Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 9 (29.2.1924)
- Date
- 1924-02-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Zur Saison! Reiche Auswahl neuester Pelzmodelle in sämtl. Pelzarten - Pariser u. Wiener Geschmack vereint - erzeugt nur in eigenen Werkstätten, unter pers. Leitung des bestrenommierten Inhabers der Firma Praterstr. 9-11 Gr.Mobreiig.2-B Ein Prophet. Der deutschnationale sächsische Laudtagsabgeordnete Leithold hat sich mit seinen Parteigenossen überworfen und den Verband verlassen, weil dieser Leithold die „Neujahrsbotschaft" an die Wähler gar*zu dumm fand. In dieser Kundgebung wird gesagt: „So prophezeie ich dem deutschen Volke, daß innerhalb der nächsten dreißig Jahre die Reformation der lutherischen Religion durchgeführt sein muß. Diese Reformation wird das bedeutendste Werk deutscher Geschichte, das zwischen Christi Geburt und dem Jahre 2000 liegt. Die Reformation der lutherischen Religion wird den Untergang der katholischen Kirche, den Untergang der sozialistischen Weltanschauung und die Vertreibung der Juden mit sich bringen. Heraus, ihr Helden des Maules und der Feder, es gibt ein edles Turnier in der Arena deutscher Redekunst. Es geht um die Seele des deutscheu Volkes! Die Vernichtung des alle Kultur zerstörenden .Judentums ist nur auf dem Boden einer vollständig neuen Religion möglich. Laßt uns die Lanzen senken!" Eine republikanische Partei in Deutschland. In Deutschland hat sich jetzt eine „republikanische Partei" gebildet, die sich bereits an den nächsten Wahlen beteiligen und überall dort selbständige Listen aufstellen will, wo durch die Kandidaten der übrigen Parteien die Einhaltung einer entschiedenen demokratisch-repubikanischen Politik nicht gewährleistet erscheint. In ihrem Programm legt sie ein entschiedenes Bekenntnis zur nationalen, demokratischen, sozialen Republik ab. tritt ein für die deutsche Einheit, für eine aktive bewußte Außenpolitik, deren nächstes Ziel die Befreiung des deutschen Bodens ist, für die Schaffung einer Volksmiliz an Stelle der Reichswehr, und insbesondere für die Festigung einer mächtigen zentralen Autorität, die den immer stärker anwachsenden Imperialismus der Industrietrusts niederzuringen imstande ist und es nicht wieder zulassen wird, daß ein Reichsverband der deutschen Industrie dem Staate Vorschriften macht und Bedingungen vorschreibt. Ferner fordert sie eine gründliche Auffrischung des Reichstages, der neue und bessere Männer, der Persönlichkeiten brauche. Der vorbereitende Ausschuß hat die bekanntesten Persönlichkeiten der demokratischen Partei, des Zentrums und der Sozialdemokratie zum Beitritt aufgefordert; allerdings scheint bis jetzt kein prominentes Mitglied dieser Parteien dem Rufe gefolgt zu sein. Was in Deutschland als Landesverrat gilt. Nach einer Meldung des „Berliner Tagblattes" aus Stuttgart hat der R e i c h s a n w a 11 dem württembergischen Landtag um Genehmigung der Strafverfolgung des sozialdemokratischen LandtcgsabgeordueteTi S t'p i n m ayer wegen Landesverrates ersucht. Steinmayer hatte seinerzeit reiches Material über die geheimen Umtriebe der Nationalsozialisten in Württemberg gesammelt und der Regierung zur Kenntnis gebracht; da aber diese nicht darauf reagierte, veröffentlichte er im September vorigen Jahres in der „Schwab ischen T a g w a c h t"» Material über die Selbstschutz- Organisationen. Diese Veröffentlichungen scheinen die Strafverfolgung veranlaßt zu haben. Einsteins Vertreibung aus Deutschland. Einstein hat sich, infolge der zahlreichen Drohbriefe, die er von Seiten der Deutschvölkischen erhielt, veranlaßt gesehen, seinen Wohnsitz von Deutschand nach Holland zu verlegen. Und man hat ihn ruhig ziehen lassen. Wenigstens verlautete in der Presse nichts davon, daß die strengsten Untersuchungen eingeleitet worden wären, um die Schreiber der Episteln zu ermitteln, in denen Einstein die Ermordung angekündigt wurde. Energische Maßnahmen, durch die dafür gesorgt würde, daß ein Einstein seines Lebens , in Deutschland sicher sein kann, dazu findet man, eben trotz des Ausnahmszustandes, keine