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Die Wahrheit · 1924-02-28 · Heft 9 (29.2.1924) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 9 (29.2.1924)
Date
1924-02-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 9 mit verbundenen Ansteckungsgefahr." Raanbam (Hilchot Rozeach 12,4) lehrt: „Es ist verboten, Geld oder Gold in den Mund zu nehmen, denn es könnte * daran der eingetrocknete Speichel eines mit einer ansteckenden Krankheit Behafteten kleben oder der Schweiß eines Aussätzigen daran haften, und dies ist gefährlich. Denn der Schweiß eines mit einer ansteckenden Krankheit Behafteten is!t geradezu Gift." „Gott wird von dir alle Krankheiten fern halten," dazu bemerkt R. Josebar Chanina (Baba Mezia 107 b): „darunter sind die Absonderungen der Nase und der Ohren zu verstehen," denn diese bilden den Ausgangspunkt aller Krankheiten (vgl. Raischi z. Lh.) Daß der Speichel eines Unreinen als unreinigend wirkt, ist ein bekannter Grundsatz in Mischna und Talmud, der sich auf den Wortlaut der Thora (III. B. M. 15, 9) stützt. Das „freie" Ausspucken wird auch im Talmud (Berachot 24 a und b) verboten (vgl. auch Orach Chajim 97, 2), ebenso das Niesen während des Gebetes. Auch der Talmud empfiehlt bei solchen Manipulationen sich eines Taschentuches zu bedienen. „Wer während des Ge- ■ betes ausspuckt, ist, als ob er in Gegenwart eines Königs spucken würde." „Die heilige Stätte in Jerusalem darf man nicht betreten mit einem Stock in der Hand . . ., mit Staub auf den Füßen . . . und selbstredend, daß es verboten ist, dort auszuspucken" (Mischna Berachot 9, vgl. Talmud Berachot 62 b). Allerdings handelt es sich dort nicht um sanitäre oder hygienische Maßnahmen, sondern mehr um Anstand und würdiges Benehmen. „Wer in Gegenwart seines Lehrers hustet und spuckt, ist des Todes schuldig" lehrt der Talmud an anderer Stelle (Erubin 98 a, Sabbat 114 a und Megilla 28 a). Raschi bemerkt dazu: „Wer husten muß, spucke nicht frei aus, sondern bediene sich dazu eines Taschentuches." Selbstredend wird in der „Belehrung" die größte Reinlichkeit und peinliche Sauberkeit der Speise und Getränke gefordert und zur größten Vorsicht in bezug auf das Trinkwasser gemahnt. Das Wasser, welches in ungekochtem Zustande getrunken wird, gift bekanntlich als Herd verschiedener Krankheiten. Auch der Talmud warnt vor dem Genuß von „unbewachtem" Trinkwasser, das ist vor solchem Wasser, das nicht sorgfältig aufbewahrt und zugedeckt ist (Ahoda Sara 30 a). Samuel, so erzählt der Talmud (a. a. O.), trank daher kein Wasser bei einer jüdischen Witwe (weil eine Frau, die ohne Mann lebt, auf Sauberkeit kein so starkes Gewicht legt), bei einem Heiden trank er Wasser, weil die Heiden es mit der Reinlichkeit genau nehmen. Nach einer anderen Ansicht soll Samuel weder bei einer Witwe noch bei einem Heiden Wasser getrunken haben, weil ihm beide nicht verläßlich genug in bezug auf Reinlichkeit und Sauberkeit erschienen. Endlich wird in der „Belehrung" des Ministeriums die gründliche Reinigung der Leib-.und Bettwäsche des an Grippe Erkrankten gefordert, ebenso alle Geräte und Gegenstände, die der Patient während seiner Krankheit gebraucht hatte. Es ist überflüssig zu betonen, daß diese Maßnahmen, wie* auch die geforderte Isolierung des Kranken während der Zeit seiner Krankheit sich vollständig" mit den Vorschriften der Thora (III. B. M. 15, 2 bis 9) decken, so daß man den Eindruck gewinnt, als wäre diese Bibelstelle wörtlich abgeschrieben. Die Desinfektion von Leibwäsche kommt auch im Talmud vor. In Pessachim (112b) heißt es: „Wer sein Hemd wäscht und es innerhalb acht Tagen (nach dem Waschen) wieder anzieht, sieczt sich der Gefahr der Ansteckung aus. Denn die im