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Die Wahrheit · 1924-02-28 · Heft 9 (29.2.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 9 (29.2.1924)
Date
1924-02-28
Page
– (sequence 9)
Language
German
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M#tf« ittctfttÜM timiitiiit*fiäwüin*m**mb* Uita« Veröffentlichungen U—* Ötf * i PoBtioarkaMeii- Konto Ufilon deutschösterreichischer Juden' ^^Jy^^Jy^jl^^^A^ PottsparfcaMen- Koni» »r;! Telephon *r. lt*M» Fremdenhetze oder Fremdenverkehr. „Hinter dem Ofen dichtet man die schönsten Liebesiheder!" heißt es bei Heinrich Heine. — Ob wohl unser Budget ausschuß an diese Verse gedacht hat, als er mitten in der grimmigsten Wihterkälte sich mit dem Bundesminister für Handle! und Verkehr, Herrn Dr. S c h ü r f f, über die erforderlichen Maßnahmen zur Steigerung des Fremdenverkehrs in Wien und ganz Oesterreich auseinandergesetzt hat? In dieser Diskussion war von allen möglichen Behinderungen des Fremdenzuzuges, so insbesondere von der Fremdenizimmerabgabe, von den Mängeln des Hotelwesens in unseren Alpenländern, von den Paßbeschränkungen an den Grenzen etc. die Rede. Wovon nicht gesprochen wurde, war die Borniertheit der antisemitischen Hetzer und der von ihnen aufgereizten Gemeindegewaltigen in den verschiedemetn Sommerfrischen!, welche im Vorjahre beschlossen hatten, für den Bereich ihrer Kirchtürme die Staatsgrundgesetze aufzuheben und Juden den Aufenthalt in ihren Orten zu verwehren. Ja, es ist in einzelnen! dieser Orte sogar vorgekommen, daß man jüdischen Sommerfrischlern zuerst den Mietzins abgenommen und sie dann mit Gewalt aus ihren Wohnungen verjagt hat. Bundesminister Dr. S c h ü r f f hat in dieser Debajtte im Budgetausschusse neuerlich erklärt, daß ihn die Hebung des Fremdenverkehres in Oesterreich sehr am Herzen liege und daß er (demselben seine volle Aufmerksamkeit zuwende. Wir glauben ihm dies aufs Wort. Denn trotz seiner Zugehörigkeit zur großdeutschen Partei läßt sich Dr. Schürff in der Führung seines Amtes nur von ernsten und rein sachlichen Beweggründen leiten. Er hat sich mit dem Präsidienten das Verbandes der Fremdenverkehrsvereine und mit dem Obmann der HoteMervereinigung auf dem Standpunkte gestellt, daß die Politik mit den Maßnahmen zur Hebung des Fremdenverkehres nichts zu tun haben dürfe. Mit anderen Worten: daß antisemitische Hetzereien auf diesem Gebiete nicht am Platze seien. Er hat uns auch verständigt, daß er jene Eingabe, welche wir anläßlich der Enquete über die Hebung des Fremdenverkehrles im letzten Herbste an ihn richteten und in welcher wir in sehr eingehender Weise die schädigenden Einflüsse der Judenhetze in verschiedenen Sommerfrischen aufzeigten, an die Fremdenverkehrszentrale zur sorgfältigen Erwägung abgetreten habe. Das ist sehr brav und sehr löblich, und wir hoffen, daß die genannte Stelle diese Einsalbe nicht unter den Tisch hat fallen lassen. Aber was der Minister damit getan hat, ist viel zu wenig, und wir greifen dieses Thema neuerdings und rechtzeitig auf, um ihn noch vor Beginn der Fremdensäasön vor «einem verhängnisvollen „laissez faire, laissez aller" zu warnen. Die Neigung zum Besuche unserer schönen Stadt und unserer noch schöneren Alpenwelt setzt sich aus verschiedenen Konsumenten» zusammen. Wenn es schon als eine Schädigung des Fremdenzustromes bezeichnet wird, daß die Wiener Banken ihre Kassenschalter am Nachmittag nicht offen halten, eine um wieviel größere Schädigung bedeutet es, daß Fremde in irgend einem Orte, wo sie zur Sommerszeit Erholung suchen, sei es aus Gründen des Fremdenhasses oder des Judenhasses im besonderen, angerempelt und insultiert werden! Die Judenhetze wird derzeit in Oesterreich außer von dem famosen Herrn Dr. Jerzabek nur noch von den Anhängern der Großdeutschen betrieben. Dr. Schürff steht gewiß nicht auf dem Standpunkte seines Ministerkollegen Dr. Frank, der einmal erklärte, daß er sich mit einem KJubgenossen nicht in Widerspruch setzen könne. Er würde sich gewiß nicht verpflichtet fühlen, aus dem Fenster zu springen, wenn sein Klubfreund Dr. Frank eine solche Narretei beginge. Aber in dieser Sache muß endlich Ordnung geschaffen und die Gemeindevertretungen müssen im Wege der Landesregierung schon jetzt sehr deutlich darüber aufgeklärt werden, daß in Oesterreich für alle Staatsbürger volle Freizügigkeit besteht undi daß antisemitische Treibereien in den Sommerfrischen das Werk des Wiederaufbaues nicht zu fördern geeignet sind. Es ist Sache des Verkehrsministers, die Initiative zu einer solchen Aufklärung zu ergreifen. Siegfried Fleischer. Horthy vor dem Falle. Das Regime des Reichsverwesers H or th y beginnt: zusammenzubrechen. Die ungarische Krone hat eine katastrophale Entwertung erfahren, der Finanzminister und der Justizminister mußten demissionieren und auch das ganze Kabinett B e t h 1 e n steht vor dem Sturze. Es will sich noch durch finianizid'le Verordnungen retten, welche einen bemitleidenswerten wirtschaftlichen Dilettantismus, aber auch die seit Jahren großgezogene Mentalität verraten, daß unangenehme Situationen und Schwierigkeiten durch Gewalt und Polizeimandate überwunden werden können. Bs ist in den letzten Tagen in den vom Baron Boroviczenyi herausgegebenen Tagebüchern des Kaisers Karl aufgezeigt? worden, wie Herr Horthy zur Macht gelangt ist, und welche Aufgabe er sich gestellt hat, als er das Kommando jener zusammengelaufeneni Rotten übernahm, welches die Szegediner Armee genannt wurde. Die Schuld an der Kommuntistenherrschaft in Ungarn haben jene Kreise um Horthy der internationialen Freimauerei zur Last gelegt, und Herr Horthy hat seine Getreuen angewiesen, hierfür mit den gleichen Mitteln blutrünstiger Rachsucht Vergeltung zu üben, welche die Bela Kun und Genossen angewendet hatten. Unter „Freimaurern" hat man

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