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Die Wahrheit · 1924-03-07 · Heft 10 (7.3.1924) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 10 (7.3.1924)
Date
1924-03-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Deatschösterreichlsche Wochenschrift ihr ionische Interessen MM dem Beiblatt: Veröffentlichungen der „Union denfschösterrelchlscher Juden Redaktion und Administration: Wien II.» HelnesirciAe 13. - Fernruf 42-2-16 XL. Jahrgang Wien, 7. März 1924 Nummer 10 Die drei Ringe des Antisemismns. Wenn man Deutschnationale, Völkische und Christiiensozkiie hört — im Deutschen Reich nennen sie .sicn ZentFinmsieiite — dann hat jeide dieser Gruppen ein Rezept zur Niederkämpfung der Juden. Lieber deren btaats- und Volksgefährlichkeit sind sie im Prinzip klar, nur betreffs der Methoden gehen die Meinungen auseinander und jede Partei halt die ihrige für unfehlbar richtig, genau wie die drei Ringbesitzer in der Lessingschen Legende. Da sie nun sich nicht einigen können, bekämpfen sie sich untereinander fast grimmiger als den gemeinsamen „Feind1'. Die Deutschvölkischen sind bekanntlich für die schärfste Tonart und Anwendung der äußersten Mittel. Es kommt ihnen gelegentlich auf ein Pogrömchen nicht an: Solcher Jammer des Getrenntmarschierens und Vereintschlagens wurmt einen biederen Antisemiten, der seinem Kummer in einem Brief aus München 'am die „Eisernen Blätteru Luit macht. „W ollen Sie gütigst nie vergessen, daß die Antisemiten in erster Linie die Deutschnationalen bekämpfe n," erinnert der Schreiber und später „kaum man sich vorstellen, daß die Männer, die vor annähernd hundert Jahren den Reformationskampt vorbereiteten, Blücher, Fichte, Arndt, K ö rner, Schenkendorf, Schleie r mache r, zuerst den Haß gegen den eigenen Mitbürger schürten, der auf unseren Schlachtfeldern geblutet hat, der unsere Sprache spricht, der unsere Steuern zahlt? Die Frage auf werfen, heißt sie verneine n". Wie ist uns denn? Glaubt man nicht eine führende Persönlichkeit des „Central-Veremes" oder unserer Union1 zu vernehmen? Es scheint doch in den Köpfen maßgebender deutscher Christen zu dämmern, es scheint doch der Gedanke sich durchzuringen, daß die Einheitsfront vor allem gegen den äußeren Feind hergestellt werden müsse wie im Befreiungsjahr 1813; Hoffen wir, daß diese Erkenntnis am Ende doch Gemeingut der hartgeprüften Deutschen werde. Dann werden die Ringfälscher des Antisemitismus ihr anrüchiges Gewerbe bald aufgeben müssen. Der Eintritt dieses Wandels ist zunächst für Deutschland gedacht. Sollten wir glauben, daß auchin diesem Blelange Oesterreich um eine Idee zurückbleiben werde? Auch hier gibt es ein wonlsortiertes Lager von Antisemiten. Fraktionen und Fraktionellen aller Schattierungen. Deutlich unterscheidbar sind gleichwohl nationale, völkische und christlichsoziale. Letztere gelten als die regierungsfähigen lind haben bereits viel Wasser in den Jerzabekschen Fusel gegossen. Gleichwohl ist ihr „akademischer" Judenhaß nicht unbedenklich, denn ihnen eignet die höhere Intelligenz und größere Selbstbeherrschung. Sie überlassen die grobe Arbeit und die Verantwortung für solche den strammen Ariern, dien Reinrassigen, hauptsächlich den Hakenkreuzlern, die ihren alten Parteibrüdern im Reich alle Ehre — man verzeihe das harte Wort — machen wollen. Bei ernstem Wollen und redlichem Streben fiele es den österreichischen Ministrablen nicht schwer, Uebergriffe und Ausschreitungen im Keime zu ersticken, hat doch der Begründer und Meister des österreichischen Antisemitismus, Dr. Karl Lueger, seine „Fanghumde4' des öfteren an die Kette gelegt wenn sie es zu bunt trieben, zu laut kläfften oder gar gefährlich beißen wollten. Und damals bestand dafür keine staatliche Nötigung, damals war die alte Monarchie durch kein St.-Germainer Diktat zum Minoritätenschutz gezwungen. Auch war die demokratische Republik, die wirkliche Gleichstellung ailer Staatsbürger kein Trumpf dler ReÄrangsiorrn. Es scheint aber, daß im heutigen Oesterreich wie im ehemaligen das Gesetz nicht so viel gilt wie der Verwaltungsweg. Dieser Ist sogar zurzeit versumpfter denn je, wie schon die Entartung der Rechtspflege erkennen läßt. Der leitende Staatsgedanke droht im Parteiengetriebe zu versinken. Antisemitismus, gemildert durch Gemütlichkeit, ist ein verwerfliches Prinzip. Die österreichischen Staatsmänner oder was eine solche Marke trägt, haben aus der Geschichte nichts gelernt Auch Frankreich hatte in den Achtzigerjahren seinen Antisemitismus, seinen Boulanger, Rochefort, Deroulede. Aber angesichts der großen Zielbewußtheit gegenüber der germanischen Gefahr wurde diese Fahne eingerollt. Frankreich stellte seine Judenieindschaft, seinen Englandhaß zurück und hat seine Aufgabe restlos gelöst. Der Antisemitismus ist nicht nur nach dem denkwürdigen Ausspruch des Kaiser Friedrichs die Schmach des Jahrhunderts, sondern seine größte Dummheit, sein ärgster Mißgriff. Das haben alle Kulturstaaten begriffen^ Möge sich das alte Verhängnis unseres Vaterlandes, das folgenschwere „Zu spät!" nicht abermals erfüllen. Wir erwarten und erhoffen keineswegs, daß' der so notwendige Wandel, die Bekehrung der Massen», sofort in Erscheinung trete. So wendig die geistige Epidemie des Antisemitismus in ihrer ganzen Heftigkeit plötzlich hervorgetreten, so wenig kann sie naturgemäß sofort verschwinden. Die Regierenden dürfen sich aber keim Versäumnis zuschulden kommen lassen* müssen sich vor allem gegen die Keimzellen der Seuche, die vom alten Ursitz jeg-

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