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Die Wahrheit · 1924-02-22 · Heft 8 (22.2.1924) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1924
Issue
Heft 8 (22.2.1924)
Date
1924-02-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. S DIE WAHRHEIT Seite / nur das persönliche Bekenntnis maßgebend sein könne und daß die Rassentheorie seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung widerspreche. Doktor S e i p e 1 hat sich damit voll und ganz auf den Standpunkt Bernatziks gestellt, der gewiß nicht im Verdiachte steht, ein Feind des deutschen Volkes gewesen zu sein. Herr Dr. Frank hat durch die Aufnahme einer Frage nach der Rassenzugehörigkeit in den Volkszählungsbogen deklariert, daß ef diesen Standpunkt für sich und seine Partei nicht teile. Für die Dauer werden jedoch solche Divergenzen in grundlegenden Fragen des österreichischen Staatsrechtes nicht bestehen bleiben können. Die österreichischen Gesetze bezeichnen die Juden als eine Konfession und sprechen deren volle Gleichberechtigung aus. Die Großdeutschen mögen dagegen „vorstoßen", wie sie wollen, sie werden daran nichts ändern, schon deshalb nicht, weil dieser Staat zu der so notwendigen Belebung von Gewerbe und Handel, für welche sich der Bundeskanzler erst in den letzten Tagen wieder in einem sehr beachtenswerten Vortrage eingesetzt hat, jüdischen Fleißes, jüdischer Intelligenz und jüdischer Opferwilligkeit nicht entraten kann. Siegfried Fleischer. Aus unseren Mitgliedschaften. Ortsgruppe Wiener-Neustadt. Unter dem Vorsitze ihres rührigen und verdienstvollen Obmannes Herrn Doktor S. Karpfen hielt unsere Ortsgruppe Wiener-Neustadt Sonntag, den 17. Februar, ihre diesjährige Plenarversammlung ab, zu welcher sich von der Zentrale die Herren. Präsident Doktor Ornstein und Sekretär Fleischer, ferner der Vorsteher der Wiener-Neustädter Kultusgemeinde Herr Unger mit zahlreichen Mitgliedern eingefunden hatten. Der Vorsitzende begrüßte herzlichst die Erschienenen und verwies auf die segensreiche Wirksamkeit der „Union", welche seit 38 Jahren mit ungeschwächter Energie die staatsbürgerlichen Rechte der österreichischen Juden vertrete. Wenn diese Organisation nicht schon bestünde, so müßte sie neu geschaffen werden. Präsident Dr. Ornstein gab sodann einen eingehenden Ueberblick über die Wirksamkeit der „Union deutschösterreichischer Juden" im abgelaufenen Jahre. Er verwies auf die jüngste Audienz der Zentralleitung beim Bundeskanzler Dr. Seipel, in welcher neuerdings das aus dem Friedensverträge fließende Optionsrecht erörtert und für eine bestimmte Kategorie der Optionswerber günstige Entscheidungen in Aussicht gestellt wurden. Bedeutsam sei die Erklärung des Bundeskanzlers, daß für die nationale Zugehörigkeit nur das persönliche Bekenntnis maßgebend sein könne und daß die Rassentheorie seiner wissenschaftlichen Ueberzeugung widerspreche. Redner besprach den unermüdlichen Kampf der „Union" gegen die Bestrebungen zur Einführung des Numerus clausus und die zahlreichen Interventionen, durch welche der Beschränkung der verfassungsmäßigen Freizügigkeit jüdischer Sommergäste entgegengetreten wurde, und forderte schließlich zum Beitritt und zur eifrigen Förderung der „Union", dieses Kampforgans der österreichischen Judenschaft, auf. Nicht jeder könne ein Kämpfer für sich sein, aber jedermann müßte sich als dienendes Glied der Kampforganisation als Ganzes anschließen. (Lebhafter Beifall.) Nach dem Mincha- und Maariw-Gebet ergriff sodann Sekretär Fleischer das Wort, der betonte, daß „Awäudoh" zugleich Gottesdienst und Arbeit bedeute. Auch unsere Arbeit für Recht und Ehre der Juden sei ein Dienst zur Ehre Gottes. Redner unterzog die gegenwärtige und künftige Lage der österreichischen Judenschaft einer sorgfältigen Prüfung und kam zu dem Schlüsse, daß bei aller Verschiedenheit politischer und sozialer Anschauungen doch immer wichtige gemeinsame Interessen ein einigendes Band um alle Juden schlingen werden, welche wirksam nur durch die Juden selbst vertreten werden können. (Allgemeine Zustimmung.) An die Ausführungen der beiden Redner schloß sich eine längere Diskussion, in welcher die Herren Weiß und Rosenberger die volle Anerkennung der von ihnen vertretenen Gruppen zur Tätigkeit der „Union" -zum Ausdrucke brachten. Der Ortsgruppe traten in.der Versammlung eine Anzahl neuer Mitglieder bei und auf