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Die Wahrheit · 1924-02-28 · Heft 9 (29.2.1924) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 9 (29.2.1924)
Date
1924-02-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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die Juden verstanden, obwohl die armen Opfer, welche im Walde von Orgoväny hingeschlachtet wurden und die in den Kellern der Budapester Kasernen unter fürchterlichen1 Martern ihr Leben verröchelten, obwohl die armen Dorfjudem von Izsäk gewiß keine Ahnungvon dem Begjiffe und Wesen der Freimaurerei hatten. Die Armee des weißen Terrors wurde ausgebaut und! mit einem ungeheuren Aufwände zu* einem Werkzeug chauvenistischer Revokationen ausgestaltet. Das Regime Horthy, das sich auf eine zügellese Soldateska stützte, verschlang ungeheure Summen. Die Schreckensherrschaft lähmte Handel und Wandel, und das gottgesegnete Ungarn vensank in bitterste Not« In Budapest aber feierte die parlamentarische Garde Nikolaus Horthys finanzielle Orgien. Minister und Abgeordnete spielten an deri Börse und nützten die durch die Inflation erzielte Steigerung der Effektenkurse zu schmählicher Bereicherung an der Not des Vaterlandes aus. So kam mit Naturnotwendigkeit der Tag des Zusammenbruches heran, an welchem die Gewaltherrschaft Horthys und seiner ihm blind ergebenen Regierung vor der Unmöglichkeit stand, die finanziellen Schwierigkeiten zu überwinden. Wohl erläßt Graf Bethlen nach dem Sturze seines Finanzministers zwei Notverordnungen, deren erste eine nebulose und in keiner Weise fundierte „Sparkrone" einführt, während die zweite einfach eine Beraubung des mobilen Kapitals durch die Wegnahme einer fünfzehnfachen Vermögenssteuer bildet, -wohl will er der Finanznot dmrch Diktat und Gewalt Herr werden, aber umso schneller nur wird diese sonderbare Goldmacherkunst in den Abgrund versinken. Man kann Recht und Gesetz beugen, Menschen erwürgen und ertränken, man kann aber nicht die Gesetze aus der Welt schaffen, nach welchen sich die wirtschaftliche Entwicklung eines vom Weltverkehr abhängigen Landes regeln muß. Der Untergang Horthys und seiner Beil- und Bannerträger ist nur noch die Frage einer kurzen Zeitspanne. Dieser Mensch hat sein Vaterland in Ströme xon Blut" getaucht und hat Hekatomben unschuldiger und für <lias wirtschaftliche Gedeihen des Landes nützlicher Menschen hinschlachten lassen. Mag sich sein Regime durch die Gewährung einer Völkerbundanleihe noch kurze Zeit behaupten, sein Sturz ist doch in naher Frist unabwendbar. Aber sein Fall wird keine ausreichende Sühne für die entsetzlichen Verbrechen sein; die durch ihm und unter ihm begangen worden sind.__ — sch —: An unsere p. t. Mitglieder! Eine große Anzahl unserer Mitglieder befindet sich noch { mit der Zahlung des Jahresbeitrages pro 1924 im Rückstände. Da die Einhebung der "Beiträge durch Kassenboten mit außerordentlichen materiellen Opfer für die „Union" verbunden ist, richten wir an jene Herren, welche bisher ihre Beiträge noch nicht eingezahlt haben, neuerdings die dringende Bitte, dies mittelst des in ihren Händen befindlichen Posterlagscheines ungesäumt durchführen zu wollen, da wir «onst genötigt sind, das Inkasso auf die schon erwähnte kostspielige Art besorgen zu lassen. Wir machen ausdrücklich darauf aufmerksam, daß nach den statutarischen Bestimmungen die Verpflichtung zur Zahlung des Jahresbeitrages nur dann erlischt, wenn das betreffende Mitglied sich noch vor Beginn des laufenden Vereinsjahres abgemeldet hat. |j Wahrheiten vorn Tage Die Politik des Kurses. Nicht zu , verwechseln mit dem Kurs der Politik, der je nachdem von rechts nach links oder umgekehrt wechseln kann. Die Politik des Kurses hingegen wird von valutarischen Gründen beeinflußt. Sie macht jede Unabhängigkeit illusorisch und wird von den Ereignissen befohlen. Wir Oesterreicher wissen davon ein Lied zu singen. Was mußten wir nicht alles über uns ergehen lassen, opfern und bewilligen, um die Sanierungskredite