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Die Wahrheit · 1924-03-07 · Heft 10 (7.3.1924) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 10 (7.3.1924)
Date
1924-03-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 2 DIE WAHRHEIT Nr. TO hoher Reaktion, aus dem Lande der Dichter und Dinker emgeschmiujg<gelt wurden^, frei macheni Der Kulturgrad jedes Volkes wind daran gemessen, wie es die Menschenrechte, das Recht, das mit Wils geboren, aus der Theorie in die Praxis umsetzend handhabt. Man* spricht von Oesterreich als dem Hochsitz uralter deutscher Kultur. Wir dürfen uns also dieses Rufes nicht leichtfertig begeben; »licht aui eine Stufe mit Polen, Magyaren, Ukrainern stehen. Oder auch eigentlich mit den Neugermanen, die 'gegenwärtig atavistische Rückfälle durchmachen, d. Die Sterbestunde Rabbi Hillels. Von Albert Low. Rabbi H H1 el, dier große Volks- und Gesetzeslehrer, geboren zu Babylon, war ein Sproß aus der königlichen Familie Davids undi zog von seinem Geburtsorte nach Palästina, um zu lehrieo unld zu lernen, begründete eine jüdische Hochschule B e t h- Iii 11 e 1. Ein Mann von 'großem Ansehen, hervorragend durch hohes Wissen, besonderen Sanftmut und Milde, ausgezeichnet durch Wohltätigkeits-. sinn, war er 40 Jahre Vorsitzender dies Synhetdrfion. Hillels weise Lehren wurden weltbekannt, Friedfertigkeit war seine Haupttugensd. H i 11 e 1 war das Gegenstück seinem Nachfolgers im Synhedrion, des strengen Lehrers Schani e i; welcher einer altkonservativen Richtung angehörte. Die weisen Sprüche Hillels waren: „Sondere dich nicht von der Gemeinde, halte dich nicht zuverlässig bis zum Tag deinies Todes, verurteile nicht deinen Nebentnensehen., bis diu dich in seiner Lage befinidest." A b o t h, Kapitel 2, Vers 5. „Sei von den Schülern Äharon s, liebe den Frieden und eile ihm nach, liebe diie Menschen und führe sie der Lehre zu." Aboth, Kapitel l^Vers 12. Es gab keine Sprache, die er nicht erlernte, seine Weisheit besaß Weltenruf. H i 11 e 1 vereinigte profanes Wissen mit dem religiösen Wissen^ er wurde als Vorsitzer im Synhedrion' auch der Nassi, der Fürst genannt. Gleich dem (großen Gelehrten unld! Schrift- Schreiber E s r a arbeitete Hille!1 an der Wiederherstellung des jüdischen Gesetzes,, arbeitete jedoch an einem Ausgleich desselben, ohne' mit dem Gesetze zu brechen. Hillel erreichte das 80. Lebensjahr, und segensreich war sein Wirken und Scharfen im Leben. Hillel erkrankte., ahnte sein Sterben. Die Schüler und Jünger umstanideni das Krankenbett ihres Lehrers und Meislters Tag unsd Nacht. „Ich werde sterben* •euch bald verlassen", er weinte und heiße Tränen unterbrachen seine Worte. „Meister, warum weinst Du? Hast Du niicht Tag und Nacht das Gesetz erforscht? Hast Du nicht Gotteslehre verbreitet? Waren die Sabbat've u'.d1 Festtage des Herrn Dir nicht heilig? Hat Deine Hand je unreine Speisen berührt? Hast Du nicht wie einst D an i e 1 dreimal des Tages gebetet mit dem Angesicht gegen Jerusalem?" Diese Fragen richteten diie Jünger an Hillel. Hille! antwortete: „Mit der Sterbezeit am Sterbelager erscheinen uns auch die besten Handlungen in reinem heilen Lichte', wie wir säe in unserer Lebenszeit geschaut. In der Todesnähe sieht der Geist klarer und richtiger urteilt dier Verstand. Das