H i 11 e 1 s und weinte, jammerte unaufhörlich. „0 Hilel! Du willst sterben? Du edler "Mensch, Engel auf Erden! O, wer wird sich meiner armen Kinder annehmen? Du warst es ja, der mich schon zehn Jahre hindurch mit allem1 versehen und versorgt, nm^das Leben zu fristen. Du hast für unseren Leib und für unsere Seele gesorgt. O bleib bei un's, hoher Rabbi, «bleib bei uns! Ich flehe Dich an, im Namen von hundert Witwen und4 Waisen, die Du gespeist und gekleidet hast, verlasse die; Erde nicht, damit nicht mehr Tränen fließensollen!" Lächelnd sah Hillel das Weib an imd zeigte nach oben: „Droben wohnt der Berater und Helfer der Witwen^ umi Waisen, oessen Bote auf Erden ich war." Kaum hatte dieses Weib mit den Kindern das Zimmer verlassen, so verlangten zwei vor der Tür harrende ehrbare Greise Einlaß, um noch einmal Hillel vor seinem Scheiden zu sehen. Mit Hilfe von wohltätigen Unterstützungen wurden diese zwei Greise von Hillel aus bedrängter Lage gerettet. Hillel hatte zur Wohlfahrt dieser Männer den Grundstein gelegt. Sie wollten noch einmal diesen Engel Gottes seihen, ehe er zu den Engeln im Himmel abberufen werde. Der sterbende Hillel wendete sich zu einem seiner Jünger, dien er am innigsten liebte — er hieß Asaria — und sprach zu ihm: „Erinnerst Du Dreh des heidnischen Jünglings, der sieh vor vielen Jahren zu dem Gotte Israels bekehrte?" „Wie sollte ich mich dessen nicht erinnern," saigfte Asaria, „da mir die Worte, die Du sagtest, nie aus meiner Seele kommen werden!" „Und was sagte ich ihm?" fragte Hillel. „Du sagtest ihm feierlichst: Wohltun und Liebe bringt Segen! Diese. Regel, mein Sohn, beachte: auf diesem Fundament beruht die ganze Gotteslehre, die Thora Moses und der Propheten, sowohl das mündliche als auch das schriftliche Gesetz. Nach dieser einen Lehre und Regel lebe und Du darfst Dich zu den wahren, echten Söhnen Ls r a e 1 s zählen und der Seligkeit gewiß sein." „Sagte ich so?" fragte Hillel, und seine Augen glänzten wie der Glanz des Himmels, und die Tränen, die er weinte, waren Tränen der Freude. „Nun wird es mir nicht fehlen an sicheren Begleitern," sprach Hillel, „die meine Fürsprecher sein werden am Throne Gottes. Liebe, um Liebe habe ich ihm gegeben, denn ich habe die Menschen geliebt, weil ich Gott liebt e." So sprach der weise sanftmütige Hillel in seiner Sterbestunde und sein Geist schwang sich empor zu Gott, der nur Liebe zwischen den Menschen will, doch niemals Haß auf Erden, ist doch die Erde ein Gemeingut alier Menschen hiernieden. Möge dies unseren Hassern zur Lehre dienen! Literaturprofessor Adolf Bartels. Von Ernst. Wilh. Neumann. Wer Adolf Bartels ist, werden die meisten Leser wissen. Als Literat und Historiker hat er eine immerhin beachtens^ werte Arbeit geleistet, und wenn wir uns gegen ihn wenden, so geschieht es nicht seines literarischen Schaffens wegen. Was wir an ihn verurteilen, das ist die jedem Gerechtigkeitsempfinden hohnsprechende! Art, über Dichter und Schriftsteller und ihre Leistungen zu urteilen. Adolf Bartels hat schon vor dem Kriege Erbauliches auf diesem Gebiete geaussehen mag, ist schon dadurch gekennzeichnet, daß die meisten auf milde Gaben angewiesen sind. Und doch sind sie noch immer die Beneidenswerteren gegenüber denjenigen, die zurückgeblieben oder zurückgekehrt sind und als lebendig Begrabene den Tod herbeisehnen. Das Elendsbild iin seinen erschütterndsten Farben entrollte sich erst vor mir, als ich mich entschloß, in einige Schützengrabenwohnungen hinunterzusteigen und mir das Innere dieser Erdhöhlen anzusehen. In jedem Loche fast dasselbe Mobilar: ein Bund verfaultes Stroh als Schlafstätte, einige alte Fetzen als „Kleidung", eine Unschlittkerze, das Tageslicht ersetzend und am Eingang die Mesusah. In einigen Gräben sah ich noch das verwischte Bild des alten Franz Josef als Erinnerung an die „Große Zeit"..... Wenn die Tatsache allein genügen sollte, daß Menschen, die sich bewegen und von Zeit zu Zeit einen schwarzen Krumen Brot verschlingen, lebende Wesen sind, dann zählen die Höhlenbewohner meiner Heimatsgemeinde wohl noch zu den Lebenden, in Wahrheit aber sehen sie alle wie stumme, herumirrende Schatten aus, mit Blicken, die schon längst abgestorben, Wünschen, die mur auf 'das eime Ziel konzentriert sind, endlich einmal zu jenen Glücklichen zählen zu dürfen, die ebenfalls in Gräbern wohnen, aber nicht mehr hungern und frieren müssen..... Infolge der vollständigen Resignation der Unglücklichen war es mir gänzlich unmöglich, auch nur einige Worte aus ihnen herauszubekommen. Alle, selbst kleine Kinder, glotzten mich an. Der Kriegsschrecken scheint noch immer aus ihrem Herzen nicht ganz entschwunden zu sein und die Angst vor einem fremden Menschen ist ungemein groß. Da der Anblick eines solchen Milieus selbst den gesündesten Nerven unmöglich ist, bat ich den Totengräber, der es als Selbstverständlichkeit auffaßte, daß das Ziel meiner Herkunft der Gräberbesuch sei und der demzufolge keine Minute von meiner Seite wich, er möge mich zum Friedhof führen. Sehr leicht war der Weg dorthin nicht. Noch vom Kriege zurückgelassene Stacheldrähte liegen auf jeden Schritt herum. „Siehst Du, Josef", sprach mein Begleiter, „hier hat die .Schül' gestanden und dort einige Schritte weiter die Czortkower Klaus und auf dieser Seite das Beth-Hamidrasch. Alles an einem Tage von den Russen zerstört und auch die Thorarollen verbrannt. Und da gerade bei der Brücke ist Dein Schwesterkind, der stumme Jossei, auf der Flucht niedergefallen und gleich verschieden. Wir konnten ihn nicht begraben, wir liefen weiter, weil die Gewehrkugeln wie ein Schlackenregen nur so niedergingen und mußten ihn hier liegen lassen. Und dort war Dein „Cheder", wo Du in Deiner Kindheit gelernt hast; der Rebbe erschlagen, das Cheder angezündet und die jungen Kinder zum Ausheben von Schützengräben mitgescheppt, wo siezum großen Teil von Feindeskugeln niedergemäht wurden." Die schauderhaften Schilderungen meines Begleiters trugen nicht wenig dazu bei, mein Herz, das von dem bereits Geschauten voll war, noch mehr mit Schmerz zu erfüllen, so daß ich, als wir am Friedhof anlangten und ich zu den Gräbern meiner Lieben geführt wurde, die zwei kalten Steine mit meiner ganzen Kraft umfaßte und mit meinen Tränen benetzte, die nicht nur allein den Toten, sondern noch viel mehr den lebendig Begraherien galten. (Fortsetzung folgt.)