zu erlangen, aus denen sich die Stabilisierung der fast nullifizierten Krone ergab. Jeder Gauch von Kleinstaat glaubte sich an dem armen Oesterreich die Schuhe putzen zu dürfen. Es ist noch nicht so lange her, da erklärte der ungarische Finanzminister Hegedüs, er betrachte es als seinen Lebenszweck, die Österreichische Krone „himunterzuohrfeiigen". Damals war eben Ungarn Liebkind bei einem Teile der Ententemächte, wurde von diesen gestützt und gefördert, so daß die Hinunterohrfeigung der österreichischen Krone an ihrer Hilflosigkeit keinen Widerstand fand. Es gibt aber auch eine vaiutarisohe Gerechtigkeit Heute bemerkt man, daß auch die Horthy-Krone, und zwar tiefer als der jetzige Stand der östereichischen ist, hinuntergeohrfeigt ist, nur mit dem Unterschied, daß sich zur Hilfeleistung keine Hand regt, kein Auslandsherz bewegen läßt. Ueber das Ungartum der Erwachenden ist nämlich die Wahrheit bekannt geworden und als Gradmesser des Vertrauens, der Ssmpathie in anderen Staaten erscheint immer der so nüchterne Wechselkurs. Ungarn erscheint inmitten des demokratischen Europa als Atavismus, mit dem der Völkerbund oder die Völkerfamilie dieses Erdteils nichts zu schaffen haben will. Man darf auch hier als Ausgangspunkt der Politik des Kurses den Regierungs- und Systemwechsel in England betrachten. Sehen wir von dem unberechenbaren Rußland ab, so haben der Reihe nach Oesterreich, Polen, Deutschland und Ungarn die Politik des Kurses oder die Richtigkeit des Spruches erfahren, daß die Regierten für die Sünden der Regierenden büßen müssen. Religion und Politik. Es ist schwer zwischen diesen beiden eine Grenzlinie zu ziehen. Religion 4karan unter Umständen ein Politikum werden, war es auch'in frühereu Jahrhunderten. Schon Konstantin der Große war von der Richtigkeit dieser Tatsache durchdrungen. Auch, das Mittelalter stand vollkommen im Barm der Religion und der Dreißigjährige Krieg war bekanntlich nichts als ein Religionskrieg. Der Humanismus hatte andere Einstellung. Von Friedericus 11. stammt das Wort: „In meinem Staate kann jeder nach seiner Fasson selig werden." Auf diese geistige Freiheitsepoche folgte allerdings genug bald der reaktionäre Rückschlag und so schwang vom 18. bis 20. Jahrhundert in gewissen Intervallen das Pendel zwischen rechts und links. Gegenwärtig wird angeblich die reinliche Scheidung zwischen Religion und Politik angestrebt. In Wirklichkeit aber verhält es sich anders. Im Kampf der Klassen und Rassen gegeneinander wurde die Religion als Machtfaktor anerkannt, demgemäß angegriffen und verteidigt. Man kann wohl sagen, in diesem Kampfe bilden die Religionen, das heißt Konfessionen, eine Einheitsfront und so erklärt es sich, wenn die katholische und protestantische Kiirche gegen die Deutschnationalen, die das Evangelium verjudet finden, und für das Judentum Stellung nimmt. Die völkische Bewegung richtet sich scheinbar gegen die vatikanische und jesuitische Politik, tatsächlich aber gegen die Fundamente jener Religion, die den Nächsten zu lieben und dulden befiehlt. Der „Nächste", das ist ja schrecklicherweise der Jude, den jeder waschechte Arier als Wurzel und Quell alles Uebels verfolgen muß. Daß in Beobachtung dieser Prinzipien mehr auf dem Spiele steht als Sein oder Nichtsein des Judentums, ist wohl klar. Schon wanken, wo man Parteien, Politik über Religion stellt, die Fundamente des Staates, Gerechtigkeit und persönliche Freiiieit. So in Deutschland und wenn wir in dessen Fußstapfen treten, auch in Oesterreich. „Ja, die Böhm!" Während die akademische Jugend Wiens und deren „alte Herren" sich durch ihre Numerus clausus-Forderunigen und wüste Stänkereien mit Söhanach bedecken, sind Tschechen und Deutsche ohne Unterschied: der Konfession - am Werke, dem Kulturfortschritten zu dienen. Führend arbeitet der Zentralverband der tschecho-slowakischen Studentenschaft. Ja, freilich haben die einen den Seipel und die andern den Masaryk.

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