Herz ist nicht parteiisch eingenommen für die eigene Meinung und Gesinnung. Wohl habe ich in »dieni Lehren Gottes fleißig geforscht. Habe ich aber meinen Mitmenschen dadurch genützt? Wohl waren'die Tage des Herrn mir helilig; aber wer vermag mir zu sagen, ob ich nicht Wichtigeres und Heilsameres versäumt und vernachlässigt habe? Soll ich es mir zu einem gottge- Feuilleton iwi Von Wien nach Bukarest. Ernste und heitere Reiserlebnisse von Josef Grob. (Fortsetzung.) VIL Lebendig begraben. Eine halbe Stunde Bahnfahrt von Stanislau liegt das Städtchen meiner Geburt. Es war selbstverständlich, daß ich, als ich in Stanislau war, auch die Stätte, an der meine teuren Toten ruhen, aufsuchte. Und so beschloß ich, diesen, schon seit Dezennien für mich zur heißesten Sehnsucht gewordenen Leidensweg zu betreten. Bolzsowce, ruft der Schaffner aus, und ich setze nach vielen Jahren wieder meinen Fuß auf diesen Boden, der in meiner Kindheit für mich die ganze Welt bedeutete. Eine kleine, aus alten Brettern gezimmerte Hütte ersetzt den einstigen Bahnhof. Allein, in Gedanken vertieft, schritt ich zu Fuß dem Orte zu, den ich nie vergessen hatte. Eine Gestalt, die einer Erdhöhle entstieg, brachte mir zu Bewußtsein, daß ich mich bereits in meinem Geburtsstädtchen befinde. Dasselbe jedoch zu erkennen, war mir schon deshalb nicht möglich, weil es infolge der während des Krieges dort stattgefundenen furchtbaren Kämpfe zur Gänze zusammengeschossen wurde. Nur die abseits des Städtchens auf einem Berghügel stehende katholische Kirche ist übriggeblieben, sonst ist alles, alles, die „Schür, das Beth-Hamidrasch, die Volksschule, die Post und alle anderen Gebäude bis zur kleinsten Bauernhütte von der Erdoberfläche verschwunden, und auch das Haus, in dem ich vor vier Dezennien das Licht der Welt erblickte, ist nicht mehr da. Ich stehe auf dem leeren Platze auf diesem Orte, wo ich von meiner guten Mutter mit frommen Liedern in der alten Wiege zum Schlummer eingesungen wurde, schaue mich um und finde nirgends ein Zeichen, wodurch man annehmen könnte, hier gäbe es lebende Einwohner. Im Bewußtsein, daß hier doch öinst ein jüdischer Jischuw, ein kleines Judenstädtchen gewesen, kommt mir vor, als wenn der ganze Ort mit einem Male von der Erde verschlungen und in einen Friedhof verwandelt wurde. Es dauert jedoch nicht lange und von da und dort krochen Gestalten aus dem Erdboden heraus, so daß durch das jedesmalige Auftauchen eines lebenden Menschen aus den verschiedenen Teilen der Erde, auf der einst mein Geburtsstädtchen stand, ich zu sehen vermeinte, wie meine Heimatsgemeinde „Tchias Hamesim", die. Auferstehung begeht..... So haben Menschen, Menschen, die noch schlagende Herzen besitzen, deren Sinne leben, deren Glieder sich bewegen und deren Sehkraft noch nicht ganz erloschen ist, noch nie gewohnt. Die vom Kriege zurückgebliebenen Schützengräben bilden die Wohnstätten der noch übriggebliebenen Ortsbevölkerung. Die meisten sind in den ersten Kriegsjahren den Cholera- und Typhuskrankheiten zum Opfer gefallen, einem Teil ist es gelungen, in Wien, auf dem Allerheiligenplatz in engen, finsteren und schmutzigen Kleinwohnungen ihre durch den Krieg zerstörte Existenz wieder aufzubauen. Wie diese

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