Hemde etwa noch vorhanden gewesenen Läuse werden durch das Waschen allein nicht gänzlich abgetötet und diese übertragen die Krankheit (Ausschlag oder Aussatz, vgl. Ram'bam z. Lt.). Diese talmndisorre Stelle ist aus mehr als einem Grunde sehr interessant. Denn erst im Laufe des Weltkrieges haben die Aerztc konstatiert, daß Läuse manche Krankheiten (wie Typhus) übertragen. Dem Talmud war diese Tatsache schon bekannt. Nach dem Talmud genügt das N bloße Waschen eines infizierten Kleidungsstückes nicht, es muß vielmehr acht Tage lang nach dem Waschen den Sonnenstrahlen ausgesetzt sein, um die schädlichen Erreger und Ueberträger von Krankheitein gänzlich zu vernichten und abzulöten. Aus diesen wenigen Beispielen, die, wie erwähnt, noch um viele; vermehrt werden können, ist leicht zu ersehen, welch eine bedeutende Fundgrube von wissenschaftlicher Forschung das „unendliche Meer" des Talmud enthält und wie kein Zweig selbst der modernsten Forschung den rabbinischen Weisen verborgen war. -... / Zum Tode Felix v. Luschans. Nicht ganz 70 Jahre alt, ist der berühmte Anthropologe Felix v. Lüsen an in Berlin, wo er seit 1904 Direktor am Museum für Völkerkunde war, gestorben. Die Anthropologie verliert mit Luschan einen ihrer bedeutendsten Vertreter. Seine Reisen in Vorderasien und Nordafrika wurden für die Völkerkunde von ungeheurer Bedeutung; die Ausgrabungen bei dem syrischen Orte Sendschirli, die er noch in den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts begann, lenkten seine Aufmerksamkeit auf die Kultur der Hetiter, die, bis dahin .-völlig unbekannt war; Luschan hat dieses lang verschollene Volk geradezu neu entdeckt. Die Ergebnisse seiner Forschungen über die Hetiter machten ihn bald berühmt. Heute sind seine ursprünglich vielumstrittenen Darlegungen über Kultur und Geschichte. des Hetitervolkes wissenschaftliches Gemeingut der Völkerkunde. In späteren Jahren hat Luschan auch Reisen nach Südafrika und Polynesien unternommen und unter seinen vielen wissenschaftlichen Publikationen auch eine anthropologisch sehr aufschlußreiche Arbeit über polynesische Schädel veröffentlicht. Als die verschiedenen Rassentheorien auftauchten, hat Luschan deren Grundlage einer genauen wissenschaftlichen Ueberprüfung unterzogen. Das Ergebnis war für die Rassentheoretiker niederschmetternd. Luschan führte den Nachweis, daß die anthropologischen Grundlagen der Rassentheorien unhaltbar seien. Seine Schriften über die Rassenfrage, besonders sein Werk „Völker, Rassen, Sprachen", in welchem er nicht nur den Dilettantismus der anthropologischen, sondern auch der sprachlichen Beweise der Rassentheorie aufdeckte, haben der Rassentheorie viel von ihrem Nimbus genommen und sie in den Bezirk der Afterwissenschaft verwiesen, so daß sie heute, umsomehr als die Schriften von Finat, Semon und anderen auch die Theorie von den erblichen Rasseneigenschaften zum Zusammenbruch gebracht haben, nur an Hakenkreuzhochschulen ernsthaft diskutiert und verwendet werden kann. Es sei übrigens bei dieser Gelegenheit daran erinnert, daß Luschan vor einigen Jahren in Wien einen Vortrag hielt, in welchem er gegen die für antisemitische Zwepke mißbräuchlich verwendeten. Theorien von der semitischen Rasse und ihren Eigenschaften, den Nachweis führt, daß die Juden, die als die prononcierten- Vertreter der semitischen Rasse hinge- ■ stellt werden, anthropologisch nicht als Semiten angesehen werden können. Luschan war in Oesterreich (Ober-Hollabrunn) gebürtig,' studierte in Wien Medizin und später in Paris bei Broca Anthropologie. Nach kurzer Tätigkeit in Wien wurde er im Jahre 1885 nach Berlin berufen. An der dortigen Uni-

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