Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1924
- Issue
- Heft 8 (22.2.1924)
- Date
- 1924-02-22
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Studien legte er in einer kleinen Schrift nieder, die sich über den Zionismus sehr günstig, über Assimilantentum sehr abfällig äußerte. Wenn dem so wäre, dann ist Mac Donald nicht mehr Antisemit als mancher treue zionistische Reiseberichterstatter. Uebrigens liegt es dem praktischen gemäßigten Sinn jedes englischen Ministers meilenferne, persönliche Zu- oder Abneigungen im Amte zu betätigen. In dieser Beziehung ist auch der bescheidene Arbeiter nicht weniger Gentleman als der höchstgeborene Lord des englischen Bibelvolkes. Krach mit den Naumann-Juden. Die nationaldeutschen. Juden, die von allen anderen politischen Parteien, von den eigenen Glaubensgenossen wie den Arischvölkischen ebenso entschieden wie nachdrücklich abgelehnt werden, lassen in ihrem aufdringlichen Liebeswerben gleichwohl nicht nach und jede ihrer Versammlungen endet mit argem Skandal. So war es auch an einem ihrer letzten Abende, wo die Gegensätze so scharf aneinandergerieten, daß sie fast zu einer allgemeinen Keilerei geführt hätten. In Voraussicht solcher Dinge schloß der Vorsitzende rasch die Versammlung und verhinderte dadurch Tätlichkeiten, die weder dem deutschen noch dem jüdischen Namen zur Ehre gereicht hätten. Raffendes, wucherndes Gaunervolk und deutsche Trotteln. Diese Nebeneinanderstellung findenwir in einer Hornungnummer. (Die Gedankenbriieke zum Hornvieh ist leicht geschlagen) des „Michel". Unter dem raffenden, wuchernden Gaunervolk ist natürlich das Judentum zu verstehen, unter den deutschen Trotteln die Leser des „Michel*'. Mögen sie sich gegen die pöbelhafte Beschimpfung verteidigen, falls sie es für nötig finden. Was aber hat den Wutausbruch des saugroben „Michel" veranlaßt? Nur die geschäftsordnungsmäßige Eingabe der „Union deutschösterreichischer Juden" an das Bundeskanzleramt anläßlich der Ausstellung „Das gute Buch". In diesem guten Buch gab es nun eine Reihe der bedenklichsten Erscheinungen, die zu Haß und Verachtung gegen das Judentum aufreizen. Dieser Tatsache galt der Protest der „Union". Diese Tatsache hat auch den „Michel" an- und aufgeregt, so daß er nach dem Register der Branntweinbrüder greift, um seinen Gefühlen den geeigneten Ausdruck zu geben. Lenin und Quindel. Nun hat auch der tote Sowjetlöwe seinen Eseltritt erfahren. Niemand war für dieses Geschäft befähigter als der völkische Pamphletist Georg Quindel. In Nr. 3 seiner Flugblätter Weltchronik des Kommunismus und Sozialismus hebt er also an: So starb einer der größten Menschenschlächter des jetzigen Jahrhunderts (wenn man vom Hohenzollernkaiser Wilhelm II., absieht. D. Red.). Nachdem das Grauchen auf diese Art seinen Huf au dem toten Lenin gewetzt, begeifert es ihn noch mit widerlicher Spuke. „Er starb an den Folgen der orientalischen Lustseuche." Quindel bemerkt, daß Lenin selbst zwar kein Jude war, aber — was der Mann nicht alles weiß oder phantasiert — die Jüdin Krupskaja geheiratet hatte. „In seinem Hause wurde jiddisch-deutsch gesprochen (!)'* Aber auch dem lebenden Judentum und der deutschen Judenregierung wischt der Mann eins aus. Letzteren, weil sie den russischen Machthabern anläßlich des Ablebens dieses Massenmörders das Beileid des deutschen Volkes ausgesprochen. Richtiger wären Dankgottes-Dienste abzuhalten gewesen. Ganz des Teufels aber wird Freund Langohr, wenn er ganz unvermittelt auf die deutschen Juden kommt: „Sollte ihnen Gefahr drohen, dann haben sie ja noch zwei andere Eisen im Feuer, den Krieg gegen Frankreich und einen deutschen Kaiser." Für die Glaubwürdigkeit dieser stumpfsinnigen Lüge wird ein Flugblatt des „Centraivereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" angeführt. Der Jude ist also das Karnikel, das einen neuen Krieg mit Frankreich, in die Wege leiten möchte. Die völkisch eingestellten Verbände wollen von solchem Kriege nichts wissen, sagt er: wer's glaubt, zahlt eine Goldmark. Quindel hat es auch gleich weg, daß der deutsche Kronprinz von den internationalen Juden nach Deutschland gebracht wurde, um ihn zum Kaiser auszurufen, wenn ihnen die nationale Welle zu gefährlich würde. Schließlich wird Quindel elegisch und klagt über die Zwistigkciten der völkischen Führer, die einander beschimpfen und verleumden. Wie sollten sie auch nicht, wenn ein Georg Quindel das große Wort führt. Die Schuld des deutschen Reichstages