Hand- . habe. Hat man kein Gefühl für die unermeßliche Schande, die in der Notwendigkeit der Flucht Einsteins aus Deutschland zum Ausdruck kommt? Dieses tieftraurige und zugleich im höchsten Maße symptomatische Ereignis müßte in Deutschland einen Sturm der Erregung erwecken, der nicht eher zur Beruhigung gelaugt, als bis für Einstein so unzweifelhafte Sicherheit geschaffen wird, daß er sich zur Rückkehr entschließen kann. Was ist aus dem Deutschlands Kants und Goethes geworden, wenn es die für Deutschlands Ruf Verantwortlichen völlig unbewegt läßt, daß Einstein im Ausland ein Asyl suchen muß, während diejenigen, auf deren Geheiß ihm die Ermordung angedroht wurde, sich unbehelligt der Sonne der Heimat erfreuen dürfen. Ludendorff - Schwärmerei in Wahnfried. R i c h a r d Wagner hat bekanntlich anno 1848 an der Seite Bakunins die Revolution mitgemacht — wofür er jahrelang im Exil zubringen mußte. Man kann ihn wegen seintr späteren Beziehungen zu Ludwig II. vou Bayern nicht den Vorwurf schmählichen Renegatentums machen, denn in diesen Beziehungen, die ja auch fast ausschließlich künstlerischer Herkunft waren, war der König der Dienend e. Richard Wagners Nachkommenschaft im historischen Hause ..Wahnfried" zu Bayreuth ist zeitgemäß eingeschwenkt. Der (englische) Schwiegersohn Houston Stewart Ciiamberlain hat mit seiner alldeutscher. Kriegshetze Unheil genug angerichtet, wofür ihn Wilhelm II. ordnungsgemäß mit dem Eisernen Kreuz behing. Jetzt zeigt sich, daß auch in Siegfried W a g n e r s Familie der deutschvölkische Wahn alles andere als Frieden stiftet. Aus einem Briefe, den seine Gattin an Ludendorff nach München schickte, konfiszierte Kahrs polizeiliche Postüberwachung die Summe von 100 Dollar — ein ganz hübscher Beitrag für die Verschwörerpolitik der Münchener Korona. Sollte man im Hause „\Vahnfried" neuerdings den Erfolg, der dem schwächlichen Sohn Richard Wagners auf dem heiß umworbenen Gebiete der Musik versagt blieb, auf dem Gebiet der Putsch- Politik suchen? Polnische Kultur. In der polnischen Armee, in welcher die Juden 40 Prozent ausmachen, werden die Juden gepeinigt und in ihrer Ehre in unerhörter Weise gekränkt. Der Kriegsminister selber empfiehlt den Boykott der jüdischen Lieferanten. Die Austrittsbewegung aus den Religionsgenossenschaften. Der Magistrat veröffentlich die in den letzten neun Monaten des Jahres 1923 angemeldeten Konfessionsänderungen. Insgesamt haben 23.205 Personen den Austritt aus Religionsgenossenschaften angemeldet, eine Zahl, die in vergangenen Jahren niemals auch nur annähernd erreicht worden ist. Hiervon waren 13.299 Männer und 9906 Frauen. Der weitaus größte Teil davon entfällt auf die katholische Kirche. 20.793 Austritten stehen nur 542 Eintritte gegenüber, so daß ein Gesamtabfall von 20.251 Katholiken resultiert. Ein absolutes Minus ergibt sich auch bei den Jude n durch 957 Austritte und 183 Eintritte. Hingegen haben die beiden evangelischen Bekenntnisse einen Zuwachs erlangt, der bei dem A u g s b u r g e r Bekenntn i s 923 Personen, beim Helvetischen Bekenntnis 69 Personen umfaßt. Das Gleiche gut für die Altkatholiken, die wohl 273 Austrittsfälle, hingegen aber 1503 Eintrittsfälle zu verzeichnen haben. De,r weitaus größte Teil aller jener aber, die den Austritt aus einer Religionsgemeinschaft abmeldeten, wurde konfessionslos. Ihre Zahl beträgt "in den ersten drei Quartalen des verflossenen Jahres 18.835. Davon 11.34S Männer und 7487 Frauen. Bemerkenswert ist, daß auch sehr bejahrte Personen sich zu diesem Schritte entschlossen haben, sind doch 92 von den Ausgetretenen bereits über 70 Jahre alt. Der neue belgische Landesrabbiner. Der vor kurzem zum Grand-Rabbin von Belgien ernannte Ernst Ginsburger war bisher Oberrabbiner der Stadt Genf. Neben Lucien Wolf hat er sich als Vertreter der A11 i a n c e I s r a e 1 i t e Universelle beim Völkerbund hervorgetan. Er ist auch als Historiker der Juden Genfs bekannt geworden. JAC MAYER Kleider-, Pelzeu, Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detail verkauf: Wien 11., Glockengasse 24 Wien II., TaboFSlraße 44