Antrag des Herrn Gewing wurde ein besonderes Werbekomitee eingesetzt. Mit herzlichen Dankesworten schloß der Vorsitzende die anregende Versammlung. Ortsgruppe Floridsdori. Dienstag, den 26. Februar, um 3^8 Uhr abends, findet im Saale des Gate Klein, XXL, Am Spitz 2, eine Versammlung der Ortsgruppe Floridsdorf statt, in welcher der Präsident der „Union" Herr Dr. J. Ornstein über das Thema „Unser Kampf ums Recht im letzten Jahre", und Sekretär Fleischer über die Notwendigkeit einigen Vorgehens im Abwehrkampfe und in der Aufklärungsarbeit sprechen werden. An die Referate schließt sich eine Diskussion. Gäste, auch Damen, sind herzlichst willkommen. Ortsgruppe Graz. (Sehr merkwürdige Moralbegriffe und Zustände an der hiesigen Technischen Hochschule) enthüllt der sozialdemokratische „Arbeiterwille". Anläßlich eines Ehrenbeleidigungsprozesses des Professors Alfons Leon wurden skandalöse Einzelheiten über das Abhängigkeitsverhältnis aufgedeckt, das zwischen den deutschnationalen Professoren und den hakenkreuzlerischen Studentenverbindungen besteht. Professor Leon hat sich wiederholt in abfälliger Weise über den sittlichen Wert des Krieges und gegen den nationalen Chauvinismus ausgesprochen und sich hierdurch nicht nur unter den Studenten, sondern auch unter seinen Professorenkollegen heftige Feinde zugezogen. Im Herbste 1922 wurde der Farbenstudent B. wegen arroganten Benehmens von einem Assistenten des Professors Leon im Laboratoritrm zur Rede gestellt Darauf torderte der Student den Assistenten (!) und als Professor Leon dem Burschen das Nationale'abnahm, gab dieser einen falschen Namen an. Die Korporation, der B. angehörte, verhängte nun über den Assistenten den Boykott. Nun forderte Professor Leon die Disziplinierung der Hörer, das Professorienkollegium aber disziplinierte den Professor Leon (!), weil dieser bei der Polizei die Ausforschung des wahren Namens verlangt hatte.— Ein anderer Couleurstudent hatte die erste Staatsprüfung mit Ach und Krach bestanden. Einige Monate später legte er vor einem Professor, der ihm sehr nahe stand, die nächsten Prüfungen ab und bestand sie mit vorzüglichem Erfolg. Professor Leon, dem die Sache nicht geheuer schien, verlangte eine schriftliche Prüfung. Der Hörer versagte bei derselben und sollte nun auch die anderen Prüfungen vor einer Kommission wiederholen. Das Professorenkollegium begnügte sich jedoch damit, dem Studenten das Ehrenwort (!) abzunehmen, daß er den Stoff beherrsche, und auf Grund dieser Erklärung schenkte man ihm die zweite Staatsprüfung und Professor Leon erhielt einen Verweis. Der „Arbeiterwille" fragt mit Recht, warum an der Grazer Technik Farbenstudenten überhaupt noch geprüft werden und statt der Prüfungen nicht durchwegs das deutscharische Ehrenwort abverlangt wird. — Vor kurzem erhielt Professor Leon einen anonymen Drohbrief, mit der Unterschrift: „Deine Henker". Die Schriftsachverständigen stellten fest, daß der Brief von einem Studenten M. geschrieben worden seit Dieser erklärte jedoch unter Ehrenwort, er habe den Brief nicht geschrieben, und das Professorenkollegium kam zu dem schriftlichen Entschluß: „Das Ehrenwort eines Akademikers ist über jeden Zweifel erhaben." — Der Techniker M. hatte das Reißzeug eines Kollegen gestohlen und verkauft Das Bezirksgericht verurteilte ihn zu einer Arreststrafe und trat den Akt an das Professorenkollegium ab. Vorher aber hatte die Burschenschaft, welcher M. angehörte, dem Couleurbruder das Ehrenwort abgenommen, daß er unschuldig sei. Die Burschenschaft forderte nunmehr vom Rektorate, daß das Verfahren eingestellt werde, denn M. sei ein Couleurstudent und ein deutscher Charakter durch und durch. Er könne daher den Diebstahl nicht begangen haben. Das Rektorat stellte eine schriftliche Erklärung aus, in der es heißt: „M. hat den Diebstahl nicht begangen, denn das Ehrenwort des Akademikers ist über jeden Zweifel erhaben, und außerdem bürgt seine Couleur für ihn." Professor Leon wurde für ein Semester suspendiert. Dasselbe sozialdemokratische Organ berichtet daß unter den Mitgliedern der Jungmannengruppe des „Allgemeinen deutschen Turnvereines in Graz" sich eine förmliche homosexuelle Kameradschaft gebildet hatte, in der wabre Orgien getrieben wurden. — So sieht die intellektuelle Zukunftshoffnung des Steirerlandes aus!

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