bei Kriegsausbruch. Durch das nachstehende Zeugnis wird ein wichtiger Beitrag zur Schuldfrage Deutschlands am Weltkriege geliefert. Als am 4. August 1914 der deutsche Reichstag zusammentrat, war schon Unheil geschehen; aber alles wäre damals noch einzurenken gewesen; denn England hatte uns den Krieg noch nicht erklärt! Und an diesem Tage bewilligte der deutsche Reichstag ohne jede Beratung und ohne jede Debatte in einer Sitzung von 29 Minuten einstimmig die Kriegskredite! Auf was hin? Auf eine Thronrede Wilhelms, auf eine kurze Red« voll Lug und Trug Bethmanns und auf ein „Weißbuch" gleicher Qualität. Von diesem „Weißbuch" sagte Bethmann selbst am 4. August, es sei zusammengestellt „in dem Drang der sich überstürzenden Ereignisse." Der Unterstaatssekretär von Stumm sagte über dasselbe später: „daß es nicht sehr umfangreich sei, es sei sehr rasch zusammengestellt worden," und Stresemann äußerte sich: „Wir sind leider in diesem Weltkrieg diplomatisch ganz ungerüstet eingetreten und auch das deutsche Weißbuch ist dessen ein Kennzeichen mit allem, was darin nicht enthalten ist. Es macht doch den Eindruck einer recht schnellen, mühsam zusammengestellten Arbeit, die dem nicht entsprach, was hier auf dem Spiele stand." Das war allerdings am lü. Okt. 1917, da Stresemann also sprach. Am 4. Aug. 1914 genügte das Weißbuch Stresemann. und seineu Leuten vollständig. Aber nicht nur den Stresemännern, auch den anderen genügte am 4. August 1914 das Lügenbuch! Als am 15. Juli 1870 OHiver vom Corps legislative die Kriegskredite verlangte, da traten Thiers, Gambetta und Jules Favre auf und verlangten Vorlage alier Depeschen. Im deutschen Reichstag erinnerte sich am 4. August 1914 niemand dieses Vorgangs, da gab es keinen Thiers und keinen Gambetta und keinen Jules Favre! Ein einziger Blick in die Depeschen des Fürsten Lichnowsky hätte den ganzen Schwindel vom „Angriff", vom „Ueberfall" enthüllt: aber niemand wollte etwas weiteres wissen. Es waren lauter brave Leute, diese 1914er, sie schenkten Wilhelm und seinen Handlangern blindlings Vertrauen! Blindes Vertrauen auf des deutschen Volkes Risiko! Am 4. August 1914 wurden aber nicht nur die Kriegskredite bewilligt, an jenem Unglückstag wurde auch die Notenpresse in Gang gesetzt! N Das Hakenkreuz an der Universität. In dem nationalsozialistischen Wochenblatt teilt ein gewisser Sepp Payer mit, daß der akademische Senat der Wiener Universität am 20. Dezember dem Vollzugsausschuß der deutschen Studentenschaft brieflich mitgeteilt, er habe die folgenden Beschlüsse gefaßt: „Die Kammer der deutschen Studentenschaft bis zur Erfassung des Studentenrechtes als Vertretung der auf Grund der Zugehörigkeit zum deutschen Volke und der deutschen Muttersprache organisierten Studentenschaft anzuerkennen. Auszusprechen, daß schon in der Verlautbarung des akademischen Senats im vergangenen Jahre betont wurde, daß die Maßregeln auch getroffen werden, um den deutscheu Charakter der Universität nach wie vor zu wahren." Diese Verlautbarung ist der bekannte Beschluß der Dekane der fünf Fakultäten, daß die Aufnahmen von Hörern aus den osteuropäischen Staaten, nachdem diese den Anforderungen des Charakters und Kulturniveaus einer deutschen Universität nicht entsprechen, äußerst rigoros gehandhabt werden soll. Diesen Beschluß haben wir bereits im Vorjahre als einen glatten Bruch des Friedensvertrages bezeichnet und er fordert übrigens auch zu Repressalien von Seiten der betroffenen Oststaaten heraus. Was aber dem Beschluß des Senats betrifft, die Kammer der deutschen Studentenschaft, diese Quelle steten Unfriedens an der Wiener Universität, als Vertretung der auf Grund der Zugehörigkeit zum deutschen Volke und der deutschen Muttersprache organisierten Studentenschaft anzuerkennen, so ist dies eine merkwürdige Stellungnahme des akademischen Senats, der über den Parteien stehen sollte, gegen die Mehrheit, denn man muß bedenken, daß diese „Kammer" nicht die Vertretung aller Studenten, ja nicht einmal aller deutschen Studenten darstellt. Sie ist von den organisierten nationalistischen Verbindungen und Vereinen gewählt, die nur sine verschwindende Minorität in der Hörerschaft sind. Trotzdem besitzt dieser Ausschuß als einzige Hochschülervereinigung an der Universität ein Lokal und nun erhält er auch noch durch den Beschluß offiziellen Charakter; JAC. MAYER Kleider-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien 11., Glockengasse 24 Wien I!., Taborslraße 44